Unterricht

»Der sieht doch ganz gut aus«

Kafka ist omnipräsent – ob digital oder auf Papier.

Unterricht

»Der sieht doch ganz gut aus«

Muss man Franz Kafka heute noch lesen? Wir haben Schüler und Lehrer an jüdischen Schulen gefragt

von Christine Schmitt  30.05.2024 09:18 Uhr

Valeria Koudich, Lehrerin am Albert-Einstein-Gymnasium Düsseldorf
Ich bin an der Uni das erste Mal mit Kafka in Berührung gekommen, auch wenn ich bereits zuvor gehört hatte, es würde sich um Literatur der eher »schrägen Sorte« handeln. Rückblickend bleibt die Auseinandersetzung mit Kafkas Texten bis heute eine der lebhaftesten Erinnerungen an das Germanistikstudium für mich. Das wiederkehrende Motiv des Individuums, das ohnmächtig vor einem ungeschriebenen Regelwerk steht, wird für junge Menschen spätestens dann greifbar, wenn sie sich nach dem Auszug aus dem Elternhaus das erste Mal mit Formblättern und Anträgen beschäftigen müssen, in der ständigen Angst, von dubiosen Verwaltungen und Sachbearbeitern bestraft zu werden, sollte man etwas – es nicht besser wissend – falsch machen. Der Druck, in familiären, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systemen funktionieren zu müssen, ist wahrscheinlich eine Erfahrung, die früher oder später jeder mal mehr, mal weniger schmerzlich machen wird und die in Kafkas albtraumhaften Welten eine literarische Darstellung findet. Zudem wirft ein Roman wie Der Prozess auch politische Fragen nach einer Rechtsstaatlichkeit auf, die Menschen das Wissen um ihre Rechte durch Bürokratie vorenthält. Momentan ist Kafka leider kein Stoff des Zentralabiturs in NRW, was ich persönlich für einen Verlust halte. Erst durch die Diskussion mit anderen wird seine Literatur lebendig und bleibt aktuell.

Arthur (17), Schüler am Albert-Einstein-Gymnasium Düsseldorf
Ich lese sehr gern, früher war es für mich normal, vier bis sechs Bücher pro Monat zu verschlingen, aber jetzt habe ich zu viel mit der Schule zu tun und schaffe vielleicht ein bis zwei Bücher. Kafka kenne ich natürlich vom Namen her, aber ich habe bisher noch kein Werk von ihm in meiner Hand gehalten. Seinen 100. Todestag werde ich nun zum Anlass nehmen, Der Prozess zu lesen. Vor ein paar Jahren habe ich an einem Online-Schreib-Seminar der Düsseldorfer Uni teilgenommen. Der Dozent nahm Kafka als Beispiel, wie man einen Roman entwickeln könnte. Ich erinnere mich noch, dass ich die Handlung extrem spannend fand. Josef K. wird eines Morgens aus unbekannten Gründen verhaftet. Der anschließende Prozess zieht sich über ein ganzes Jahr und führt schließlich zur Hinrichtung von Josef K. Bis zum Schluss weiß Josef K. nicht, warum er überhaupt angeklagt wurde. Das interessiert mich.

Nikola Vučelić, Lehrer an der I. E. Lichtigfeld-Schule, Frankfurt
Kafkas Parabeln und Romane über Entfremdung und Heimatlosigkeit, über das Gefühl des Ausgeliefertseins sind zeitlose Stücke der Literatur. Oberstufenschülerinnen und -schüler können auch heute noch viel von seinen Werken lernen. Nehmen wir beispielsweise Odradek aus Die Sorge des Hausvaters. Die Figur fordert mit ihrer bloßen Existenz die Ordnung heraus, ist in gewisser Hinsicht ein Grenzgänger, bleibt ungreifbar, entzieht sich allen Kategorisierungen und scheint dennoch frei und glücklich zu sein. Hier können auch Jugendliche und junge Erwachsene anknüpfen und lebensweltliche Bezüge herstellen, die über eine reine textanalytische Übung hinausgeht. Gleichzeitig haben die Texte Kafkas immer etwas Rätselhaftes, das keine Eindeutigkeiten zulässt und somit für jeden Einzelnen und in jedem Alter individuelle Zugänge ermöglicht, die nicht selten auch sehr humorvoll sein können.

David (18), Schüler an der I. E. Lichtigfeld-Schule, Frankfurt
Im Deutschunterricht nahmen wir jüngst den Expressionismus durch. Die Geschichte Die Verwandlung von Kafka gefiel mir so gut, dass ich meinem Lehrer gegenüber den Wunsch äußerte, über Kafka meine Präsentation zu halten. Dabei soll es um die Gegengewichte Individuum und Gesellschaft gehen. Ob Die Verwandlung noch aktuell ist? Es kommt auf den Gesichtspunkt an. Viele Punkte sind in meinen Augen heute kein Thema mehr, die würde ich als eine Form von Autobiografie Kafkas oder einer generellen Geschichtsdarstellung sehen von jemandem, der nicht im »normalen Koordinatensystem« gelebt hat. Diskriminierung von Minderheiten – wie es bei der Umwandlung eines Menschen in einen Käfer der Fall ist – steht nicht mehr so auf der Tagesordnung. Jedoch wird der Antisemitismus und die damit verbundene Ausgrenzung derzeit immer stärker – so gesehen hat die Geschichte nichts an Aktualität verloren.

Hauke Cornelius, Lehrerin am Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn, Berlin
Glaubt man den sozialen Medien, verlangt der Deutschunterricht von den jungen, dynamischen, weltgewandten und im Englischen meist sehr bewanderten Jugendlichen die Beschäftigung mit uralter, angestaubter und schwer verständlicher deutscher Literatur, die thematisch schon lange nicht mehr »up to date« ist. Das trifft sicher auch auf die Texte Kafkas zu, aber wählt man als Lehrperson einen eher ungewöhnlichen Zugang, etwa über Fotos von Kafka und seiner Familie, dann kommt es durchaus manchmal zu ersten Aussagen wie »Der sieht doch ganz gut aus«, und die Jugendlichen interessieren sich dann doch relativ schnell für die Aspekte in Kafkas Leben, die ihnen selbst gar nicht so fremd sind: Probleme mit dem Vater, Berufswunsch versus Realität der Arbeitswelt oder Ähnliches. Man muss die Jugendlichen eben da abholen, wo sie stehen, und sei es auf Instagram, wo selbst Kafka ein Profil hat. Deshalb gehört die Beschäftigung mit Kafkas Erzählung Die Verwandlung und vielen seiner kurzen Parabeln, deren Lesedauer der jugendlichen, von TikTok geprägten Aufmerksamkeitsspanne entspricht, sicher immer noch zum Standardprogramm des Deutschunterrichts.

Cosima, Avgusta, Paula, Nava, Zuzanna (15 und 16 Jahre alt), Schülerinnen am Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn, Berlin
Kafka ist ein sehr berühmter Schriftsteller, und das schon über mehrere Generationen hinweg, er schrieb wichtige Texte wie zum Beispiel Die Verwandlung, Der Prozess oder Das Schloss. Um Kafkas Werk zu kennen und mitreden zu können, sollte man mindestens eines davon gelesen haben. Kafka fordert seine Leser durch die Inhalte seiner Romane zwangsläufig dazu auf, sich mit gesellschaftlich kritischen Themen seiner Zeit und besonders auch der heutigen Gegenwart auseinanderzusetzen – so beschäftigt sich Der Prozess mit dem Gesetz. Kafka lebte als deutschsprachiger Jude in Prag, gehörte also der jüdischen und der deutschen Minderheit an, was vor allem seinen jüdischen Lesern hilft, sich mit ihm identifizieren zu können, und seine Werke spannend macht. Besonders interessant ist auch, dass Kafka zu seinen Lebzeiten Teile seiner Werke keinesfalls veröffentlichen wollte, dies tat jedoch sein bester Freund Max Brod nach seinem Tod.

Frieda (16), Schülerin am Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn, Berlin
Obwohl seine Bücher als Meisterwerke der modernen Literatur gelten, werden sie von der jungen Generation kaum bis gar nicht gelesen. Dies liegt auch daran, dass es inzwischen viele andere Autoren gibt, die ähnlich wie Kafka schreiben. Doch haben die Jugendlichen sich entweder gänzlich vom Lesen abgewendet oder finden seinen Schreibstil nicht interessant. Selbst für sie gibt es inzwischen Neuinterpretationen und Adaptionen seiner Geschichten in unterschiedlichen Genres. Doch was finden andere so spannend an seinen Werken? Es ist schon eine ziemlich absurde Geschichte, dass jemand am Morgen einfach als Käfer aufwacht oder ohne triftigen Grund verhaftet wird. Die Handlungen innerhalb eines Romans von Kafka sind manchmal unzusammenhängend und bieten somit auch Platz für viele Interpretationen. Genau deswegen sollte man Kafka eine Chance geben, denn seine Geschichten sind einzigartig und vielseitig. Es gibt heutzutage keine Autoren, die wie Kafka schreiben können. Und vielleicht erkennt man sich manchmal selbst in bestimmten Handlungsweisen der Charaktere. Dazu muss man die Werke Franz Kafkas aber erstmal gelesen haben.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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