Porträt der Woche

Berlinerin mit Klartext

»Wenn mir etwas nicht passt, dann meckere ich und mache meinen Mund auf«: Lala Süsskind wird im Juli 80 Jahre alt. Foto: Uwe Steinert

Nur wenige Male in meinem Leben hat es mich gewurmt, dass ich keinen deutschen Pass besitze. Zweimal wurde ich gefragt, ob ich den Bundespräsidenten mitwählen würde. Es ist doch eine Ehre, wenn auch jemand aus dem Volk zur Wahl eingeladen wird. Dass ich dazugehörte, fand ich wunderbar. Aber es ging nicht, weil ich keinen deutschen Pass besaß.

Meine Eltern, lda und Joseph Rubin, sind mit meinem Bruder und mir kurz nach Kriegsende aus Polen nach Deutschland emigriert. Wir erhielten lediglich ein Aufenthaltsrecht und Ersatzpapiere. Im polnischen Reichenbach war ich auf die Welt gekommen. Leider habe ich keine Erinnerungen an diese Zeit, weiß nur aus Erzählungen, dass wir illegal über die Grenze gegangen sind. Meine Eltern wollten erst einmal nach Berlin, denn hier wurden Juden in DP-Camps aufgefangen. Von Berlin aus hätten wir fast überall hingehen können.

Über die Schoa mochten meine Eltern nicht sprechen. Glücklicherweise, denn so konnte ich als jüdisches Kind unbelastet groß werden. Den Namen »Hitler« habe ich erst in der Schule gehört. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

Schon vor meinem Abitur schloss ich mich den Zionisten an

Ich bin mit Polnisch, Russisch und Jiddisch aufgewachsen. Deutsch sprachen meine Eltern kaum. Meine Mama hat immer so schöne Sachen gesagt wie »wenn schon, dann schon«. Ich fand das so herrlich, dass ich es einfach übernahm.

Schon vor meinem Abitur schloss ich mich den Zionisten an. Nun setzte ich mich intensiver mit der Schoa auseinander und machte natürlich meinem Vater den Vorwurf: Wie konntest du im Land der Mörder bleiben? Da hat er diesen Spruch gesagt, den ich nicht verstanden habe: »Wir haben hier immer auf gepackten Koffern gesessen, aber die Koffer sind zu schwer geworden.« Ich habe Papa über alles geliebt und habe seine Worte einfach akzeptiert.

Ich sage nie, dass ich Deutschland liebe. Ich liebe Berlin. Deshalb habe ich mich besonders gefreut, später mit dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet zu werden. Aber nach dem Abitur dachte ich, vielleicht solltest du doch mal versuchen, woanders zu leben. 1966 bin ich mit der Zionistischen Jugend nach Israel gereist, zusammen mit ungefähr 30 anderen jungen Menschen. Wir sind doch tatsächlich am 1. April mit dem Schiff angekommen. Und da habe ich gesagt: »Hey Kinder, wir sind die Aprilscherze.« Ein halbes Jahr arbeitete ich im Kibbuz und spürte, wie sehr ich Berlin liebte – weil ich dort meine Freunde, meine Feinde und meine Familie hatte und alles kannte. Ich verließ Israel – habe aber einen Teil meines Herzens dort gelassen.

Unsere Hochzeitsreise führte nach Israel, dort besuchte ich auch die WIZO-Kitas.

Zurück in Berlin begann ich ein Studium der Soziologie und Publizistik. Bald lernte ich bei einer Veranstaltung von Makkabi meinen zukünftigen Mann Artur kennen. Im März 1969 heirateten wir – natürlich im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde. Unter den Gästen war auch Shmuel Rodensky, der bei der Oper »Anatevka« auftrat und ein enger Freund der Familie wurde. 1971 kam zuerst unsere Tochter Aline, 1974 unser Sohn Yves auf die Welt, deren Bat- und Barmizwa wir im Gemeindehaus feierten. Mittlerweile sind Artur und ich seit 57 Jahren verheiratet. Da er Österreicher ist, bekam ich einen österreichischen Pass.

Übrigens, als Hochzeitsgeschenk erhielten wir von der WIZO einen Gutschein über ein Jahr freie Mitgliedschaft. Unsere Hochzeitsreise führte nach Israel, dort besuchte ich auch die WIZO-Kitas und fand sie ganz wunderbar.

Ab Ende der 70er-Jahre war ich schließlich aktiv in der WIZO dabei. 1986 wurde ich zur Vorsitzenden gewählt, Jahre später zur Präsidentin der Organisation in Deutschland. Ich finde es wichtig, mich ehrenamtlich zu engagieren. Viele Jahre später kandidierte ich für einen Sitz in der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Meine Bürotür stand immer offen

Wir – mein Bündnis »Atid« und ich – waren mit den damaligen Amtsinhabern unzufrieden und wollten Veränderungen. Vorsitzende wollte ich eigentlich nicht werden, doch dann konnte unser Spitzenkandidat nicht zur Wahl antreten, und so kam es, dass ich zur ehrenamtlichen Gemeindechefin gewählt wurde.

Meine Bürotür stand immer offen, wir hatten auch ein gutes Verhältnis zum Berliner Senat und konnten einiges bewegen. Diese Zeit war sehr interessant, arbeitsintensiv und erfolgreich. Wir konnten den ersten Antisemitismusbeauftragten Berlins ehrenamtlich beschäftigen. Mit ihm habe ich später das »Jüdische Forum gegen Antisemitismus« gegründet, das auch vom Berliner Senat finanziert wurde.

Aber als mein Mann irgendwann sagte, er würde – weil ich so selten zu Hause war – mittlerweile alle Würstchenbuden in Berlin kennen, kandidierte ich bei der nächsten Wahl nicht mehr für einen Sitz in der Repräsentantenversammlung. Es ist mir aber ein Bedürfnis, mich weiter zu engagieren, vor allem gegen Antisemitismus, Rassismus und Homophobie.

Bei vielen entsprechenden Vereinen und Institutionen bin ich Mitglied oder auch im Vorstand. Eine sehr gute Freundin von mir ist Imamin Seyran Ateş, zusammen haben wir viele Aktionen wie beispielsweise die Mahnwache am Brandenburger Tor gegen Krieg und Judenhass gestartet. Jetzt bin ich beim Jehi Or, dem Jüdischen Bildungswerk für Demokratie – gegen Antisemitismus, aktiv, das unter anderem die Kampagne »Solidarisch gegen Hass« vorwärtsbringen will. So möchten wir in Neukölln Schutzräume einrichten für Menschen, die gefährdet sind. Und das sind übrigens nicht nur Jüdinnen und Juden.

Ich besuche häufig das Sportstudio, um fit zu bleiben

Mittlerweile besuche ich häufig das Sportstudio, um fit zu bleiben. Auch finde ich die Ruhe, viel zu lesen, am liebsten Belletristik und jede Menge Zeitungen. Und natürlich die Jüdische Allgemeine, die ja in meinem Geburtsjahr 1946 zum ersten Mal herauskam. Schon als 20-Jährige las ich die Zeitung, denn es interessierte mich, was in den anderen jüdischen Gemeinden und in der jüdischen Community los war, und das interessiert mich immer noch. Jeden Donnerstag kaufe ich die Jüdische Allgemeine in »meiner Buchhandlung«, da ich sie in Papierform in den Händen halten muss. Nur im Urlaub lese ich online.

Ich bin wütend, es ist mir ein Bedürfnis, Missstände aufzuzeigen.

Wenn mir etwas nicht passt, dann meckere ich und mache den Mund auf. Egal, ob bei öffentlichen Diskussionen oder im privaten Kreis. Neulich meinten Journalisten bei einem Auftritt zu mir, ich sei sehr mutig. Das sehe ich nicht so. Ich würde sagen, nee, ich bin wütend, es ist mir ein Bedürfnis, Missstände aufzuzeigen. Stellen Sie sich vor, Deutschland wird seit seinem Bestehen von seinen Nachbarstaaten beschossen, Sie wollen endlich in Frieden leben und müssen sich selbstverständlich wehren. Das tut Israel. Kurz nach dem 7. Oktober 2023 noch mit der Zustimmung der Welt, doch dieses Wohlwollen schlug bald in Hass um.

Von der Regierung der Bundesrepublik bin ich zurzeit sehr enttäuscht

Leider haben wir den Krieg in den Medien fast vollständig verloren. Von der Regierung der Bundesrepublik bin ich zurzeit sehr enttäuscht. Aber ich danke unserem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner, denn er hisste die Israelfahne am Roten Rathaus – und ließ sie hängen, bis die letzte Geisel zurückkehrte. Damit kein Missverständnis entsteht: Selbstverständlich kann man die Politik Israels kritisieren, aber nicht einem ganzen Volk das Existenzrecht absprechen. Freundschaft mit Israel und Sorge um die humanitäre Lage in Gaza und Libanon sind keine Gegensätze.

Was für eine Welt werden wir unseren wunderbaren Kindern und wunderbaren Enkelkindern hinterlassen? Ich habe als Kind Deutsch auf der Straße gelernt, fand die schönsten Spielplätze in den Ruinen der Stadt und hatte eine Straßengang. So eine unbeschwerte Kindheit, wie ich sie erleben durfte, wird es nicht mehr geben. Jetzt empfahl mir jemand, die Mesusa an unserer Haustür abzunehmen. Natürlich bleibt sie! Aber es tut mir weh, mitzubekommen, wie Jüdinnen und Juden mittlerweile in Angst leben müssen. Wir brauchen eine starke Diaspora und ein selbstbewusstes Judentum. Be loud, be proud, be Jewish – so mein Credo.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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