Erlangen

Die Toten würdig begleiten

Unmittelbar hinter dem Erlanger Burgberg wird gerade das Gleisbett für die neue Intercity-Ausbaustrecke von Nürnberg nach Berlin erweitert. Trotz der umfangreichen Arbeiten rasen immer wieder Züge in atemberaubender Geschwindigkeit vorbei.

Genau neben dieser größten Bahnbaustelle Deutschlands, etwas versteckt hinter Laubbäumen am Hang, befindet sich ein etwas verwunschen wirkender Platz – der Israelitische Friedhof der Stadt. Verfallene Betonpfeiler und rostiges Eisengeländer umrahmen einen kleinen Weg, der auf ein verschlossenes Metalltor zuführt.

Dahinter ist ein eingeschossiger Klinkerbau mit Satteldach zu sehen. Keine spektakuläre Architektur, sondern solides Handwerk: das Erlanger Taharahaus. Unverkennbar hat an ihm der Zahn der Zeit genagt. In dem Gebäude fanden die zeremoniellen Waschungen der Verstorbenen statt, bis die Nazis alle Juden aus der Stadt vertrieben hatten. Die letzte jüdische Einwohnerin der mittelfränkischen Hugenottenstadt wurde 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert.

Rotenstein Heute stehen auf dem Friedhof, der in ein altes und neues Gräberfeld unterteilt ist, Steine aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert; darunter Tafeln für die in Theresienstadt umgekommene Jenny Rotenstein, für die Gründerin des ersten Montessori-Kindergartens in Berlin, Ruth Scherk, und auch für Angehörige der Mathematikerin Emmy Noether. Der in die USA emigrierten Pazifistin hatte Albert Einstein 1935 sogar einen Nachruf in der »New York Times« gewidmet.

Genau 1143 Quadratmeter umfasst das Friedhofsareal mit dem Flurnamen »Auf dem Berg 11/2«. Am 28. Mai 1891 war es dem Schneidermeister Jacob Hoffmann zum Preis von 1525 Mark abgekauft worden. Nur ein paar Monate später konnte dort das Taharahaus eingeweiht werden. Viele Gemeindemitglieder hatten beim Bau selbst mit Hand angelegt. Während des Dritten Reichs wurden die meisten Grabsteine jedoch umgeworfen. Schlimmeres konnte der frühere christliche Friedhofswärter verhindern, der auf dem Gelände wohnte. Familienangehörige des Mannes pflegten den »Guten Ort«. Bis bis vor ein paar Jahren lebten sie noch dort. Seit 2001 wird er wieder belegt.

»Um die Rituale nach den jüdischen Gesetzen richtig durchführen zu können«, sagt Ester Klaus, die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde, »ist es ganz wichtig, ein Haus auf dem Friedhof zu haben, in dem Waschungen vorgenommen und in dem die Angehörigen dabei sein können, damit die Beerdigung traditionell stattfinden kann.«

Chewra Kadischa Mit 120 Mitgliedern ist die Jüdische Gemeinde Erlangen, in der seit Kurzem Rabbiner Meir Deus tätig ist, die kleinste Bayerns. Durch Zuwanderung Anfang der 90er-Jahre erlebte das jüdische Leben in der Universitätsstadt eine neue Blüte. Bislang wurden die Verstorbenen von der Chewra Kadischa auf dem Erlanger Westfriedhof in Steudach rituell gewaschen und auf dem Burgberger Totenacker beerdigt.

Künftig wird das nicht mehr nötig sein. Mit viel Elan haben inzwischen Mitglieder des jüdischen Studentenverbandes der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg baufällige Gartenhütten auf dem Friedhof abgerissen und damit begonnen, auch Platz für ein ungewöhnliches Denkmal zu schaffen, mit dem demnächst an die Holocaust-Opfer aus Erlangen, aber auch aus den ehemaligen Sowjetrepubliken erinnert werden soll. »Meines Wissens ein Novum in Deutschland«, meint Ester Klaus. »Die Leute sind hier sehr interessiert an jüdischer Kultur«, erzählt die Gemeindevorsitzende weiter. »Die Friedhofsführungen sind sehr beliebt.«

Munitionsfund Auch ein Klettergerüst für Kinder beseitigten die Studenten bei ihren Aufräumarbeiten. Das Innere des Gebäudes wurde im Zuge der Restaurierung ebenfalls gründlich entrümpelt. Auf Genisa-Funde ist man dabei jedoch nicht gestoßen, stattdessen aber auf alte MG-Munition zwischen den Ritzen des Dachbodens. »Wir müssen deshalb künftig bei den Renovierungsarbeiten ganz besonders aufpassen«, mahnt Christof Eberstadt. 2014 wurde er zum »Beauftragten der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen für die alte Jüdische Gemeinde« bestellt. Im Innern des Hauses bröckelt momentan noch der Putz von den Wänden. Verziert sind sie mit Schablonenmalerei, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts in fränkischen Bürgerhäusern üblich war.

250.000 bis 280.000 Euro wird die Restaurierung schätzungsweise kosten. Davon muss die Gemeinde 100.000 Euro finanzieren. Ohne Eigenleistungen und vor allem ohne Zuschüsse vom Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, von Kommune, Bezirk oder der Bayerischen Landesstiftung für Denkmalpflege hätte das Projekt gar nicht gestemmt werden können, meint Johanna Käferlein. Seit zweieinhalb Jahren ist die Architektin als Bauleiterin mit der Bestandsaufnahme sowie der Neuplanung des Grundstücks beschäftigt, das die Kommune der jüdischen Gemeinde 2015 als Eigentum zurückgab.

Keinen Zweifel hat Käferlein daran, dass das Taharahaus »ein Highlight für die Stadt« wird. In enger Kooperation mit dem Denkmalschutz sollen Zimmer, Fensteröffnungen und Türen behutsam restauriert werden. Erforderlich sind auch Sanitäranlagen für Frauen und Männer sowie ein Durchbruch zur ehemaligen Küche des Friedhofwärters, um Platz für einen Kühlraum zu schaffen. Die Gemeinde hofft bis zum 30. September 2016 fertig zu werden – pünktlich zur Grundsteinlegung des Taharahauses vor 125 Jahren. Thomas Senne

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026