Karneval

Auf bestem Weg zum Rosenmontag

Besucher bei einer Veranstaltung des jüdischen Karnevalsvereins »Kölsche Kippa Köpp« Foto: picture alliance / KNA

Positiver Stress. Das kennzeichnet die derzeitige Lebenssituation von Aaron Knappstein. Jede Woche stehen für den Präsidenten des jüdischen Karnevalsvereins »Kölsche Kippa Köpp« zahlreiche Karnevalsveranstaltungen im Terminkalender. »Das ist sehr erfüllend, aber man muss auch aufpassen: Denn jetzt kommt es entscheidend darauf an, gesund zu bleiben.«

Schließlich nähert sich der Kölner Karneval seinem Höhepunkt, dem Rosenmontagszug. Dann wird Aaron Knappstein auf persönliche Einladung des Zugleiters auf dem nachgebauten historischen Wagen »Held Karneval« des Umzugs von 1823 bei einem der weltweit größten Brauchtumsfeste mitfahren.

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»Der Wagen fuhr damals auch mit, als der jüdische Unternehmer Salomon Oppenheim mehrere Jahre lang die Venetia verkörperte«, stellt Knappstein fest. Er selbst wird in der Uniform des Vereins-präsidenten – »meiner Garniter«, wie Knappstein es auf Jiddisch betont – dabei sein. 2023 fuhren »die Köpp« noch mit einem eigenen Wagen im Zug mit, was aufgrund der gegenwärtigen Sicherheitslage im vergangenen und in diesem Jahr undenkbar ist.

in der vergangenen Session traten 50 Neumitglieder dem 2017 gegründeten Karnevalsverein bei.

Denn der Karneval ist die Jahreszeit, die im ganzen Rheingebiet vielleicht die beliebteste ist. Und von wegen »Olle Kamellen«, die Vereine freuen sich über rege Nachfrage. So hatten die Kölsche Kippa Köpp erst kürzlich bekanntgegeben, dass sie eine wachsende Resonanz in der närrischen Hochburg Köln verzeichnen konnten.

»So richtig erklären können wir es uns nicht, aber die Freude ist auf jeden Fall sehr, sehr groß«, sagte Präsident Aaron Knappstein Anfang Januar, aber in der vergangenen Session traten 50 Neumitglieder dem 2017 gegründeten Karnevalsverein bei; die Auftaktveranstaltung »Falafel und Kölsch« fand wegen der hohen Nachfrage erstmals dann auch nicht in der Kölner Synagoge an der Roonstraße statt, sondern in einem Hotel am Heumarkt. Zu Beginn der Session wurde es allerdings erst einmal ernst. Der jüdische Karnevalsverein verlieh erstmals die Rosel-Rutkowsky-Medaille für besonderes Engagement gegen Judenhass und für ein gesellschaftliches Miteinander an Christoph Kuckelkorn, den Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval.

Selbst bei vielen Freunden und Kennern des Karnevals dürfte der Name Rosel Rutkowsky doch eher ein Fragezeichen, denn ein Ausrufungszeichen hervorrufen. Dabei war die 1896 in Köln geborene Frau insbesondere in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine bekannte Unterhaltungskünstlerin. Mehr noch: Zusammen mit ihrer Schwester war sie eine feste Größe im kölschen Karneval. Sie waren damals die einzigen Frauen im Karneval.

»Der Karneval steht mitten im Leben, und wir müssen füreinander einstehen.«

Rosel Rutkowsky trat als rheinische Stimmungssängerin auf und arbeitete eng mit der Karnevalslegende Hans Tobar zusammen. Doch schon bald nach der Macht­übernahme der Nationalsozialisten endete für ihre Schwester Ida und sie alles. Denn die Rutkowsky-Schwestern waren jüdisch; die Familie war in den 1890er-Jahren aus dem damals russischen Grajewo (heute Polen) an den Rhein gekommen. Zunächst konnten sie noch bei Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbunds auftreten.

Ida, von der es kein Foto gibt, wurde 1942 ebenso wie ihr Bruder Julius, ein in Köln rund 20 Jahre gefeierter Schauspieler, im NS-Vernichtungslager Majdanek ermordet. Rosel gelang 1938 mit ihrem Mann Walter Lyon die Flucht in die USA. In den 40er-Jahren trat sie mit dem ebenfalls emigrierten Hans Tobar unter anderem in New York bei karnevalistischen und rheinischen Veranstaltungen auf. Die kölsche Jüdin starb 1990 in Florida.

Knappstein ist es wichtig, dass insbesondere an sie erinnert wird: als Jüdin und als Frau. »Somit gehörte sie zu zwei Gruppen, die bis heute Minderheiten auf den Bühnen, in den Festsälen, in den Komitees, Elferräten und Bütten sind.«

Abraham Lehrer, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der an der Festveranstaltung zur Verleihung der Medaille im Gemeindesaal der Synagoge teilnahm, sieht darin auch für die Zukunft »eine schöne jüdisch-kölsche Veranstaltung mit unterschiedlichen Traditionen, aber gemeinsamem Ziel: Frieden und Freude«. Einerseits erinnere die Medaille an den damaligen und heute wieder realen Judenhass. Andererseits stehe sie für das Lachen, Feiern und die Liebe zum jüdischen Leben.

Das zeigt auch die Biografie von Rosel Rutkowsky. »Wir wollten und mussten eine Ehrung gegen Antisemitismus vergeben«, sagt Knappstein. »Der Karneval steht mitten im Leben, und wir müssen füreinander einstehen.«

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