100 Jahre Synagoge Augsburg

»Antisemitismus muss uns empören«

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier während seiner Ansprache beim Festakt am Mittwochabend Foto: dpa

100 Jahre Synagoge Augsburg

»Antisemitismus muss uns empören«

Bundespräsident Steinmeier beim Festakt: Kampf gegen Judenhass ist nicht nur eine Frage der Solidarität

 28.06.2017 16:21 Uhr

Beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge in Augsburg hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) dazu aufgerufen, offenem wie verstecktem Antisemitismus in Deutschland entschieden entgegenzutreten. »Ja, es gibt Antisemitismus in Deutschland«, sagte Steinmeier am Mittwochabend. »Er steckt in der tumben Hetzparole ebenso wie in der versteckten, scheinbar entgleisten intellektuellen Nebenbemerkung. An das eine wie an das andere dürfen wir uns niemals gewöhnen.«

Steinmeier warnte davor, dass völkisches Gedankengut wieder Einzug in politische Reden halte. Das dürfe man ebenso wenig hinnehmen wie die Tatsache, dass Synagogen in Deutschland immer noch von der Polizei bewacht werden müssten oder Einwanderer aus muslimisch geprägten Regionen ihre Feindbilder importierten. »Antisemitismus muss uns empören«, sagte der Bundespräsident: »Lassen Sie uns wachsam sein, wachsamer denn je!«

heimat »Wir wollen dieses starke, selbstbewusste, orthodoxe wie liberale jüdische Leben in Deutschland«, betonte der Bundespräsident in seinem Grußwort. Antisemitismus jedoch »zerstört Heimat für uns alle«. Der Kampf dagegen sei daher nicht nur eine Frage der Solidarität: »Er ist ein Kampf um unser Gemeinwesen als Ganzes. Nur wenn Juden in Deutschland vollkommen zu Hause sind, ist diese Bundesrepublik vollkommen bei sich.«

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bekräftigte in seiner Rede am Mittwochabend, Juden verstünden sich als »fester Bestandteil dieser Gesellschaft«. Er habe heute allerdings verstärkt den Eindruck, dass sie oft nicht als selbstverständlicher Bestandteil der deutschen Gesellschaft wahrgenommen würden, sagte Schuster. Immer wieder würden Juden als Fremde betrachtet, würden mit Blick auf Israel gefragt, was in »ihrem« Land los sei – oder sie würden gefragt, ob sie Deutsch sprechen. »Wir sind Bürger dieses Landes«, betonte der Würzburger Mediziner.

tradition Sich selbstbewusst als deutscher Bürger zu verstehen, bedeute, weder überheblich zu sein noch andere abzuwerten. »Aber es bedeutet, sich seiner Herkunft und Tradition sowie seiner Zugehörigkeit sowohl zum Judentum als auch zu Deutschland bewusst zu sein«, sagte Schuster. Diese Haltung habe sich die jüdische Gemeinschaft nach dem organisierten Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden erst erarbeiten müssen. Dies habe »viel mit Vertrauen zu tun«, erläuterte Schuster. Er hoffe, dass dieses Vertrauen nie mehr enttäuscht werde.

Der Zentralratspräsident erinnerte daran, dass die Augsburger Juden sich dieser Haltung schon bei der Einweihung der prachtvollen Synagoge im Jahr 1917 bewusst gewesen seien. Eine Bodenplatte am Eingang der Synagoge zeigt einen Davidstern, der eine Zirbelnuss umschließt – das Wappenbild der Stadt Augsburg. Die jüdischen Augsburger hätten damit zum Ausdruck bringen wollen: »Wir sind Augsburger Bürger.«

Die Augsburger Synagoge wurde am 4. April 1917 eingeweiht. Bis heute ist sie in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten. Sie war zwar von den Nationalsozialisten geschändet und angezündet worden, da sie jedoch gegenüber eine Tankstelle lag, ließ der NS-Gauleiter das Feuer löschen. Die Synagoge ist die einzige Großstadtsynagoge in Bayern und eine der wenigen in Deutschland, die die NS-Zeit überdauert haben. Die jüdische Gemeinde in Augsburg umfasst derzeit rund 1500 Mitglieder. epd

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