Porträt der Woche

Auf Entdeckungsreise

»Ich besitze eine nichtjüdische Geschichte, die ich nicht einfach von mir abtrennen konnte und wollte«: Friederike Heimann aus Hamburg Foto: Heike Linde-Lembke

Porträt der Woche

Auf Entdeckungsreise

Friederike Heimann fand über Gedichte und ihren Mann zum Judentum

von Heike Linde-Lembke  04.01.2026 10:15 Uhr

Vor vielen Jahren überreichte mir meine Schwiegermutter einen Band mit Gedichten Gertrud Kolmars. Ich begann, ihre Gedichte intensiv zu lesen, und kam nicht davon los. Mir begegneten darin wundervolle, dichte Bildwelten, von denen ich zunächst kaum etwas verstand und die mich dennoch mitrissen. Aber der Reihe nach.

Ich wurde Mitte der 50er-Jahre in einem kleinen Dorf bei Goslar geboren. Mit 19, nach dem Abitur, ging ich zum Studium nach Berlin. Die Stadt war noch von der Mauer eingegrenzt. Damals, in den 70er-Jahren, herrschte dort eine sehr besondere Stimmung. An der Freien Universität (FU), wo ich Neuere deutsche Literatur, Soziologie und Politische Wissenschaften studierte, war alles hochpolitisch, und ich verbrachte viele Stunden mit endlosen Versammlungen und Diskussionen über den richtigen politischen Weg. Das war manchmal zermürbend und zugleich sehr anregend. So vieles schien zu jener Zeit möglich, und wir glaubten fest daran, dass es uns gelingen kann, eine bessere Welt zu gestalten.

Ich wollte nicht mehr von einer Mauer umgeben sein

In Berlin machte ich das erste wissenschaftliche Staatsexamen, später das zweite für das Höhere Lehramt und ging im Anschluss für ein Jahr als deutsche Sprachassistentin nach Rom, wo ich mich sehr wohlfühlte und auch gern geblieben wäre, wenn ich eine angemessene Arbeit gefunden hätte. Das aber erwies sich als schwierig, und so kehrte ich nach Deutschland zurück. Ich entschied mich für Hamburg, denn ich wollte nicht mehr von einer Mauer umgeben sein.

Ich wollte Gertrud Kolmar, diese besondere Dichterin, wieder sichtbar machen.

In Hamburg fand ich schnell eine Tätigkeit in der Erwachsenenbildung im Bereich Ausländerarbeit und Deutschunterricht. Vor allem aber lernte ich meinen Mann Michael kennen, womit ein ganz neuer Lebensabschnitt für mich begann. Mit Michael betrat ich die Welt des Judentums, die mir damals noch weitgehend unbekannt war, auch wenn ich nach dem Abitur zweimal für mehrere Wochen in Israel als Volontärin in einem Kibbuz gearbeitet habe. Michael ist jüdisch, wurde aber säkular erzogen und kannte das Judentum kaum. Es war für ihn vor allem durch die NS-Verfolgungserfahrung seiner Eltern bestimmt.

Wir gingen gemeinsam auf Entdeckungsreise durch jüdisches Leben mit zahllosen langen Gesprächen, begleitet vom allmählichen Kennenlernen jüdischer Gebräuche, Feste und Traditionen. Michael begann, sich dann zusehends in der Jüdischen Gemeinde in Hamburg zu engagieren, und machte dort schnell Karriere.

Ich entschied mich, bei einem liberalen Beit Din zu konvertieren

Wir heirateten, bekamen zwei Kinder, die wir jüdisch erzogen, aber wir lebten noch über viele Jahre in beiden Welten. Als die Barmizwa unseres Sohnes näherrückte, stellten sich manche Fragen noch einmal neu. Nach der Halacha ist nur Jude, wer eine jüdische Mutter hat. Ich entschied mich daher, mit den Kindern bei einem liberalen Beit Din zu konvertieren, was wir, nach einer längeren Zeit des Lernens, an einem Wintertag im Dezember 2005 in der Berliner Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße auch taten. Es war ein sehr bewegendes Ereignis für uns alle.

Es bedeutete aber auch eine neue Art der Auseinandersetzung für mich. Ich gehörte jetzt zur jüdischen Gemeinschaft, mit allem, was das an Schönem, aber auch Problematischem bedeutet, insbesondere, was den Antisemitismus betrifft. Nach meinem Übertritt war ich wohl zunächst eine der ersten Frauen in Hamburg, die den Tallit trug, was damals noch für Aufsehen sorgte, inzwischen aber selbstverständlich geworden ist. Heute bin ich Mitglied der liberalen Reformsynagoge in der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, die mein Mann vor einigen Jahren mitgegründet hat.

Meine Promotion schloss ich 2012 an der Universität Basel ab

Andererseits besitze ich eine nichtjüdische Geschichte, die ich nicht einfach von mir abtrennen konnte und wollte. Das führte zu Ambivalenzen, und ich glaube, hierin liegt ein wichtiger Grund, warum ich mich zunehmend mit deutsch-jüdischer Literatur, insbesondere Lyrik, beschäftige. Und wenn es eine Dichterin gibt, die für die Epoche des 20. Jahrhunderts steht, mit ihren Hoffnungen, Widersprüchlichkeiten und Brüchen bis zum katastrophalen Ende durch die Schoa, dann ist es Gertrud Kolmar.

So kam es, dass ich in meiner Dissertation ein einzelnes, allerdings ziemlich langes Gedicht von Gertrud Kolmar, »Garten im Sommer«, in den Mittelpunkt stellte. Es ist keineswegs nur, wie oft behauptet wird, ein »naturseliges Gedicht«, sondern es enthält in seinen tieferen Schichten viel von einer spannungsreichen deutsch-jüdischen Dialogizität. Meine Promotion schloss ich 2012 am Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel ab.

In all diesen Jahren war ich zugleich im Jüdischen Salon am Grindel aktiv, für den ich viele interessante Personen aus dem In- und Ausland zu jüdischen Themen aus den Bereichen Literatur und Wissenschaft einlud und sie vorstellte. Wir waren eine gemischte jüdische und nichtjüdische Gruppe und konnten über die Jahre ein sehr aufgeschlossenes Publikum gewinnen, das sich unserem kulturellen Dialogangebot zusehends öffnete. Ich meine sogar, dass es uns gelungen ist, die anfängliche Verkrampftheit, die das Gespräch zwischen Juden und Nichtjuden nach der Schoa oft prägt, mit der Zeit aufzulösen und eine neue Offenheit untereinander zu ermöglichen.

Im Laufe der Jahre veränderte sich unsere Gruppe jedoch, einige Mitglieder zogen weg oder hörten aus anderen Gründen auf, außerdem verloren wir unseren angestammten Raum im jüdischen »Café Leonar«. Seitdem ist der Salon sozusagen »en route«. Auch für mich schien die Zeit gekommen, wieder nach neuen Wegen zu suchen.

Das Schreiben des Buches bedeutete für mich auch eine persönliche Auseinandersetzung.

Im Jahr 2023 ist meine Kolmar-Biografie In der Feuerkette der Epoche. Über Gertrud Kolmar im Jüdischen Verlag des Suhrkamp Verlags erschienen. Kolmar erlebte noch den fundamentalen Traditionsbruch zum Ende des 19. Jahrhunderts, der die Moderne einleitete. In ihrem Werk und Leben findet sich vieles, was die deutsch-jüdische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Alle entscheidenden Phasen und Umbrüche vom Wilhelminischen Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis zur vernichtenden Zeit des Nationalsozialismus hat sie miterlebt.

Nach wie vor ist Gertrud Kolmar weniger bekannt als etwa Else Lasker-Schüler

Nicht nur sind Gertrud Kolmars Gedichte oft von einer beeindruckenden Tiefe und Schönheit. Zugleich verbirgt sich in ihnen unglaublich viel historisches Wissen und zeitgenössische Beobachtung, immer wieder aufgegriffen aus einer sehr speziellen Perspektive des Weiblichen und des Jüdischen, die hochinteressant und oftmals ausgesprochen modern ist.

Nach wie vor ist Gertrud Kolmar weniger bekannt als etwa Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko oder Nelly Sachs. Ihre Verse sind nicht so leicht zugänglich. Das Schreiben des Buches bedeutete für mich auch eine persönliche Auseinandersetzung. Ich wollte diese besondere Dichterin wieder sichtbar machen, gerade in ihren jüdischen Aspekten.
Indem ich das jüdische Erbe, das mit Gertrud Kolmar verknüpft ist, wieder hervorholte, versuchte ich zugleich, eine Vergangenheit zu verstehen, die durch den Nationalsozialismus brutal zerstört worden ist. Es wurde sowohl eine Begegnung als auch eine Entdeckungsreise, die sich, wie ich hoffe, auch vielen Leserinnen und Lesern des Buches mitteilt und sie zu eigenen Erkundungen einlädt.

Aufgezeichnet von Heike Linde-Lembke

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