Literatur

Die Zukunft Israels hat längst begonnen

Armand Presser, Assaf Gavron und Günter Keil (v.l.) im Jüdischen Gemeindezentrum Foto: Astrid Schmidhuber / IKG-Kulturzentrum

Unter dem Eindruck, dass es zu Israel viel Meinung, aber wenig Wissen gibt, was hierzulande zurzeit wieder einmal besonders deutlich zutage tritt, lädt das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) nun beinahe jeden Monat einen Autor und Denker aus Israel ein. Im März kam die Bloggerin Jenny Havemann, Anfang April der Multi-Tasker, Schriftsteller, Songschreiber und Übersetzer Assaf Gavron, eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Im Juni wird der Autor und Universitätsdozent Dror Mishani erwartet.

Man sollte die Chance noch mehr nutzen, aus erster Hand – sozusagen inklusive Alltagserfahrungen – über das schwere Leben in einem in vielerlei Hinsicht heißen Land zu erfahren. Assaf Gavron machte auf Lesereise für seinen jüngsten Erzählband »Everybody be cool« auf dem Weg von Heidelberg nach Zürich Station im Jüdischen Gemeindezentrum in München. Wie ihm der bestens vorbereitete Moderator Günter Keil gleich zu Beginn entlockte, ist Schreiben sein Leben. Er tut es jeden Tag.

Musik komme alle paar Jahre mit einem neuen Album hinzu. Seine letzte Übersetzung galt einem Werk von Leonard Cohen. Sechs Romane von Gavron erschienen in zwölf Ländern. Im Vorwort zum jüngsten, ins Deutsche übersetzten Erzählband geht es um den einzigen Staat auf der Welt, der auf einem utopischen Roman, nämlich Altneuland von Theodor Herzl, basiert. Dunkelheit und Leid seien Katalysatoren für Zukunftsfantasien, für den Traum von einer besseren Welt.

Assaf Gavron liebt »die Freiheit des Autors, zu tun, was er will«.

Gavron ist offenbar von der Zukunft fasziniert, liebt »die Freiheit des Autors, zu tun, was er will«. Der Sohn englischer Immigranten lebt in Tel Aviv, übrigens in der Nähe des mit einer Israelin verheirateten Regisseurs Quentin Tarantino. Von dessen Film Pulp Fiction hat er ein Zitat zum Buchtitel erkoren. Die Frage eines Forschers vom Van-Leer-Institut in Jerusalem 2019 nach einer postkapitalistischen Gesellschaft, in der alle ein Grundeinkommen hätten und Gewinnstreben sinnlos wäre, animierte den Bestsellerautor zum Mitmachen.

Zwei seiner vier Beiträge wurden übersetzt und vorgestellt. Im ersten begibt sich die Hauptfigur, nach zehneinhalb Monaten Isolation, weil Ansteckung nicht nur über Atemwege, sondern auch über Nachrichtenkanäle erfolgte, zur Bank, um ihr monatliches Grundeinkommen abzuholen; mit dabei Eiser, ihr KI-Assistent. Die beiden geraten vordergründig in einen Banküberfall. Viel tiefer greift die Frage, woraus man sein Selbstwertgefühl bezieht, wenn es nichts mehr zu arbeiten gibt.

Die zweite Geschichte vom »Zement« spielt 2066 zur Zeit einer Middle East Union, bestehend aus Israel, Palästina, Jordanien, Libanon und Syrien mit einem Grundgesetz und einer Währung – derzeit unvorstellbar. Doch Assaf Gavron sieht sich als Langzeit-Optimist. Wer hätte vor ein paar Jahren an eine Annäherung Israels mit Saudi-Arabien und Bahrain geglaubt? Für den israelischen Autor »schließt sich der Kreis zu Altneuland, dem utopischen Roman Theodor Herzls, dessen Ursprung in dieser Sprache liegt«. Armand Presser präsentierte Leseproben in Deutsch so überzeugend, dass der Büchertisch am Ende dicht umlagert war.

Assaf Gavron: »Everybody be cool. Zwei Erzählungen«. Aus dem Hebräischen von Stefan Siebers. Luchterhand, München 2025, 188 S., 20 €

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026

Genuss

Küche der Kindheit

Die Foodbloggerin Lena Bakman kocht die bucharischen Gerichte ihrer Großmutter

von Alicia Rust  24.04.2026

Porträt der Woche

Der Landeshausmeister

Alexander Reznitchi ist Afghanistan-Veteran, war Sportlehrer und wurde Techniker

von Brigitte Jähnigen  24.04.2026

Kino

Boxen auf Leben und Tod

Im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage zeigte die Kultusgemeinde die Geschichte des Hertzko (Harry) Haft

von Helen Richter  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Musik

Jiddisch und Tango

Ein grandioser Abend mit der Allround-Künstlerin Lea Kalisch

von Nora Niemann  23.04.2026

Berlin

Kontrollzentrum für mehr Sicherheit jüdischer Einrichtungen geplant

Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung: Der Zentralrat der Juden hat Pläne, um die Sicherheit jüdischer Einrichtungen zu verstärken. Wie es Sicherheitskräften von Synagogen und Co. eigentlich geht, zeigt eine Umfrage

von Leticia Witte  23.04.2026

Leipzig

Schoa-Überlebender Andrei Moiseenko reist für seinen 100. Geburtstag durch Sachsen

Andrei Iwanowitsch Moiseenko wurde im Alter von 15 Jahren als Zwangsarbeiter nach Leipzig deportiert

 23.04.2026