Erinnerungskultur

»Das nagelt sich in den Kopf ein«

Stolpersteine halten die Erinnerung an die Opfer wach Foto: picture alliance / Shotshop

Giselle Heimann Ratain steht vor einem Wohnhaus in einer Berliner Straße neben einem Mann mit breitkrempigem Hut, der kniend zwei Steine in den Gehweg verlegt. Die sogenannten Stolpersteine erinnern an ihre Tante Gisela Finder und deren Sohn Leo, der nur acht Jahre alt wurde. Beide wurden 1941 nach Litauen deportiert und wenige Monate später ermordet. Im Messingblech auf der Oberseite der Steine sind ihre Namen und Lebensdaten eingeschlagen.

»Ich weiß nicht, ob es eine Erlösung ist«, sagt die Frau im blauen Kleid und weißen Jackett. Es gebe keinen Grabstein für ihre Tante und deren Sohn. Jetzt gebe es aber ein Denkmal.

Rund 100.000 Stolpersteine erinnern in rund 30 Ländern Europas an Opfer des Nationalsozialismus. Anfangs fertigte sie Gunter Demnig, der Urheber des Projekts, selbst. Der Künstler verlegte auch die Steine für die Finders. Seit 2005 produziert jedoch Michael Friedrichs-Friedlaender einen Großteil der Steine. Mit seinem Mitarbeiter stellt er bis zu 140 Exemplare pro Woche in 28 Sprachen her.

In der Werkstatt am Stadtrand von Berlin schlägt der gelernte Bildhauer Buchstaben und Zahlen für die Namen und Lebensdaten der Opfer in das Messingblech. Mit Gehörschutz auf den Ohren steht der 73-Jährige an der Werkbank, in einer Hand den Hammer, in der anderen den Handschlagstempel.

»Wenn man Buchstabe für Buchstabe einschlägt, nagelt sich das in den Kopf ein«, sagt er in sachlichem Ton. Die beiden neben dem Text übrig bleibenden Teile nennt Friedrichs-Friedlaender Schwalbenschwänze. Mit langsamen, ruhigen Bewegungen biegt er diese nach innen, legt sie mit der Schriftseite nach unten in eine Form und gießt sie mit Beton aus, sodass die Schwalbenschwänze wie eine Klammer fest im Beton sitzen.

Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter hat er mittlerweile mehr als 86.000 Steine hergestellt. Wenn nötig, helfe auch seine Frau. Sie ist ebenfalls Künstlerin und arbeitet im Atelier neben der Werkstatt.

Er sei unter Menschen aufgewachsen, »die sich einen Dreck um das Dritte Reich geschert haben, weil sie es vergessen wollten«, sagt Friedrichs-Friedlaender. Sein Großvater habe vermutlich jüdische Wurzeln gehabt. Dessen Sohn sei als Musiker aus Breslau nach Berlin gegangen und habe sich Friedrichs genannt, um in einem Klima des Antisemitismus leichter an Engagements zu kommen. So sei sein eigener Doppelname entstanden, sagt Friedrichs-Friedlaender.

Vor diesem Hintergrund begrüßt er die große Nachfrage nach Stolpersteinen: »An diese Geschichte immer wieder zu erinnern und die Verantwortung zu fühlen, ist wichtig.« Für ihn geht es nicht um Schuld, sondern darum zu verhindern, dass sich Geschichte wiederholt.

Die Stolpersteine erinnern nicht nur an Juden, sondern auch an Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Programme, Widerstandskämpfer, Sinti und Roma sowie Zeugen Jehovas. Jeden Tag Dutzende Schicksale einzustempeln, mit dem Hammer einzuschlagen, müsse man aushalten, wenn man an dem Projekt arbeitet, sagt der 73-Jährige. Wenn es etwa um Fälle wie ein Waisenhaus mit 30 Kindern gehe, kommen ihm noch heute die Tränen: »Acht bis zehn Stunden am Tag die Schicksale zu ertragen, da muss man wissen, wofür.«

Seine eigene künstlerische Arbeit hat der Metallbildhauer vorerst aufgegeben. Aber jeder Stolperstein sei ein Teil des weltweit flächenmäßig größten Holocaust-Mahnmals, sagt er, und erzählt, wie Schüler in der Werkstatt zunächst mit großen Augen auf den goldenen Glanz der Messingplatten reagieren. Beim Lesen der Inschriften auf den Steinen verändere sich dann ihr Gesichtsausdruck.

Wenn sie selbst das Schicksal eines Kindes recherchierten, das ihre Schule besucht habe und dann Opfer der Verfolgung geworden sei, bekämen sie einen echten Bezug zur Geschichte: »Das ist viel besser als die nackten Zahlen, die wir uns nicht vorstellen können.« epd

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