Deutschland

»Die Jüdische Allgemeine gehört einfach dazu«

Ihre Meinung ist uns wichtig, heißt es oft. Denn das Feedback von Leserinnen und Lesern gehört zum Journalismus einfach dazu. Kritik, Anregungen oder Lob, früher in Form von klassischen Leserbriefen, heute vor allem in den sozialen Medien zu finden, sind ein wesentlicher Aspekt von dem, was man gerne »Leser-Blatt-Bindung« nennt. Die Jüdische Allgemeine beherrscht diese Disziplin bereits seit 1946 – schließlich verstand sie sich von Anfang an als eine Stimme der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Hier sollten sich möglichst alle wiederfinden können. Es liegt also gewissermaßen in der DNA der Zeitung, ihrer Leserschaft besonders nahe zu sein, und das bereits seit mehreren Generationen. Zum Jubiläum haben wir prominente Leserinnen und Leser gebeten, ihr persönliches Verhältnis zu dieser Zeitung zu schildern.

Daniel Donskoy, Autor von »Brennen« und Schauspieler
Eine jüdische Zeitung in Deutschland, 1946, ein Jahr nach der Schoa. Wer hätte sich das vorstellen können? Nach der Zerstörung, nach dem Morden, nach den unermesslichen Verlusten. Und doch ist es geschehen. Menschen haben wieder geschrieben, gelesen, gestritten, erinnert, gehofft. Sie haben nicht nur über jüdisches Leben berichtet, sie haben es damit auch gestaltet.

Heute, 2026, ist wieder vieles Realität, was man sich lange nicht vorstellen wollte. Juden werden in Europa auf offener Straße angegriffen. Synagogen werden attackiert. In meiner Heimatstadt London werden Juden auf offener Straße angegriffen – manchmal mit Worten, manchmal mit Messern. Jüdische Kinder lernen nicht nur von der schrecklichen Vergangenheit, sie werden auch vor der Gegenwart gewarnt. Vor dem Alltag. Vor dem Sichtbarsein.

Auch das ist unvorstellbar. Und doch passiert es. Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort: bei dem, was wir uns vorstellen. Und bei dem, was wir aus unseren Vorstellungen machen. Ich stelle mir vor, dass eine jüdische Zeitung nicht nur als Zeichen des Überlebens gelesen wird, sondern als selbstverständliche Stimme einer lebendigen Gemeinschaft. Ich stelle mir vor, dass jüdisches Leben nicht erklärt, verteidigt oder versteckt werden muss. Dass Erinnerung nicht erst dann beginnt, wenn etwas verloren ist.

Sich ein freies jüdisches Leben vorzustellen, ist kein naiver Luxus. Es ist eine Haltung. Eine Entscheidung gegen die Gewöhnung an Hass. Eine Entscheidung dafür, sichtbar zu bleiben, zu sprechen, zuzuhören, weiterzumachen.

1946 war eine jüdische Zeitung in Deutschland unvorstellbar. Und doch ist sie erschienen. 2026 ist jüdische Zukunft in Europa wieder von Unsicherheit überschattet. Und doch schreiben wir. Und doch lesen wir. Und doch erinnern, streiten, hoffen wir. Wir machen weiter. Immer weiter.

Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende des Vorstands der TRUMPF SE + Co. KG
Ich lese die Jüdische Allgemeine seit vielen Jahren. Sie war in unserer Familie stets wie ein Fenster zum jüdischen Leben in Deutschland, das wir genau wie die Erinnerung an die jüdische Kultur unterstützen. Dieses Fenster wird, wenn ich so sagen darf, zunehmend kleiner, wenn ich auf die Themenauswahl und den Tenor vieler deutscher und westlicher Medien insbesondere seit dem 7. Oktober blicke.

Umso mehr imponieren mir der Mut und die Standhaftigkeit, mit der die Jüdische Allgemeine Woche für Woche den Finger auf den Antisemitismus im Alltag richtet, aber auch ganz wunderbare Reportagen und Berichte veröffentlicht.

Sie steht gerade im Hinblick auf den Nahen Osten und die politische Situation in Deutschland für unabhängigen, klugen und verlässlichen Journalismus, der die Verhältnisse differenziert betrachtet und mit seinen Gastkommentatoren eine echte Vielfalt der Perspektiven ermöglicht. Kurz: Ich wünsche der Jüdischen Allgemeinen und ihrer Redaktion weiterhin einen langen Atem und die nötige Kraft bei Gegenwind! Ihre Arbeit wird gebraucht und ist journalistisch wie gesellschaftlich von hoher Bedeutung für unser Land, das auch in Zukunft ein Land von Jüdinnen und Juden sein wird.

Uschi Glas, Schauspielerin
Die Jüdische Allgemeine wird 80 Jahre alt. Das ist ein Grund zum Feiern und Gratulieren, aber auch zum Innehalten. Mit 80 Jahren ist dieses wichtige Medium drei Jahre älter als die Bundesrepublik Deutschland, dem ersten funktionsfähigen, robusten demokratischen Staat auf deutschem Boden. Die Jüdische Allgemeine war und ist immer Gradmesser gewesen für den Zustand unserer Demokratie. Für mich persönlich als leidenschaftliche Zeitungsleserin ist die Jüdische Allgemeine insofern wichtig, als mich die jüdische Kultur von früh an interessiert hat.

Als Stimme und Chronistin jüdischen Lebens in unserem Land und als Beobachterin gesellschaftlicher Entwicklungen ist die Jüdische Allgemeine unverzichtbar – heute mehr denn je. Denn wir erleben ein Erstarken des Antisemitismus von links und rechts, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Ich appelliere an alle, denen unsere Demokratie am Herzen liegt, jüdisches Leben konsequent zu schützen und nicht wegzuschauen, nicht zu schweigen.

Genau das haben die Macherinnen und Macher der Jüdischen Allgemeinen nie getan, und dafür gilt ihnen unser aller Dank. Der Redaktion und dem gesamten Team der Jüdischen Allgemeinen wünsche ich weiterhin Tatkraft und Motivation, damit diese Zeitung auch in den kommenden Jahrzehnten eine starke, unabhängige und inspirierende Stimme bleibt.

Iris Berben, Schauspielerin
Es sind Artikel wie »Was es bedeutet, Israeli zu sein« von Eva Erben, die zum Nachdenken führen und hoffentlich einen differenzierteren Diskurs ermöglichen. Seit acht Jahrzehnten ist diese Zeitung weit mehr als nur ein Medium der Berichterstattung. Sie ist Stimme, Gedächtnis und Brücke in einer Welt, in der jüdisches Leben immer wieder erklärt, verteidigt und sichtbar gemacht werden muss. Die Jüdische Allgemeine dokumentiert Geschichte und Gegenwart, sie würdigt kulturelle Leistungen und möchte jungen Jüdinnen und Juden eine Stimme geben.

Gerade in Deutschland kommt ihr eine besondere Bedeutung zu: Sie hält Erinnerungen wach, stärkt jüdische Perspektiven im öffentlichen Diskurs und fördert Verständnis über Grenzen hinweg. Dabei verbindet sie Tradition mit Moderne, religiöse Themen mit gesellschaftspolitischen Fragen und persönliche Geschichten mit globalen Entwicklungen.

Die Jüdische Allgemeine ist damit nicht nur Chronistin, sondern sie ist auch aktiver Teil des jüdischen Lebens. Für die kommenden Jahre wünsche ich weiterhin Mut, Unabhängigkeit und Neugier. Möge die Zeitung auch in Zukunft ein verlässlicher Begleiter bleiben und ein Ort, an dem Dialog, Respekt und Wissen wachsen.

Vladimir Jurowski, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) sowie Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München
Als ich vor mehreren Jahrzehnten aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam, lernte ich bald die Jüdische Allgemeine kennen. Ich war damals – und bin es bis heute – sehr interessiert an dieser Zeitung und immer neugierig auf ihre Artikel.

In der Sowjetunion war eine jüdische Zeitung undenkbar. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine, doch später, unter staatlich gefördertem Antisemitismus, war das nicht mehr möglich. Ich bin säkular aufgewachsen. Ab und zu hörte ich jüdische Witze und Jiddisch, das meine Großmütter sprachen. Als Jude war man Außenseiter. Durch einige Freunde, die das Land verlassen wollten und einen Ausreiseantrag gestellt hatten, kam ich noch mehr mit der jüdischen Kultur in Berührung. Auch meine Familie emigrierte, und zwar nach Dresden. Dort kam ich dank meines damaligen Klavierprofessors an der Hochschule erstmals in engeren Kontakt mit der jüdischen Kultur: Er stellte die Verbindung zur Jüdischen Gemeinde Dresden her. So kam es, dass ich Gottesdienste am Harmonium mitgestaltete und mir auf diese Weise etwas Geld dazuverdienen konnte. Außerdem lernte ich Hebräisch und die Gebete.

Einige Zeit später, im Jahr 1992, nun in Berlin, hielt ich zum ersten Mal die Jüdische Allgemeine in den Händen. Ich war froh. Seitdem lese ich sie – heute meist online. Vor allem seit dem 7. Oktober 2023 finde ich immer wieder denkwürdige Beiträge. Ich wünsche der Zeitung weiterhin eine begeisterte und interessierte Leserschaft – auch unter den Jüngeren. Und dass sie dazu beitragen kann, dass sich Juden in Deutschland als Teil der allgemeinen deutschen Kulturgesellschaft fühlen und dabei ihre Vergangenheit und Herkunft nicht verleugnen.

Aufgezeichnet und zusammengestellt von Katrin Richter und Christine Schmitt

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