Lockdown

Den ganzen Tag am Rechner

Ein Mädchen sitzt zu Hause an ihrem Schreibtisch und macht Aufgaben für die Schule. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

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Den ganzen Tag am Rechner

Computerspielen und Online-Unterricht: Fachleute erklären, was die Schulschließungen mit den Schülern machen

von Christine Schmitt  28.01.2021 09:30 Uhr

Die Schulen sind derzeit für die meisten Kinder und Jugendlichen geschlossen, stattdessen müssen sie zu Hause vor den Computern sitzen. Ausnahmen gibt es nur für jüngere Schüler, für die es oftmals eine regelmäßige Notbetreuung gibt. Auch Jugendliche der Abschlussklassen erhalten wenige Stunden in der Woche Präsenzunterricht in den Schulen.
Einige Wissenschaftler sprechen inzwischen von einer »Lost Generation«, einer verlorenen Generation, die innerhalb von zwölf Monaten zweimal auf den normalen Schulunterricht und auf Kontakte zu ihren Freunden verzichten muss.

Alter Man müsse die Situation sehr differenziert betrachten, warnt Melanie Hubermann, Systemische Kinder- und Jugendtherapeutin und Geschäftsführerin des »Balagan«-Therapiezentrums in Berlin. Das Alter der Schüler spiele dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Einige Neun- bis Zwölfjährige profitierten sogar vom Homeschooling, da sie in ihrem eigenen Tempo mit mehr Ruhe lernen können.

Da sie immer die Möglichkeit haben, bei den Lehrern nachzufragen, haben sie einen direkten Kontakt und seien in der Lage, sich gut zu strukturieren. Sie würden technisch immer versierter und würden mehr Selbstverantwortung übernehmen. Das alles lasse sie reifen. »Aber natürlich beschäftigen sich die Kinder auch mit Zukunftsfragen wie beispielsweise, ob man sich vor einem Schulwechsel noch einmal wiedersieht?«, sagt Hubermann, selbst Mutter von drei Kindern.

Man müsse die Situation sehr differenziert betrachten, sagt Melanie Hubermann. Einige Neun- bis Zwölfjährige profitierten sogar vom Homeschooling.

Andere Kinder entwickelten Ängste. Eine »versteckte Angst«, nennt sie Hubermann. »Eine Wolke schwebt über allem, die Angst um sich, um die Eltern, Großeltern und Lehrer.«

Freizeit In anderen Familien interpretierten die Kinder die Zeit als Freizeit und spielen den ganzen Tag am Computer. Die Eltern seien überfordert und hilflos. Schließlich sei nicht jedes Kind in diesem Alter selbstständig. Das kann für die Familien zu einer großen Belastung werden, und sie fühlen sich alleingelassen. Dieses Problem sei aber auch schon vor der Pandemie ein Thema gewesen und lasse sich in dieser komplexen Krise nicht kurzfristig lösen, sagt die Therapeutin.

Die Oberstufenschüler würden ihrer Meinung nach zu wenig beachtet. »Ich erlebe in meiner Praxis viele mit Depressionen, Angstzuständen. Sie spüren die Perspektivlosigkeit und brauchen Hilfe.« In Berlin gebe es aber kaum freie Therapieplätze, und sogar die Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie seien völlig überlastet.

zukunftspläne Jugendlichen werde das Flirten und Feiern genommen, sie müssen Zukunftspläne verschieben und stellen sich die Frage nach dem »Sinn des Lebens«. Dazu kommt, dass sie in einem Alter sind, in dem sie unabhängig werden und sich abnabeln wollen. »Aber sie finden keine Praktika, Ausbildungen können nicht begonnen werden, die Universitäten haben ebenfalls auf Online-Betrieb umgestellt, und Auslandsaufenthalte sind fast nicht organisierbar.«

Die Stuttgarter Psychotherapeutin Barbara Traub lehnt den Begriff der »Verlorenen Generation« ab. »Ich finde ihn nicht hilfreich«, sagt Traub. Er sei zu negativ. Gerade Kinder seien oft psychisch besser aufgestellt als Erwachsene, denn sie haben »einen unheimlich starken Überlebensdrang und mehr psychische Kräfte, damit umzugehen«. Es komme auch auf die Familien im Einzelnen an: Stärkere können diese Krise überwiegend gut bewältigen und wachsen sogar enger zusammen. Bei anderen, in denen es schon vorher Spannungen und viele Belastungen gab, werde es mitunter schwierig. Traub ist jedoch überzeugt: »Die Mehrzahl der Kinder wird die Situation gut verarbeiten.«

Notbetreuung Rafael Benari, Elternvertreter der Frankfurter I. E.-Lichtigfeld-Schule, ist froh, dass seine drei Kinder in die Schule gehen können. Jeden Morgen bringt er sie in die Notbetreuung, da er und seine Frau sie derzeit nicht selbst beschulen können. Zwar arbeite er im Homeoffice, könne sich aber zwischen all den Meetings und Planungen nicht um sie kümmern, sagt Benari. Regulärer Unterricht finde aber nicht statt, sie müssen wie alle anderen ihre »Pakete« abarbeiten. Dennoch ist er skeptisch, »ob der Schulstoff komplett vermittelt werden kann«. Da könnte es Defizite geben, befürchtet er.

Die Stimmung bei den Eltern sei geteilt, einige seien zufrieden mit dem Homeschooling, andere hofften auf baldigen sicheren Präsenzunterricht. Die Pandemie werde alle prägen, Folgen werde es bestimmt geben, glaubt Benari. Und die entscheidende Frage ist für ihn, wie lange es noch so gehen wird. Zwölf Monate Einschränkungen könne man vielleicht wegstecken. Die sind aber bald um.

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