München

»Das Gemeinsame betonen«

Zur Eröffnung kamen unter anderem Yehoshua Chmiel, Georg Eisenreich, Karin Baumüller-Söder, Judith Epstein (v.l.), Anne-Sophie Mutter (M.) und Sunnyi Melles (4.v.r.). Foto: API/ Michael Tinnefeld

Ein Highlight im Münchner Kulturprogramm bilden jedes Jahr die Jüdischen Kulturtage der »Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition«. Für die 38. Ausgabe, die am 15. Oktober 2024 begann und am 9. Dezember endete, hatte der veranstaltende Verein unter Vorsitz von Judith Epstein erneut ein vielfältiges Programm zusammengestellt, das unter dem Motto »Die Sprache der Kultur verbindet« stand.

Jüdische wie nichtjüdische Kulturbegeisterte zeigten mit ihrer Anwesenheit, dass dieses Motto nicht nur eine Phrase war. »Die Kultur der freien Welt muss ein unbeirrbarer Brückenbauer sein«, sagte Epstein beim Festakt zur Eröffnung. »Kultur darf gerade in den jetzigen Zeiten nicht spalten, sondern muss unterstützen, unüberwindbar geglaubte Grenzen zu überschreiten.«

Ins Leben gerufen von Simon Snopkowski

Nachdem sie 1987 vom damaligen Präsidenten des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Simon Snopkowski, ins Leben gerufen worden waren, etablierten sich die Jüdischen Kulturtage als fester Bestandteil des Münchner Kulturlebens. 2023 war die Veranstaltungsreihe vom Terrorangriff des 7.Oktober überschattet gewesen und wurde als Statement trotzdem durchgeführt.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erinnerte sich im Rückblick daran, dass gerade die Jüdischen Kulturtage einen Weg des Zusammenhalts aufgezeigt hätten. »Wir sind nicht im Schweigen versunken«, bekräftigte sie mit Blick auf das zurückliegende schwierige Jahr. »Wir haben unsere Sprache wiedergefunden. Und wir bewegen uns in München wieder in einem Miteinander. Im Raum der Kultur.« Die Veranstaltungsreihe leiste ihren unersetzlichen Beitrag dazu, »München als Heimat jüdischer Kultur zu stärken«.

Zur Eröffnung brillierte die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter zusammen mit Lauma Skride am Klavier und Daniel Müller-Schott am Violoncello mit dem fesselnden d-Moll-Klaviertrio von Felix Mendelssohn Bartholdy. »Wo die Worte aufhören, beginnt die Musik«, kommentierte Mutter selbst den Abend. »Ein intensiver Dialog soll uns einander näherbringen und eine weitere Spaltung der Gesellschaft verhindern helfen.«

Die Schauspielerin Sunnyi Melles las aus der Novelle »Der wiedergefundene Freund« von Fred Uhlman sowie humoristische Texte von Ephraim Kishon. Den bayerischen Staat repräsentierten Kultusministerin Anna Stolz und Justizminister Georg Eisenreich, die beide auch Grußworte sprachen, sowie als Ehrengast Karin Baumüller-Söder.

»In diesen Zeiten wichtiger denn je«

»Die Jüdischen Kulturtage München sind in diesen Zeiten wichtiger denn je«, betonte Eisenreich, »sie stehen für die enge Verbindung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur mit der Landeshauptstadt München und dem Freistaat Bayern. Mit den leisen Tönen der Kultur setzen sie ein Zeichen gegen lautes Geschrei und hasserfüllte Parolen.« Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, auch Schirmherr der Kulturtage, appellierte per Videobotschaft: »Gerade jetzt ist es nötig, das Gemeinsame zu betonen, das Menschliche, die Sprache der Kultur.«

Sunnyi Melles prägte auch die folgende Filmvorführung im ARRI-Kino, dort gemeinsam mit dem Filmproduzenten David Hadda. Aus Haddas Feder stammt die preisgekrönte TV-Serie Die Zweiflers, die seit Mai 2024 in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Sie handelt von dem Holocaust-Überlebenden Symcha Zweifler, der im Frankfurter Rotlichtmilieu mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Die Kulturtage haben sich als fester Bestandteil des Münchner Kulturlebens etabliert.

Nach dem Filmscreening der beim Festival in Cannes ausgezeichneten Serie ließ Hadda im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Kulissen blicken und erklärte seine Motivation beim Drehbuchschreiben: »Ich bin in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen. Wir geben mit der Serie Einblick in die jüdische Lebenswirklichkeit und das jüdische Familienleben.« Humorvoll warf er einen Blick auf Realitätstreue und künstlerische Brechung: »Es ist same, same, aber auch different.«

Ernster, aber auch mit positiver Perspektive zeigte sich wenige Tage später eine Podiumsdiskussion im Alten Rathaus. Unter anderem diskutierten hier ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und die Publizistin und Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander mit dem Medienunternehmer Gil Bachrach über die nur scheinbar simple Frage »Einfach den Alltag miteinander leben! Kriegen wir das noch hin?«.

Zuversicht auf eine bessere Welt

Di Lorenzo erinnerte dabei daran, dass antisemitische Strömungen schon vor dem 7. Oktober nicht ernst genug genommen wurden, während Salamander unterstrich, dass die jüdische Gemeinschaft das Aufgeben nicht kenne: »Auch nach den schrecklichsten Ereignissen bleibt die Zuversicht auf eine bessere Welt.«

Zum Programm der 38. Jüdischen Kulturtage gehörten ferner das Konzert Cantor & Klezmer mit Kantor Chaim Stern und dem Tenor Ron Silberstein im Gasteig HP8 und die Ausstellung Expressionists. Kandinsky, Münter and the Blue Rider im Lenbachhaus mit Einblicken in das Werk der jüdischen Künstler Elisabeth Epstein und Moissey Kogan und ihrem Einfluss auf den »Blauen Reiter«.

Ebenfalls im HP8 las für »Klezmer & Crime« Fernsehschauspieler Max Simonischek aus der Erzählung »Giganten sterben aufrecht« des israelischen Autors Samson Stern, die sich mit der Sühne von NS-Verbrechen beschäftigt. Simonischeks eindrucksvoller Vortrag bildete einen denkwürdigen Abschluss der diesjährigen Jüdischen Kulturtage – und weckte bereits Vorfreude auf die nächsten.

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