Königstein

Drei Schulen – drei Religionen

Zwei Jugendliche stehen auf der Bühne nah beieinander, Oorell vorne und Richard etwas dahinter. Nervös wechseln sie von einem Fuß auf den anderen, sie sind es nicht gewohnt, vor so vielen Menschen zu sprechen und zu singen. Am Donnerstagmorgen treten sie beim großen Freundschaftsfest in der Halle des Weißen Hauses der St.-Angela-Schule in Königstein auf. Fast 2000 Zuschauer sitzen vor ihnen auf dem Fußboden, der Großteil sind junge, hübsche Mädchen, flankiert von Lehrkräften, Ehrengästen und Schulleitern.

Oorell ist Schüler der jüdischen Lichtigfeld-Schule in Frankfurt, Richard ist Muslim und geht auf die dortige Werner-von-Siemens-Berufsschule. Seit mehreren Jahren nehmen sie an dem interkulturellen und interreligiösen Projekt »Anderssein, gemeinsam leben« teil. Ihre Performance ist so etwas wie ein inoffizieller Höhepunkt. Sie singen gemeinsam einen Psalm – auf Hebräisch. Mit ihren Gesten formen sie Figuren, die Gott, den Himmel, die Erde und die Hoffnung symbolisieren.

Nadija Duric, Politiklehrerin an der Lichtigfeld-Schule, ist gerührt. Sie ist eine der Initiatorinnen, die die drei Schulen zum Trialog zusammenbrachten. »Das zu sehen, ist ein großer Erfolg«, sagt sie und meint damit vor allem die muslimischen jungen Männer, die einen Text auf Hebräisch singen und zu hebräischen Liedern tanzen. Dieses Gefühl, die Menschen zu erreichen, etwas zu bewirken, »das treibt mich an«, sagt sie. Und auch Alexa Brum, die ehemalige Leiterin der Lichtigfeld-Schule und heutiges Jury-Mitglied der Herbert-Quandt-Stiftung, ist sicher: »Das Projekt ist einzigartig. Diese Form der Kooperation gleich dreier Schulen gibt es sonst nirgendwo.«

Finanzierung Vor sechs Jahren fanden die Schulen zusammen, um miteinander und voneinander zu lernen. Seit drei Jahren erhalten sie dabei auch Fördergelder der Quandt-Stiftung, rund 3000 Euro, mit denen Gesprächskreise, Feste, Diskussionsabende finanziert werden. Entstanden sind auf diese Weise ein Workshop über das Selbstverständnis der Frau in den drei Religionen, ein Kommunikationstraining, ein Sportfest, gemeinsame Koch-Nachmittage und ein Film, der beim Fest gezeigt wird.

Darin berichten Oorell, Richard und Schülerinnen der katholischen Mädchenschule St. Angela von ihrem Alltag, ihren Familien, Freunden, und davon, was ihnen Religion bedeutet. Sie nehmen die Zuschauer mit zu morgendlichen Gebeten, Besuchen in der Moschee, zu Spielnachmittagen im jüdischen Jugendzentrum oder in die katholische Messe. Oorell erzählt von Purim, seinem Lieblingsfeiertag, Richard vom Freitagsgebet in der Moschee, die Schülerinnen von Weihnachten.

Die Schüler des Trialog-Teams tragen T-Shirts mit einem Baum auf der Rückseite. In den Ästen finden sich Davidstern, Halbmond und Kreuz: Jeder hat seine eigene Identität, aber einen gemeinsamen Stamm und eine Wurzel. »Wir müssen das Herz und nicht das Auge sprechen lassen«, sagt eine katholische Schülerin. Als auf der Klarinette die melancholisch-fröhliche »Ballade für einen Klezmer« erklingt, wippen viele Füße mit. Für die szenischen Einlagen erhalten die Schüler viel Applaus. Der ganze Saal gerät in Bewegung, als der hebräische Song »Yo Ya« aus den Lautsprechern schallt. 2000 Schüler und Schülerinnen führen gemeinsam einen Tanz vor, den sie extra für dieses Fest einstudiert haben.

»Etwas ist mit unserem Denken, unserem Fühlen passiert in dieser gemeinsamen Zeit«, betont Karin Hildebrandt, Religionslehrerin an der St.-Angela-Schule. »Es ist schön, die Kultur der anderen mitzuerleben«, findet die Gymnasiastin Johanna. Für Noga Hartmann, Leiterin der Lichtigfeld-Schule, ist das Projekt »ein Segen. Es ist wichtig für heute, morgen und unsere Zukunft. Es steckt so viel Herzblut darin«, freut sie sich. Sie hat das bei ihrer eigenen Tochter May miterlebt, die über den Trialog der Schulen eine gute muslimische Freundin gefunden hat. »Wir waren in Tel Aviv in Urlaub, und May wollte unbedingt ihrer neuen Freundin ein Geschenk von dort mitbringen«, berichtet die Mutter.

Freundschaften »Es sind viele Freundschaften entstanden«, weiß auch Nurith Schönfeld-Amar, Leiterin des Fachbereichs Jüdische Religion an der Lichtigfeld-Schule. Nicht nur zwischen den Schülern, sondern auch unter den Lehrern. »Da stimmt einfach die Chemie.« Die Frankfurterin engagiert sich seit zwei Jahren in dem Projekt. Das Interesse ist groß, inzwischen gibt es Wartelisten, weil nicht alle gleichzeitig teilnehmen können. »Wir wählen die Schüler aus den verschiedenen Jahrgangsstufen aus, die dann wiederum als Multiplikatoren die Arbeit weitertragen«, erzählt sie.

Die muslimischen Schüler der Frankfurter Siemens-Berufsschule haben es da etwas schwerer. Sie müssen bereits arbeiten, die Zeit für das Trialog-Engagement ist knapper, und die Arbeitgeber sind nicht immer ganz so aufgeschlossen, Freiraum dafür zu gewähren. Daher sind auf dieser Seite nur rund zwölf Schüler beteiligt, während bei den anderen beiden Schulen jeweils etwa 70 bis 100 Jugendliche an den Veranstaltungen teilnehmen.

Anfangs, berichtet Karin Hildebrandt, Religionslehrerin an der St.-Angela-Schule, hatten die Mädchen ihrer Schule auch »Berührungsängste« gegenüber den meist älteren und groß gewachsenen muslimischen Schülern der Berufsschule. Doch das habe sich nach dem ersten Treffen gelegt. Einmal im Monat, mindestens aber einmal im Quartal, stehen abwechselnd Veranstaltungen an den Schulen an, für die die Lehrkräfte und die Schüler Ideen sammeln. Nurith Schönfeld-Amar mag vor allem das Kommunikationstraining.

Weitermachen »Das Projekt und die Idee bleiben in den Köpfen. Es geht den Kindern zu Herzen«, sagt Nurith Schönfeld-Amar. Sie finden es spannend, andere Jugendliche zu treffen, und »plötzlich werden Themen interessant, die sie zuvor im Unterricht langweilig fanden«, erzählt Karin Hildebrandt. Auch Klaus Paprotny von der Schulleitung der Werner-von-Siemens-Schule will auf jeden Fall das Projekt fortführen – auch wenn die Förderung der Stiftung ausläuft.

Nach der Veranstaltung nehmen die Schulleiter noch ein Erinnerungsstück mit zurück in ihre Klassen: Die Jugendlichen haben Skulpturen gebastelt. Aus einer Hand, die die Hand Gottes symbolisiert, wächst ein Baum mit drei Ästen. An deren Spitze prangen Davidstern, Kreuz und Halbmond. Weil das Fest so gut angekommen ist, soll es in der Lichtigfeld-Schule jetzt wiederholt werden.

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