Die Widmung schrieb der Komponist Daniel Akiva mit blauer Tinte auf die erste Seite der Partitur – neben den Titel seines zeitgenössischen Oratoriums. Mit ihr bedankt er sich bei Isidoro Abramowicz, Yael Front und Sivan Goldman. Sie waren von seiner Komposition »Schir Haschirim – Das Hohelied Salomos« so begeistert, dass sie das Werk am 8. März, dem Weltfrauentag, um 17 Uhr in der Synagoge Pestalozzistraße zur Uraufführung bringen werden. »Es ist symbolisch, das Hohelied der Liebe genau an diesem Tag zu singen. So können wir uns und anderen etwas Schönes schenken«, sagt Isidoro Abramowicz, Kantor der Synagoge und Leiter der Kantorenausbildung am Abraham Geiger Kolleg.
Ein Blick in die Partitur offenbart die Besonderheit des Werkes: Die Gitarre eröffnet das Stück, erst einige Takte später setzt der Chor ein. Geschrieben ist es für Kantor, Sopran, Solistinnen, Chor und Ensemble (Gitarre, Vibrafon, Percussion). Akiva verbindet darin traditionelle jüdische Klangwelten mit zeitgenössischer Musik.
»Es ist meisterhaft komponiert und klingt wunderschön.«
Mitwirkende sind neben Abramowicz die israelische Sopranistin Sivan Goldman, der schwedische Gitarrist Jacob Kellermann, der israelische Percussionist Tomer Galili sowie Chor und Solisten der Synagoge Pestalozzistraße. Die musikalische Leitung übernimmt Dirigentin Yael Front, die Gesamtleitung liegt bei Isidoro Abramowicz.
Vor zehn Jahren setzte Akiva den Schlussakkord unter das Werk und hoffte auf eine baldige Aufführung. Doch zunächst fehlten Sponsoren, dann verhinderte die Corona-Pandemie die geplante Uraufführung, schließlich der Krieg in Nahost. Als Abramowicz die Partitur studierte, war er begeistert. »Es ist meisterhaft komponiert und klingt wunderschön.« Seine Idee war es, das Werk in seiner Konzertreihe »Musik in der Synagoge« aufzuführen, die monatlich stattfindet. »Das Hohelied Salomos ist ein biblisches Buch, das auch für andere Religionen von Bedeutung ist.«
»Schir Haschirim habe ich nach eingehender Betrachtung und gründlichem Studium der wunderbaren Texte vertont. Mein Zugang zu den Worten ist vom mystischen Denken des Textes geprägt – von dem, was in der Kabbala als ›Geheimnis‹ (Sod) und ›Heiligkeit‹ verstanden wird – und nicht von einer rein wörtlichen Auslegung«, erklärt Daniel Akiva, der bei der Uraufführung anwesend sein wird.
Die Uraufführung wird durch private Sponsoren ermöglicht.
Die Vertonung aller acht Kapitel sei eine große Herausforderung gewesen, da sich im Laufe der Geschichte bereits viele bedeutende Komponisten – darunter auch namhafte israelische – mit dem Stoff beschäftigt hätten. Er griff dabei auf verschiedene jüdische Traditionen zurück, aus dem Jemen, aus Marokko und aus Jerusalem, und zwar mit einem besonderen Schwerpunkt auf der sefardischen Tradition. Zudem finden sich im Werk Zitate aus religiösen Quellen. »Dennoch entstand der größte Teil der Musik aus der Inspiration des mystischen und vielschichtigen Denkens der Worte.«
Als Sängerin wünschte Akiva sich Sivan Goldman, mit der er seit Langem zusammenarbeitet und deren Stimme er sehr schätzt. Gemeinsam sind sie mit einem Programm auch im Kulturangebot des Zentralrats vertreten. »Ich singe fast alle acht Kapitel durch«, sagt Goldman. Es sei beinahe so, als würde sie eine komplette Opernrolle übernehmen. Zwei Arien bedeuten ihr besonders viel – nicht nur wegen des Textes, sondern auch aufgrund der Komposition.
Programm ist auch im Kulturangebot des Zentralrats
Die Uraufführung wird durch private Sponsoren ermöglicht, darunter die Jüdische Gemeinde, die Berliner Sparkasse, das Hotelunternehmen Amano Group, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin sowie die Israelische Botschaft. Das Konzert soll zudem aufgezeichnet werden. »Es ist ein aufwendiges Projekt, da wir viele Musikerinnen und Musiker sowie die Tontechnik finanzieren müssen«, erklärt Abramowicz.
Anschließend ist geplant, das Werk auch an weiteren Orten aufzuführen. Die Reihe »Musik in der Synagoge« versteht sich laut Abramowicz als kulturelles Brückenprojekt, das zeitgenössische jüdische Musik fördert und einem breiten Publikum zugänglich macht. Christine Schmitt