Berlin

Baustein für eine »jüdische Renaissance«

Mit einem großen Festakt ist am Donnerstag in Berlin das fünfjährige Gründungsjubiläum des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) begangen worden. 300 Gäste aus Politik, Wissenschaft und Kultur feierten gemeinsam mit ELES-Stipendiaten im Jüdischen Museum die ersten erfolgreichen Jahre jüdischer Begabtenförderung in Deutschland.

Höhepunkt des Festakts war die Verleihung der Ernst-Ludwig-Ehrlich-Medaille für die Wissenschaften und Künste an Staatsministerin Monika Grütters (CDU). Die Ehrung wird alle zwei Jahre herausragenden Persönlichkeiten zuteil, die sich auf besondere Weise um die jüdische Gemeinschaft in Deutschland verdient gemacht haben.

Verbundenheit In der diesjährigen Begründung zur Auszeichnung an Monika Grütters hieß es: »Monika Grütters hat in ihrem politischen Wirken und in ihrem bürgerlichen Engagement immer wieder ihre Verbundenheit mit dem deutschen Judentum unter Beweis gestellt und gezeigt, dass mit Kultur und vor allem Bildung sich eine religiöse Identität entfalten kann, die auf kritischem Denken sowie tolerantem und engagiertem Handeln ruht.«

In ihrer Laudatio würdigte ELES-Schirmherrin Charlotte Knobloch die Preisträgerin als Verbündete und Freundin der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Sie hob insbesondere Grütters’ Engagement für Erinnerungskultur, Bildungsgerechtigkeit und lebendigen Pluralismus in Deutschland hervor. Heute sei es wichtiger denn je, so Knobloch, Rollenvorbilder für den interreligiösen Dialog zu finden. »Mit Ihrer humorvollen, gewinnenden, aber stets auch klaren, Konfrontation nicht scheuenden Art haben wir ein solches Rollenvorbild in Ihnen.«

aufbau Knobloch dankte zudem Rabbiner Walter Homolka, dem Direktor des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, für seinen unermüdlichen Einsatz bei dessen Aufbau. Mit dem ELES habe er einen weiteren Baustein für eine »jüdische Renaissance in Deutschland« gelegt.

Der ELES-Direktor erinnerte in seinem Grußwort an die Geburtsstunde von ELES im Jahr 2009. »Unser Traum war eine Art jüdische Intellektualität: junge Menschen zu fördern, die ihre Fähigkeiten für Wirtschaft, Religion und Gesellschaft einsetzen und zugleich in ihre Gemeinden zurückgeben«, so Homolka. Seine Bilanz nach fünf Jahren: »ELES ist eine Erfolgsgeschichte. Dank ELES sind wir heute dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland und Europa ein ganzes Stück näher gekommen.«

Daher appellierte Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, an die ELES-Stipendiaten, weiterhin verstärkt am »gemeinsamen jüdischen Haus« mitzubauen – in den Gemeinden, den Jugendorganisationen, in der Sozialarbeit sowie in ehrenamtlichen Initiativen und Gremien des Zentralrats. Er betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der jüdischen Zuwanderung nach Deutschland seit 1990 und ihrer gelungenen Integration.

»Die Jüdischen Gemeinden verwandelten sich innerhalb kürzester Zeit in Integrations-Metropolen, die den zugewanderten Familien Unterstützung und Sicherheit boten«, so Botmann. Gerade das Potential an jüdischen Nachwuchsakademikern aus zugewanderten Familien sei groß, so der Geschäftsführer des Zentralrats. Umso mehr freue es ihn, dass es mit ELES nunmehr auch ein jüdisches Begabtenförderungswerk gebe, das diese Potenziale herauskristallisiere und fördere. ELES sei somit »ein Stück Normalität, die nach der Schoa nach Deutschland zurückgekehrt sei«, sagte Botmann in seinem Grußwort.

AUszeichnung Sichtlich bewegt nahm die Staatsministerin für Kultur und Medien die Ehrung entgegen. Ihre Dankesrede begann sie mit einem Zitat der Philosophin Hannah Arendt: »Verstehen in der Politik heißt nie, den anderen verstehen, sondern die gemeinsame Welt so, wie sie dem anderen erscheint.« In diesem Sinne sei der lebendige Austausch mit verschiedenen Religionen und Glaubensinhalten Motivation für ihr Engagement, so Grütters. Denn Politik und Religion gehörten für sie untrennbar zusammen – als Wertefundament, das Orientierung gebe.

ELES-Stipendiatin Olga Osadtschy aus Potsdam ist vom Engagement der Staatsministerin begeistert. Die 27-Jährige promoviert in Basel im Fach Kunstgeschichte. »Ohne ELES hätte ich wahrscheinlich nie wieder eine Synagoge von innen gesehen – und jetzt promoviere ich sogar zu einem jüdischen Thema«, erzählt die Kunsthistorikerin.

Auch für Benjamin Fischer war die Förderung durch ELES ein Wendepunkt. Der 24-Jährige studiert Politikwissenschaften in Hamburg. Er wuchs in einem orthodoxen Berliner Elternhaus auf. Durch ELES habe er neue Perspektiven gewonnen, vor allem für Judentum in Deutschland. Er sei toleranter und offener anderen jüdischen Strömungen gegenüber geworden.

Die Deutsch-Brasilianerin Naina Levitan ist seit fünf Jahren Gesamtsprecherin der ELES-Stipendiaten – seit ihrem ersten Semester. Die 26-jährige Medizinstudentin aus Hamburg schätzt an ELES besonders das Zusammengehörigkeitsgefühl. »Egal was man studiert, ob Medizin, Geschichte, Kunst oder Sport – ELES ist der alles verbindende jüdische Rahmen.« Früher habe sie jüdische Sozialisation nur im Urlaub in Brasilien erfahren. Dass sie nun auch in Deutschland jüdische Freunde habe und zudem jüdisches Leben selbst aktiv mitgestalte, hätte sie sich vor fünf Jahren nicht träumen lassen.

Essenz Das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) ist eines von insgesamt dreizehn Begabtenförderungswerken in Deutschland, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt werden. Namensgeber ist der Historiker und Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich. Lernen und lehren, das war für den gebürtigen Berliner Ehrlich (1921–2007) die Essenz des Judentums.

Als letzter aktiver Schüler der Generation der Lehranstalt der Wissenschaft des Judentums spüre er die tiefe Verpflichtung zu helfen, so der Wissenschaftler. »Nur so wird es gelingen, den Tausenden von Juden, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, eine geistige jüdische Identität zu vermitteln, die ihnen bisher verwehrt war.«

Lesen Sie mehr in der kommenden Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

www.eles-studienwerk.de

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