Berlin

Die siebte Schriftrolle

Pünktlich zum neuen Jahr: Tora aus Zürich Foto: Marco Limberg

Lange dachte Robert Rom mit seiner Familie darüber nach, wem er den Familienschatz übergeben könnte: eine Torarolle aus dem Jahr 1943. Sein Großvater ließ sie einst von einem polnischen Sofer schreiben, der es während des Zweiten Weltkriegs geschafft hatte, ins schweizerische Zürich zu fliehen, wo die Roms zu Hause waren.

Gewidmet wurde sie seinem Urgroßvater, der Rabbiner war. Über viele Jahrzehnte war die Schriftrolle nicht mehr in Gebrauch – Roms Großeltern hatten sie wohlbehütet im heimischen Toraschrank aufbewahrt.

spiritualität Seit vergangenem Sonntag hat die Tora allerdings eine neue Heimat gefunden. Die Berliner Synagogengemeinde Kahal Adass Jisroel weihte das in Israel restaurierte Buch mit einem großen Fest ein – ein freudiges Ereignis, das so kurz vor den Hohen Feiertagen nicht besser hätte passen können, sagte der Vorsitzende der Gemeinde, Mikhail Tanaev. »Damit können wir den Menschen schon jetzt etwas Spiritualität mitgeben.«

Robert Rom war mit seiner ganzen Familie angereist: Bruder, Ehefrau, Mutter, Kinder, Schwiegertochter. Nur sein Vater fehlte. Er sei vor einem Jahr verstorben, sagte Robert Roms Bruder Armin während seiner Ansprache in der Synagoge. Dass die Tora an einen »lebendigen Ort« komme, war das Hauptziel der Schweizer. In Berlin stehe ihr eine »langfristige Zukunft« bevor, ist Robert Rom überzeugt. Die Familie habe sich im Vorfeld viele Gemeinden angeschaut. Doch keine habe sie so beeindruckt wie diese. »Das ist hier eine richtige Erfolgsgeschichte«, sagte der Anwalt.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 wächst die orthodoxe Gemeinschaft im Herzen Berlins stetig. Mit 20 Familien hat alles begonnen, heute sind es bereits 70. Synagoge, Rabbinerseminar, Kindergarten, Schule – eine Infrastruktur für mehr als 300 orthodoxe Gemeindemitglieder. Insgesamt sechs Torarollen zählte die Gemeinde bis heute. Jede kommt laut Tanaev regelmäßig zum Einsatz. Aus der Heiligen Schrift zu lesen, heiße, »ihrer Bestimmung nachzukommen«. Der Neuzugang werde ab sofort zum wöchentlichen Gebet eingesetzt. Der Rückstand müsse wiedergutgemacht werden.

wohnzimmer Zur feierlichen Einweihung trafen die Gemeindemitglieder in der Wohnung der Rabbinerfamilie Fabian ein. Im Hausflur war für die Anwohner ein Zettel angebracht worden: Es könne »etwas lauter« werden heute, man bitte um Verständnis.

Minütlich kamen neue Frauen, Männer und Kinder an. Das Wohnzimmer wurde immer voller. Irgendwann hieß es: »Lasst uns beginnen! Kinder, wartet schon einmal draußen!« Während Robert Rom die Tora auf den Arm nahm, bildeten die Jüngsten am Hauseingang ein Spalier. Von der Ruppiner Straße bis zur Brunnenstraße wurde ausgelassen gesungen und getanzt, ein Violinen- und ein Akkordeonspieler gaben die Melodien vor.

Das Ereignis lockte viele Anwohner an ihre Fenster. Sie zückten ihre Handys und Fotokameras, um das Spektakel festzuhalten. Nach einer guten halben Stunde war die Synagoge in der Brunnenstraße erreicht. Mikhail Tanaev gab noch schnell die letzten Anweisungen ans Personal, schob runde Stehtische aus dem Weg: Dem Umzug sollte auf den letzten Metern nicht noch etwas in die Quere kommen.

geschenk Dass die neue Torarolle im Land der Schoa ihr neues Zuhause findet, sei viel diskutiert worden, sagte Robert Rom. Einige könnten die Entscheidung nicht nachvollziehen. Seinen Großeltern sei die deutsche Kultur allerdings immer wichtig gewesen. Nach dem Ersten Weltkrieg habe sein Großvater ein halbes Jahr lang als Arzt in Berlin gearbeitet – ein Aspekt, der bei der Wahl der neuen Gemeinde ebenfalls eine Rolle spielte.

Dem Festakt wohnten am vergangenen Sonntag auch viele Gäste bei, darunter Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz, sowie eine Delegation aus Lakewood in New Jersey. Für einige von ihnen war der Besuch in Berlin eine Premiere.

Die Einweihung einer Tora sei stets etwas Besonderes für eine Gemeinde, sagte Mikhail Tanaev. Nicht zuletzt auch deshalb, weil damit der Entstehungsprozess einer jeden Heiligen Schrift geehrt werde. Über ein Jahr Arbeit stecke darin. Wenn der Sofer nur einen Fehler macht, einen Buchstaben falsch aufs Pergamentpapier niederschreibt, sei die Tora nicht mehr koscher.

Die Heilige Schrift in Auftrag zu geben, sei Teil der Gebote, sagte Tanaev, und die Herstellung eine kostspielige Angelegenheit – 30.000 Euro und mehr könne sie kosten. Umso mehr freue er sich, dass seine Gemeinde mit so einem wertvollen Geschenk beglückt worden ist.

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