Porträt der Woche

Der Zeuge

»Ich bin ein optimistischer Mensch, sonst hätte ich auch nicht überlebt«: Heinz Hesdörffer (89) Foto: Judith König

Porträt der Woche

Der Zeuge

Heinz Hesdörffer hat Auschwitz überlebt. Manchmal spricht er vor Schülern darüber

von Canan Topçu  05.11.2012 17:54 Uhr

Vor zwei Wochen war ich krank. Deswegen habe ich viel im Bett gelegen. Ich huste zwar immer noch, habe aber kein Fieber mehr. Normalerweise bin ich morgens gegen sechs Uhr wach. Ich brauche keinen Wecker, ich werde von selbst wach. Der Wecker würde nichts nützen, denn ich lege nachts mein Hörgerät ab, und ohne bin ich taub.

Morgens mache ich fünf bis zehn Minuten die Übungen, die mir der Physiotherapeut gezeigt hat. Wenn ich mit allem fertig bin, gehe ich in den Speisesaal. Ich wohne in der Budge-Stiftung, einem jüdischen Altenheim in Frankfurt. Das Frühstück ist reichlich, ich kann gar nicht alles aufessen. Was übrig bleibt, nehme ich mit in mein Zimmer, das ist dann mein Abendbrot. Weil ich mittags gut esse, brauche ich abends nicht so viel. Ich will nicht dick werden und passe deshalb auf.

Ich bin der einzige Heimbewohner, der im Speisesaal frühstückt. Alle anderen essen morgens in ihren Zimmern. Zum Mittagessen kommen auch andere. Je nachdem, was es gibt, hole ich mir etwas von der koscheren oder vegetarischen Küche. Nach dem Mittagessen gehe ich wieder nach oben in mein Zimmer. Wenn ich keine Termine habe, lege ich mich nachmittags hin und schlafe ein, zwei Stunden.

asthma Ich bin Ende 2008 aus den USA nach Deutschland gekommen – und geblieben. Dort ist mir das Klima nicht bekommen; ich hatte schlimmes Asthma. Die Luft hier ist besser für mich. Eigentlich wollte ich nicht nach Deutschland, aber England oder die Schweiz sind enorm teuer. Da habe ich von der Budge-Stiftung gehört, die sowohl betreutes Wohnen als auch ein Pflegeheim betreibt, und bin gekommen.

Meine Frau ist bei unserem Sohn in New York geblieben. Lotte wollte nicht in Deutschland leben. Wir haben uns seitdem nicht gesehen; sie will nicht fliegen. Wir telefonieren jeden Tag. Um 13 Uhr rufe ich sie immer an, bei ihr ist es dann morgens um sieben. Ich habe meinen eigenen Telefonanschluss, kann Gespräche zu einem günstigeren Tarif führen.

südafrika Meine Frau hat in einem Versteck in Holland überlebt. Ich habe sie in Südafrika kennengelernt. Dorthin bin ich 1947 ausgewandert. Wir haben 55 Jahre in Südafrika gelebt; zwischendurch war ich auch immer wieder mal in Deutschland, zum ersten Mal 1953. Ich hatte einen Großhandel für Modeschmuck. Ich war also geschäftlich hier. In Südafrika wurde in den 90er-Jahren, nach dem Ende der Apartheid, vieles anders. Wir haben uns wegen der Unruhen nicht mehr sicher gefühlt und sind 2002 zu unserem Sohn in die USA gegangen. Er ist dort Herzspezialist.

Ich werde am 30. Januar 90 Jahre alt. Die Feier soll in meiner Geburtsstadt Bad Kreuznach stattfinden. Die dortige jüdische Gemeinde richtet sie aus, auch die Bürgermeisterin will kommen. Wenn ich in der Budge-Stiftung gefeiert hätte, wäre es zu teuer geworden. Von hier lade ich aber niemanden ein. Als ich kürzlich krank im Bett lag – meinen Sie, dass sich da mal jemand hier aus dem Haus nach mir erkundigt hätte? Nein, keiner. Nicht mal ein Anruf!

holland Ich habe den Holocaust überlebt. Mit meinem Bruder bin ich nach Holland geflüchtet. Dort wurden wir verhaftet, ich kam ins Durchgangslager Westerbork und dachte, ich hätte meinen jüngeren Bruder gerettet, aber das stimmte nicht. Dann kam ich nach Theresienstadt, später nach Auschwitz-Birkenau und Sachsenhausen. Nachdem ich den Todesmarsch überlebt hatte, ging ich nach Brüssel; dort kam ich bei einer Familie unter.

Nach der Befreiung, im Winter 1945/46, als ich mich einigermaßen erholt hatte, schrieb ich alles auf, was ich erlebt hatte. Schreiben war meine Therapie. Mehr als 200 Seiten habe ich geschrieben, auf dünnem Papier, mit Schreibmaschine. Danach hatte ich keine Träume mehr. Vergessen kann ich es nie, aber ich will nicht in der Vergangenheit leben. Ich bin ein optimistischer Mensch, sonst hätte ich auch nicht überlebt.

notizen Meine Aufzeichnungen lagen viele Jahre in der Schublade. Erst nach Steven Spielbergs Film Schindlers Liste, als Mitarbeiter von ihm meine Frau und mich als Holocaust-Überlebende in Südafrika interviewten, kam die Idee, die Notizen zu veröffentlichen. Mein Buch heißt Bekannte traf man immer wieder. Es ist auch in englischer Sprache erschienen; die hebräische Übersetzung, herausgegeben von Yad Vashem und dem Leo Baeck Institute Jerusalem, soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Über meine Erlebnisse spreche ich immer wieder auch vor Schülern. Ich werde eingeladen. Vorher müssen sich die Klassen auf meinen Besuch vorbereiten, mein Buch lesen und ihre Fragen zusammenstellen. Darauf bestehe ich. Das nächste Mal werde ich am 17. Dezember an einer Schule in Mainz sprechen. Und am 19. Januar bin ich in Wörstadt, einem Ort bei Alzey.

Wie meine Tage sonst so vergehen? Es gibt immer etwas zu tun. Heute zum Beispiel muss ich einen Brief ans Finanzamt in den USA absenden. Die lassen einen nicht in Ruhe! Ich schreibe auch E-Mails an Freunde und Bekannte. Ich habe viele Bekannte in Südafrika, Israel, Österreich und in der Schweiz. Manchmal fahre ich in die Frankfurter Innenstadt, um Besorgungen zu machen, in der Apotheke zum Beispiel. Die Apotheke, die die Budge-Stiftung beliefert, hat mir mal was berechnet, was sie gar nicht geliefert hat. Seitdem hole ich mir die Sachen lieber selbst. Man muss aufpassen.

Manchmal muss ich zum Arzt, so auch am kommenden Mittwoch. Wenn das Wetter nicht gut ist, nehme ich ein Taxi. Meist bin ich aber mit Bus und Bahn unterwegs. Mit meinem Behindertenausweis brauche ich nichts zu bezahlen. Im Sommer fahre ich auch mal zu Konzerten in den Palmengarten, oder ich mache einen Spaziergang hier in der Gegend. Langweilig ist mir eigentlich nur sonntags, dann ist hier in der Budge-Stiftung nichts los. Es gibt ein Monatsprogramm mit Filmen, Konzerten und anderen Veranstaltungen. Neulich hatten wir ein wunderbares Klavierkonzert. Ich höre gerne Musik.

Im Fernsehen sind die Nachrichten das Einzige, was mich interessiert, Leider kommen keine guten Nachrichten. Filme schaue ich mir nicht an – das ist nicht meine Welt. Was das Fernsehen bringt, ist doch immer nur Sex oder Crime. Wenn es ein schönes Konzert gibt, ja, dann schalte ich ein. Aber das kommt nicht oft vor.

Ich lese viel. In meinem Zimmer liegen so viele Bücher, die ich noch lesen möchte. Jemand hat mir vergangenes Jahr zu meinem Geburtstag den Roman Die Farben des Wassers geschenkt. Ich habe vor einiger Zeit angefangen, ihn zu lesen, bin aber noch nicht weit gekommen.

freunde Ich erinnere mich noch gut an meinen zehnten Geburtstag. Das war der Tag der Machtergreifung durch die Nazis. Ich habe gefeiert – da waren auch »arische« Freunde dabei, Dieter und Eberhard, die sind mit mir auf dem Sofa herumgehopst. Wir waren Kinder, zehn Jahre alt. Und ein paar Wochen später haben sie nicht mehr mit mir gesprochen, mich nicht mehr gegrüßt, waren in der Hitlerjugend und wollten mit Juden nichts zu tun haben.

Heimat – davon will ich nichts hören, damit habe ich meine Probleme. Ich habe als Kind in Deutschland gelebt und bin hier zur Schule gegangen. Doch meine Heimat ist nicht in diesem Land, wo meine ganze Familie umgebracht wurde. Aber in Bad Kreuznach auf dem Friedhof liegt mein Vater begraben. Neben ihm ist noch ein freier Platz, er ist für mich reserviert.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026