Patchwork

Doppelt hält besser

Wie interreligiöse Familien ihren Alltag leben

von Rivka Kibel  28.01.2013 17:44 Uhr

Zeichen der Vielfalt: Muslime, Christen und Juden leben in religiösen Patchworkfamilien. Foto: Thinkstock

Wie interreligiöse Familien ihren Alltag leben

von Rivka Kibel  28.01.2013 17:44 Uhr

Wo Religionen aufeinander treffen, kann Verwirrung entstehen. Das gilt im großen Machtgefüge der Politik ebenso wie im kleinen, privaten Kreis der Familie. Fast jeder vierte Deutsche pflege eine »Patchwork-Religiosität«, haben Soziologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster kürzlich herausgefunden. Vor allem durch »interreligiöse Ehen entstehen religiöse Mehrfachidentitäten«, bilanzieren die Wissenschaftler.

Wie gehen Familien damit um, wenn sie verschiedene Glaubensrichtungen kombinieren müssen? Droht religiöse Schizophrenie, wenn die Kinder nach der Chanukkafeier die verbleibenden Kerzen als Weihnachtsbaumschmuck verwenden?

Der Spagat zwischen den Religionen gelinge in ihrer Familie »bislang problemlos«, sagt Laura. Sie ist Christin, ihr Mann Jude, gemeinsam haben sie zwei kleine Kinder. »Wir sind ja nicht so religiös«, sagt die 31-Jährige. Ihre Kinder seien es gewohnt, zu Hause die jüdischen Feiertage zu feiern und bei der Oma Weihnachten: »Die finden das toll, weil es zweimal Geschenke gibt.«

Was Weihnachten bedeute, wüssten ihre Kinder aber nicht wirklich. Als das Datum von Chanukka auf Weihnachten gefallen ist, »haben wir eben Weihnukka gefeiert«, berichtet Laura pragmatisch. Im vergangenen Jahr sei Weihnachten ausgefallen, weil sie nicht bei der Oma zu Besuch waren. »Was ich, ehrlich gesagt, nicht vermisse«, betont die Pädagogin, »ist der Stress, der mit einem solchen Familienfest verbunden ist.« Harmonie könne man eben nicht erzwingen, wenn die ganze Familie zusammenkommt: »Es gab immer Zoff«, resümiert Laura.

Doppelreligiosität Überhaupt macht sie kein Brimborium um die Doppelreligiosität. »Wir gehen offen damit um und verschweigen den Kindern nichts«, sagt sie. Und freut sich über die kleinen Vorteile des Alltags, die es mit sich bringt, dass das Judentum in ihrer Familie dominiert: »Ich muss weder mit Laternen an kalten November-Nachmittagen durch die Gegend laufen, noch muss ich mir beim Faschingsumzug die Beine in den Bauch stehen. Und da Purim nach Fasching liegt, kann ich die Kostüme zu reduzierten Preisen kaufen.«

Susanna kombiniert in ihrer Familie Buddhismus und Judentum. Das Gehirn zermartert sie sich deswegen nicht. »Was Religion und Kultur betrifft, sind wir sowieso total vermixt«, sagt die Frankfurterin. »Wir feiern einfach alle Feiertage. Den einen mehr, den anderen weniger. Das kommt auch darauf an, bei welcher unserer Familien wir gerade zu Besuch sind.« Für ihre Kinder sei es »selbstverständlich, dass alles nebeneinander existiert«. Und es sei überdies auch praktikabel. Eines allerdings können weder die Kinder von Laura noch von Susanna: Bat- oder Barmizwa feiern. Denn gemäß der Halacha gelten sie nicht als jüdisch.

Die Kinder von Beatrice werden später offiziell zum Judentum übertreten müssen, sofern sie dies wollen. »Wir überlassen den Kindern die Entscheidung, ob und welcher Religion sie sich letztlich zuwenden wollen«, sagt die zweifache Mutter. Wobei das Religionsfundament eher ein jüdisches ist: Zu Hause feiern sie alle jüdischen Feiertage, es wird entsprechend gebacken und gekocht.

Außerdem besuchen die Kinder die jüdische Schule und lernen Iwrit. »Ich denke, damit wird ihnen ein Übertritt einmal leichter fallen, als es mir damit gehen würde«, sagt die aus Bayern stammende 31-Jährige. Mittlerweile geht sie locker mit ihrem Patchwork der Religionen um, auch wenn der Einstieg hart war: »Meine Familie hat meinen Mann akzeptiert und aufgenommen, aber am Anfang war es schwierig«, erinnert sie sich.

beschneidung Im katholischen Heimatdorf kannte man keine Juden und wusste deshalb damit auch nicht recht etwas anzufangen. Mittlerweile ist es aber selbstverständlich, dass es bei Besuchen Pute statt Schwein gibt. Ein »sehr großes Thema« sei allerdings die Diskussion um die Beschneidung ihres Sohnes gewesen; die Familie war strikt dagegen. Dass ein medizinisches Problem die Entscheidung herbeigeführt hat, »glauben mir einige aus meiner Familie bis heute nicht«, sagt Beatrice und fügt gelassen hinzu, dass ihr das »aber auch egal« sei.

Weniger pragmatisch und gelassen gehen sie und ihr Mann mit einem sehr religiösen Teil seiner Familie um: »Zwei in den USA lebende Verwandte, beide Rabbiner, wissen bis heute nicht, dass es mich ›Schickse‹ und unsere beiden Kinder gibt«, sagt sie.

Derlei Ressentiment ficht Beatrice nicht an. Auch, dass in ihrer Familie das Judentum den Katholizismus in den Hintergrund drängt, stört sie nicht: »Für mich sind die israelitischen Geschichten ohnehin schöner und spannender erzählt. Im Christentum klingt vieles ziemlich unglaubwürdig«.

Ansprüche Sie hat sich selbst bereitwillig dem Judentum zugewandt, auch, wenn sie sich erst einmal »einarbeiten« musste: »Ich habe mich am Anfang unwohl gefühlt, weil ich die hohen Ansprüche kannte, die an eine ›jiddische Mamme‹ gestellt werden«, sagt sie. Doch schon seit einigen Jahren schwingt sie zu den jüdischen Feiertagen in der Küche das Zepter und hat die Familie ihres Mannes zu Gast.

Mit einer lieb gewonnenen christlichen Tradition hat Beatrice aber nicht gebrochen: Auch im vergangenen Jahr standen wieder selbst gebackene Weihnachtsplätzchen und ein Adventskranz auf dem Tisch. Bei der neunjährigen Tochter der Familie sorgt das alljährlich für Verwirrung. Sie kann es nicht fassen, dass man nur eine Kerze pro Woche anzündet und kein einziges Gebet dabei spricht.

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