Düsseldorf

»Das Judentum hat hier Zukunft«

Michael Anger, Schulleiter am Albert-Einstein-Gymnasium, Düsseldorf Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Herr Anger, Sie verabschieden am morgigen Freitag die ersten Abiturienten des Albert-Einstein-Gymnasiums Düsseldorf. 32 Schüler erhalten ihr Abschlusszeugnis. Haben Sie Ihre Hausaufgaben schon gemacht und Ihre Rede vorbereitet?
Die steht. Ich muss sie nur noch üben. Aber es wird keine lange Ansprache, weil wir so viele prominente Redner wie den Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Oded Horowitz, und unsere Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Dorothee Feller, haben. Zwei Schüler werden ebenfalls eine Rede halten.

Was möchten Sie Ihren Schülern mit auf dem Weg geben?
Es ist zwar typisch, jungen Menschen, die sich auf den Weg machen, alles Gute für die Zukunft zu wünschen, aber gerade bei uns an der Schule, wo man sich auch viel mit der Vergangenheit beschäftigt, liegt noch einmal eine andere Betonung auf dem Wort Zukunft. Nämlich die Zukunft der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf und des jüdischen Lebens. Und ich glaube, dieser Jahrgang steht dafür, dass das Judentum in Deutschland Zukunft hat. Für mich ist er ein Stück weit ein Symbol für aktives, lebendiges Judentum.

Vor acht Jahren wurde das Albert-Einstein-Gymnasium als erstes jüdisches Gymnasium in Nordrhein-Westfalen (NRW) eröffnet. Vor fünf Jahren übernahmen Sie die Leitung. Sie kannten die Düsseldorfer jüdische Community vor allem dank Makkabi, wo Sie Krav Maga trainiert haben. Vor welchen Herausforderungen stand die Schule damals?
Es gab keine Struktur. Auch die Rhythmisierung war nicht passend. Wir haben also umgestellt auf 45 Minuten. Personell war extrem viel anzupassen, weil keine ausgebildeten Lehrkräfte vor Ort waren. Und die eigentliche Herausforderung war, ein ursprünglich provisorisch gedachtes Gebäude umzubauen, weil es in der Schule zu eng wurde. Aus dem Provisorium ist jetzt unser dauerhafter Standort geworden. Das heißt, ich hatte nicht nur die Schulleitung, sondern auch eine Bauleitung unter einen Hut zu bringen.

Dann kam die Pandemie, die Pädagogen und Schülern sehr zu schaffen gemacht hat. Haben Sie Probleme, Stellen zu besetzen?
Das öffentliche System stellt im Moment nicht besonders viele Lehrkräfte an Gymnasien ein. Bis zum 7. Oktober 2023 war es für uns eine gute Zeit, weil wir so gute Lehrkräfte bekamen. Jetzt, nach dem 7. Oktober, merke ich, dass die Bewerber sich verschiedene Gedanken machen: Wie ist die Gefährdungslage? Worauf lasse ich mich da ein? Und das macht die Lehrkraftgewinnung jetzt schwieriger.

Wie gehen Pädagogen, Kinder und Eltern mit dem 7. Oktober heute um?
Da ist eigentlich alles vorhanden. Am Anfang haben wir viel vor Ort gemacht: Gebete gesprochen, Raum für Gefühle eingeplant, auch Einzelstunden oder individuelle Seelsorge bei der Schulsozialarbeit. Und wir haben das Thema auch in dosierter Form in Erdkunde, Geschichte und Religion aufgenommen. Aber wir haben nicht jeden Tag nur über Krieg gesprochen, denn die Schule hat die Aufgabe, Bildung zu vermitteln. Die Kinder haben von sich aus irgendwann gesagt, dass es ihnen fast zu viel ist, weil die Eltern zu Hause die Nachrichten rauf und runter gucken. Jetzt sind wir in der Phase, wo Ruhe eingekehrt ist, zumindest innerhalb der Schule. Die Kinder signalisieren nicht mehr, dass sie noch großes Interesse daran haben. Und je länger der Konflikt jetzt dauert, desto schwieriger wird es, glaube ich, weil die Meinungen auch auseinandergehen.

Was macht eine Schule in so einer Situation?
Jüdische Werte und Bildung vermitteln. Wir wissen als jüdische Schule natürlich ganz klar, wo wir stehen. Das heißt, seit dem 7. Oktober ist bei uns die ganz große Israelflagge auf dem Hof, jeden Tag. Das geschieht ohne Zweifel, aber in den Feinheiten wird es schwierig.

Haben Sie Solidaritätsbekundungen von anderen Schulen erhalten?
Ja. Wir haben viele Kontakte zu anderen Schulen, die uns auch besucht haben. Die absolute Mehrheit hat sehr, sehr gefühlvoll reagiert. Es kamen Fragen von anderen Schulleitern, ob sie helfen können.

Und seitens der Politik?
Die Politiker waren bis in die höchste Ebene sehr unterstützend und auch nicht auf Presse aus. Die NRW-Schulministerin Dorothee Feller war bei uns, ebenso der NRW-Justizminister Benjamin Limbach und der Oberbürgermeister Stephan Keller. Alle haben sich erkundigt, wie es uns geht und ob wir in irgendeiner Form Hilfe und Unterstützung brauchen. Und gerade die Stadt Düsseldorf ist durch Veranstaltungen und Demonstrationen sehr an der Seite der Jüdischen Gemeinde.

Und außerhalb der jüdischen Community?
Das große Schweigen, das alle im nichtjüdischen Freundeskreis bemerkt haben, war schon schwer zu ertragen. Das hat mich sehr verwundert, denn das hätte ich nicht erwartet.

Wie geht es weiter?
Noch einmal zur Gründungsphase: Die Schule musste mit dem Gebäude vorliebnehmen, das damals zur Verfügung stand. Als es zu klein wurde, hat sie neue Räume bekommen. Unsere Räume sind jetzt sehr gut als Schule nutzbar. Was fehlt, ist eine große Pausen- und Sporthalle. Aber selbst da gibt es am bestehenden Standort durch Nebengebäude die Möglichkeit, noch etwas anzumieten. Die Suche in Düsseldorf war bei den Immobilienpreisen und den ganzen Sicherheitsbestimmungen, die so ein Grundstück dann auch mit sich bringt, aussichtslos. Wir wollen da keine Energie mehr hineinstecken, sondern investieren jetzt finanzielle Mittel und auch Zeit und Ideen in den bestehenden Standort. Und solange der zweizügig ist, funktioniert er sehr gut. Mehr als eine Zweizügigkeit sehe ich auch auf längere Zeit nicht.

Obwohl die Dreizügigkeit ja ein Wunsch der Düsseldorfer Gemeinde war.
Ich glaube, das war auch realistisch. Seit dem 7. Oktober muss man aber neu denken, und die sogenannten externen Schülerinnen und Schüler werden nicht mehr in der Menge auf uns zukommen. Für Eltern ist es kein niederschwelliges Angebot, wenn sie nicht jüdisch sind, sich mit dem Thema Israel und der Gefährdungslage auseinanderzusetzen. Dann haben wir noch Hebräisch und nur jüdische Religionslehre. Das sind alles Themen, die für Nichtjuden nicht so attraktiv sind. Etwa 70 Prozent sind jüdische Schüler. Bei uns sind alle Konfessionen vertreten, wir haben auch bekenntnislose Menschen. Und so werden wir auch weiterarbeiten, denn es ist eine Bereicherung und bietet einen Blick in die Mehrheitsgesellschaft. Deshalb bin ich ein Fan davon, gute Schüler von außen auch aufzunehmen.

Sie haben das Gymnasium einmal als ein Leuchtturmprojekt beschrieben. Was ist denn das Besondere für Sie?
Es funktioniert, ein jüdisches Gymnasium zu haben, wo auch nichtjüdische Kinder angemeldet werden, wo man vor allen Dingen Juden oder Jüdinnen einmal kennenlernt, und zwar als Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich glaube, dass wir so Multiplikatoren entstehen lassen, die später in der Gesellschaft wissen: »Ja, aber ich bin mit einem Juden zur Schule gegangen, und diese Menschen sind wie du und ich, die haben eine andere Religion, ganz andere Gesetze und Ideen als deine Religion. Aber wir sind Menschen, und wir kommen gut miteinander aus.« Es ist meiner Meinung nach die beste Antisemitismusprävention, auf diese Schule zu gehen.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit als Schulleiter?
Ich glaube, die Vielfältigkeit ist für mich das Ausschlaggebende, das mich jeden Tag motiviert. Ich bin kein Lehrer, sondern ein Manager, der auf verschiedenen Ebenen, und in unterschiedlichen Themenbereichen wie etwa Personalführung agiert. Dann geht es um bauliche Dinge wie Brandschutz und auf der anderen Seite um Technik, Administration von Microsoft, Kunden, Außendarstellung, Reden halten und Politiker treffen. Ich kann mir kaum einen Beruf vorstellen, der so viel Abwechslung und Reichtum bietet. Dass ich das jetzt noch in einem ganz besonderen kulturellen Umfeld machen darf, was mich auch persönlich sehr weitergebracht hat, ist beruflich das Beste, was mir je hätte passieren können.

Mit dem Direktor und Deutsch- und Englischlehrer des Albert-Einstein-Gymnasiums Düsseldorf sprach Christine Schmitt.

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