Klassik

Der Junge mit der Geige

Moti Pavlov spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Geige. Foto: Mike Minehan

Die Hornhaut an den Fingerkuppen seiner linken Hand ist so dick wie noch nie. »So intensiv habe ich selten gespielt wie in diesen Monaten«, sagt Moti Pavlov. Zeit, um Freunde zu treffen, mal entspannt Musik zu hören – Fehlanzeige. Am 7. September beginnt der 60. ARD-Musikwettbewerb, und Moti Pavlov ist mit seinem Streichquartett »Berlin-Tokyo« dabei.

Nur 13 Ensembles sind von der Jury ausgesucht worden. So werden im September viele junge internationale Spitzenmusiker nach München reisen, um in einem der renommiertesten Wettbewerbe der Welt ihr Können unter Beweis zu stellen. Das künstlerische Kräftemessen konzentriert sich in diesem Jahr auf die Fächer Gesang, Klarinette und Streichquartett.

»Wir wollen gewinnen«, sagt Moti Pavlov. Deshalb packt er schon beim Frühstück seine Gitarre aus, um die Finger warmzuspielen. Nach dem Kaffee wechselt er zur Geige, trainiert Tonleitern und schwierige Stellen, denn die will er ab 13 Uhr möglichst perfekt können, weil er sich dann mit Tsuyoshi Moriya (1. Violine), Eri Sugita (Viola) und Ruiko Matsumoto (Cello) trifft und sie gemeinsam bis 21 Uhr die Werke durchgehen.

Dieses Arbeitspensum absolviert Moti Pavlov bereits seit Monaten. »Wir verbringen alle so viel Zeit miteinander, als wenn wir verheiratet wären«, sagt der 28-Jährige. Für den Wettbewerb müssen sie zehn Werke unterschiedlicher Komponisten einstudieren. Die Jury wird ihnen erst beim Auftritt mitteilen, welche Stücke sie vorspielen sollen. »Im Studium habe ich ein Streichquartett pro Semester geprobt, nun in kürzester Zeit zehn«, staunt Moti Pavlov über sein Pensum.

Lob Warum sie an dem Wettbewerb teilnehmen? Moti Pavlov hat nur zwei Worte als Antwort: »Wir müssen.« Denn für ihn ist die Situation nicht einfach. Sein Studium hat er an der Universität der Künste und an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« beendet. Seitdem versucht er, sich als zweiter Geiger in einem Streichquartett durchzuschlagen.

Für einige Auftritte bekommen die vier Musiker zusammen 500 Euro – für die meisten allerdings nichts, außer Lob und die Möglichkeit, Auftritte zu üben. »Ich kann aber nicht anders und will auch nichts anderes machen«, sagt er. »Ich brauche nichts – nur Konzerte.« Viele seiner Freunde in Israel können ihn nicht verstehen.

Etliche hätten sich von der Kunst verabschiedet, etwas anderes gemacht und besäßen mittlerweile eine Wohnung, ein Auto und eine Familie. Er aber lebe immer noch sehr bescheiden und kenne die Situation sehr gut, sich nichts leisten zu können. Auch seine Mutter kann ihren Sohn nicht immer ganz verstehen – obwohl sie es war, die ihn zur Geige gebracht hatte und seine Eltern ihn immer noch finanziell unterstützen. Sie wollte selbst Pianistin werden, aber schaffte es nicht, weshalb sie Musiklehrerin wurde.

Russische Mutter Als Moti ein Kind war, lebte die Familie in Sankt Petersburg in Russland in einem einzigen Zimmer. Alle in seiner Familie spielten ein Instrument. Mit sechs Jahren hielt Moti zum ersten Mal eine kleine Kindergeige in seinen Händen. Schnell wurde ihm und seiner Mutter mitgeteilt, dass er sehr begabt sei. »Ich habe eine typisch russische Mutter«, sagt er, denn die drängte darauf, regelmäßig und intensiv zu üben.

Das sei anstrengend und mitunter auch schrecklich gewesen. Eigentlich wollte er damals gar nicht. Jeden zweiten Tag hatte er Unterricht. Als Moti acht Jahre alt war, ging die Familie nach Haifa in Israel, wo seine Mutter seitdem als Musiklehrerin arbeitet und sein Vater in einer Fabrik für die Qualitätskontrolle verantwortlich ist.

Die Geige stand weiterhin täglich auf dem häuslichen Stundenplan. »Meine Mutter war mein Motor.« Das änderte sich abrupt, als er 14 Jahre alt war und sein kleiner Bruder geboren wurde, denn von diesem Moment an hatte sie keine Zeit mehr für ihn. Deshalb musste er sich selbst entscheiden, ob er weiterspielen wollte. Allerdings musste er nicht lange überlegen, denn mit der Geige war er inzwischen sehr verbunden.

Sie war das letzte Geschenk, das er von seinen Eltern zu einem Geburtstag bekam – so teuer sei sie gewesen. Das ist inzwischen 15 Jahre her, und seitdem ist sie immer an seiner Seite. 50 Jahre hatte niemand auf dem Instrument gespielt. Bis sie ihren Klang entfaltet hatte, vergingen Monate.

West-Eastern Divan Nachdem Moti in Tel Aviv studierte hatte, zog es ihn nach Deutschland. »Es ist das Mutterland der Musik, die ich spiele.« Schnell lebte er sich in Berlin ein, auch weil hier viele Israelis wohnen. Noch in Israel hatte er neben dem Streichquartett auch im Orchester gespielt. Zweimal war er eingeladen worden im »West-Eastern Divan Orchestra« unter Daniel Barenboim dabei zu sein. »Da machte ich ganz andere Erfahrungen mit so einem riesigen Klangkörper.«

Obwohl es spannend war, bevorzugt er weiterhin die Kammermusik. Im vergangenen Sommer hatten sich die vier Streicher bei einem Festival in Japan getroffen, bei dem sie beschlossen, ein Ensemble zu gründen. »Seitdem stößt die jüdische Kultur mit der japanischen zusammen.«

Er bringe durchaus andere Ideen mit in die Interpretation. Beispielsweise vor ein paar Tagen, als sie darüber diskutierten, ob an einer Stelle alle lauter spielen sollten, weil es der Komponist in die Noten geschrieben hatte. Moti fand aber, dass es nicht zur Musik passte. Da prallt schon mal Werktreue auf eigene Vorstellungen. Am 30. Mai war Bewerbungsschluss beim 60. ARD-Musikwettbewerb. Am 29. Mai hatten sie den ganzen Tag geübt und zum Schluss die erforderlichen Aufnahmen gemacht mit Werken von Haydn und Hugo Wolf. Einen Monat später erhielten sie die Zusage.

Normalerweise verspürt Pavlov kein Lampenfieber bei den Auftritten. Nur kürzlich, als das Quartett in der Berliner Philharmonie vor 2.000 Zuhörern spielte, sei er doch leicht nervös gewesen. Ob er aufgeregt sein wird, wenn er am 7. September zum ersten Mal vor der Jury spielen wird, weiß Moti noch nicht. »Ich bin ja nicht alleine, sondern wir sind zu viert. Das hilft.« Wenn sie bis zum Finale dabei sein werden, dann erklingt erst am Samstagnachmittag ihr Schlussakkord.

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