Nahost

»Öl ins Feuer des anwachsenden Antisemitismus«

Rabbiner Pinchas Goldschmidt ist Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz. Foto: picture alliance / SVEN SIMON

Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt, wirft der evangelischen Kirche moralisches Versagen vor und kritisiert eine Erklärung des Weltkirchenrats (ÖRK) zur Lage im Nahen Osten, in der Israel unter anderem »Apartheid« vorgeworfen wird. Goldschmidt wertete die Äußerung so, dass Israel damit »dämonisiert« werde. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) müsse aus dem ÖRK austreten.

Die Gleichsetzung israelischer Politik mit Apartheid sei »nicht nur historisch falsch, sondern gefährlich«, schrieb Goldschmidt in einem Gastbeitrag für die »Welt am Sonntag«: »Denn sie gießt Öl ins Feuer des global anwachsenden Antisemitismus. Wer Israel dämonisiert, trifft am Ende auch Juden weltweit, die – ob sie es nun wollen oder nicht – auch immer Zielscheibe für Kritik an Israels Politik sind.«

Kritik auch an Bedford-Strohm

Der Zentralausschuss des ÖRK hatte bei seiner Tagung im Juni Israels Politik gegenüber den Palästinensern verurteilt und gefordert, »dass die Realität der Apartheid beim Namen genannt wird«. Weiter hieß es unter anderem: »Wir (...) verurteilen das System der Apartheid, das Israel dem palästinensischen Volk auferlegt und damit das Völkerrecht und das moralische Gewissen verletzt.«

Dem ÖRK mit Sitz in Genf gehören nach eigenen Angaben derzeit 356 Mitgliedskirchen in mehr als 120 Ländern weltweit an, die rund 580 Millionen Christen vertreten. Die römisch-katholische Kirche ist nicht Mitglied, arbeitet aber mit dem Weltkirchenrat seit Jahrzehnten zusammen. Vorsitzender des ÖRK-Zentralausschusses ist der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm.

Dass auch EKD-Mitglieder der Erklärung zugestimmt hätten, sei besonders alarmierend, so Goldschmidt weiter: »Damit stellt sich die EKD nicht nur gegen Israel, sondern indirekt auch gegen die jüdischen Gemeinden in Europa – also gegen ihre Nachbarn, Dialogpartner und Mitbürger.«

»Erschreckende Doppelmoral«

Goldschmidt sagte, Israel sei das einzige demokratische Land im Nahen Osten und gewähre der arabischen Minderheit volle Bürgerrechte. Wer Israel ein Apartheid-System vorwerfe, aber durch Islamisten verfolgte orientalische Christen im Nahen Osten mit keinem Wort erwähne und gleichzeitig die russisch-orthodoxe Kirche in den eigenen Reihen dulde, offenbare »eine erschreckende Doppelmoral«, fügte der Rabbiner hinzu.

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Die Evangelische Kirche in Deutschland müsse sich fragen, ob sie in einem »Club« wie dem Weltkirchenrat richtig aufgehoben sei. Niemand verlange von Kirchen oder zivilgesellschaftlichen Akteuren blinden Beistand für israelische Regierungspolitik, so Goldschmidt weiter. Kritik sei erlaubt, aber diese müsse »mit Fakten, nicht mit ideologischen Kampfbegriffen« begründet werden.

»Es ist Zeit, dass sich die evangelische Kirche von diesem Kurs distanziert – klar, öffentlich und mit Konsequenzen«, forderte der Rabbiner: »Ein Austritt aus dem Weltkirchenrat wäre ein erster Schritt. Nicht aus Prinzip, sondern aus Verantwortung. Aus Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft in Europa. Und aus Respekt gegenüber der Wahrheit.« kna/ja

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