Siamesische Zwillinge

Zwei Menschen in einem Körper

Erfolgreich getrennte siamesische Zwillinge bei ihre Einschulung 2016: Rosie (l.) und Ruby Formosa waren am Bauch zusammengewachsen. Foto: dpa

Siamesische Zwillinge

Zwei Menschen in einem Körper

Was das Judentum zur operativen Trennung von Babys nach der Geburt sagt

von Rabbiner Raphael Evers  14.11.2016 18:42 Uhr

Fast jedes Mal wird es in den Medien als »Wunder« gefeiert, wenn eine Trennung siamesischer Zwillinge gelingt – Kinder, die im Mutterleib zusammengewachsen sind. Zuletzt war dies Mitte Oktober der Fall, als in New York zwei 13 Monate alte Brüder erfolgreich getrennt wurden, die mit ihren Köpfen zusammengewachsen waren. Als Rabbiner habe ich mich in die Problematik vertieft, wie das Judentum eine solche Operation beurteilt – ein Eingriff, der schwere Risiken mit sich bringt.

Jodie und Mary Die Frage beschäftigt gelegentlich auch die Gerichte. Ende September 2000 musste ein britisches Berufungsgericht über das Leben weiblicher siamesischer Zwillinge entscheiden. Nichts zu tun, hätte zwei tote Mädchen bedeutet, ein Eingriff dagegen »nur« eine Tote, urteilte das britische Gericht.

Es wurde entschieden, Jodie und Mary zu trennen. Jodie überlebte den Eingriff in Manchester, Mary starb. Einer der britischen Richter beschrieb seine Gefühle mit den Worten: »In dem Augenblick, in dem das Messer in die aneinandergewachsenen Körper eindringt, ist dieses ein direkter Angriff auf Mary.«Die ethische Frage lautet also: Dürfen wir das Leben des einen Zwillings zugunsten des Lebens des anderen opfern?

In den Beneluxländern und England gab es viel Kritik an der Entscheidung des britischen Gerichts. Da die Eltern die Operation nicht wollten, fragten sich viele Ethiker, ob ihnen nicht mehr Mitspracherecht hätte eingeräumt werden müssen. Einige behaupteten, es sei ein Präzedenzfall geschaffen, der es erlaube, eine unschuldige Person zu töten.

Wirbelsäule
Bei der Geburt schienen die Unterkörper von Mary und Jodie zusammengewachsen zu sein. Sie teilten sich dieselbe Wirbelsäule, hatten aber jeweils eigene Arme und Beine. Mary war für ihre Sauerstoff- und Blutzufuhr total von ihrem Schwesterchen Jodie abhängig. Bei Ärzten und Ethikern herrschte große Verzweiflung. Würde Jodie es überhaupt schaffen? Würden sie später Schuldgefühle plagen, weil sie auf Kosten ihres Schwesterchens überlebt hatte?

In der Tat, eine schwierige und dramatische Entscheidung. Jedoch finde ich viele Reaktionen auf die Entscheidung des Britischen Gerichtshofes unüberlegt und heuchlerisch. Ist es wirklich so viel besser, die Eltern selber entscheiden zu lassen, welches ihrer Kinder am Leben bleiben darf und welches nicht? Ich bin froh, dass eine übergeordnete Instanz die Verantwortung übernommen hatte, denn die Eltern konnten und durften nicht (auf jeden Fall nicht alleine) entscheiden. Ein »salomonisches« Urteil zu fällen, überfordert Eltern vollkommen. Es war auf alle Fälle richtig, eine neutrale Instanz miteinzuschalten und nur minimale Beratung zuzulassen.

Rettung Dass manche tiefgläubige Eltern sich in solchen Fällen auf G’ttes Wille berufen, nicht zu operieren, ist ihr gutes Recht. Aber deshalb gleich beide Töchter sterben zu lassen, geht mir einen Schritt zu weit. G’ttes Wille steht in der Tora geschrieben. Im 2. Buch Mose 21,19 heißt es, dass man versuchen sollte, soweit wie möglich zu genesen. Im Fall der siamesischen Zwillinge bedeutet das: retten, was es zu retten gibt.

Das Ausmaß der Gewissensbisse, mit denen der überlebende Einling zurückbleibt, hängt von der Frage ab, ob die Eltern sich verpflichtet fühlen, davon zu erzählen, dass das Kind ursprünglich Teil eines Zwillingspaares war. Weil großer psychologischer Schaden zu befürchten ist, finde ich, dass dies (wenn heutzutage überhaupt möglich) untersagt werden müsste. Denn das Judentum verbietet es, Menschen mit unnötigen schmerzhaften Gefühlen zu belasten.

Erbteil Prinzipiell stellt sich die Frage, ob siamesische Zwillinge als eines oder als zwei Wesen betrachtet werden sollten – und dabei geht es nicht zuletzt um Erbfragen. Zu König Salomo wurde laut Tosefta einst ein Mann mit zwei Köpfen gebracht. Er versuchte festzustellen, ob es sich um eine oder um zwei Persönlichkeiten handelte.

Hierzu schüttete er heißes Wasser über den einen Kopf, worauf auch der andere Kopf vor Schmerzen aufschrie. Er folgerte daraus, dass »beide Köpfe nur eine gemeinsame Quelle besaßen, und somit die siamesischen Zwillinge als eine Persönlichkeit zu sehen seien. Daraus folgerte er, dass dem doppelköpfigen Sohn nicht das doppelte Erbteil zusteht, sondern dasselbe wie einem weiteren Bruder, der «nur» einen Kopf besaß.

Persönlichkeiten Doch andere Zwillinge, die aus der Literatur oder allgemein bekannt sind, werden eindeutig als zwei unterschiedliche Persönlichkeiten betrachtet. Rabbiner Jacob Reischer veröffentliche 1709 hierüber eine Abhandlung. Er vermerkte eingangs, «dass es nichts Neues unter der Sonne gibt», und nennt zwei talmudische Aussagen, laut derer Adam und Eva als siamesische Zwillinge erschaffen wurden, die man erst später trennte. Rabbiner Reischer sieht darin einen Hinweis darauf, dass siamesische Zwillinge unterschiedliche Persönlichkeiten sind.

Auf die jüdische Rechtsprechung hat diese Einlassung unterschiedliche Auswirkungen. Einerseits kann demnach jeder Teil siamesischer Zwillinge, die nach der Geburt nicht getrennt wurden, einen eigenen Erbteil beanspruchen, aber andererseits werden beide niemals heiraten können, da die Vorschriften über Intimität der Anwesenheit einer dritten Person widersprechen.

Blutkreislauf Eine halachische Autorität aus dem 17. Jahrhundert, Rabbiner Jacob Hagis, beschreibt einen Fall, in dem der Körper des einen Zwillings wesentlich kürzer war als der Körper des anderen. Seine Beine reichten nicht einmal so weit, dass seine Füße den Boden berühren konnten. Sie hatten offenbar einen gemeinsamen Blutkreislauf, so Rabbiner Hagis. Er betrachtete sie dennoch als eigenständige Personen.

Ein anderer Fall beschäftigte 1977 den großen Rabbiner Mosche Feinstein: In Philadelphia wurden Zwillinge geboren, die an der Brust zusammengewachsen waren. Dabei war ein normales Herz mit vier Kammern mit einem schwachen Herzen verbunden, das nur zwei Kammern enthielt. Die Eltern baten Rabbiner Feinstein um seine Genehmigung, die Zwillinge voneinander trennen zu dürfen.

Din Rodef Der Rabbiner erlaubte den Eingriff mit Berufung auf einen talmudischen Begriff – das «Gesetz des Nachrückenden». Dieses beinhaltet einen Passus, der besagt, dass ein Mensch, der als «Verfolger» (Rodef) gilt, getötet werden darf, wenn er einen anderen lebensgefährlich bedroht und keine anderen Möglichkeiten bestehen, das Opfer zu retten. Wenn, wie im geschilderten Fall, davon auszugehen ist, dass der Schwächere der Zwillinge das Leben des Stärkeren bedroht, kann dieser Schwächere als ein «Nachrückender» betrachtet werden.

Der Autor ist Dayan beim Europäischen Beit Din und war Rabbiner der Niederlande. Er ist jetzt Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  24.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Korach

Im Vergleich

Oft schmerzt nicht der eigene Mangel, sondern der Vorsprung der anderen – doch zwischen Impuls und Handlung liegt ein entscheidender Moment

von Rabbiner David Kraus  18.06.2026

Militär

Verteidigung statt Zerstörung

Israel exportiert Arrow-3-Abwehrraketen nach Deutschland. Schon im Talmud wird der Verkauf von Waffen diskutiert. Die Rabbiner werfen moralische Fragen auf, die sich bis heute stellen

von Rabbiner Dovid Gernetz  18.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026