Talmudisches

Die weibliche Idee hinter König David

Michelangelos »David« (1501–1504), Marmorstatue in der Galleria dell’Accademia in Florenz Foto: picture alliance / Bottaro/Fotogramma/ROPI

Talmudisches

Die weibliche Idee hinter König David

Was Kabbalisten über Eschet Chajil, die tüchtige Frau, lehren

von Vyacheslav Dobrovych  04.07.2025 09:53 Uhr

Der Schabbattisch ist reich gedeckt, alle singen gemeinsam »Schalom Aleichem«, die Begrüßung der Engel, und »Eschet Chajil«, das Lied der tüchtigen Frau, das laut der Tradition von König Schlomo verfasst wurde. So beginnt für viele von uns der Freitagabend. Manche blicken dabei liebevoll zu ihrer Partnerin, besonders bei den Worten: »Es sind wohl viele tüchtige Töchter, du aber übertriffst sie alle« (Mischlei 31,29).

Umso überraschender wirkt für viele eine talmudische Passage, in der es von »Eschet Chajil« heißt: »Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist die Tora der Barmherzigkeit« (Mischlei 31,26). Und doch sagt Rabbi Jochanan im Namen von Rabbi Schimon bar Jochai: König Schlomo »spricht hier über niemand anderen als über seinen Vater, König David« (Brachot 10a).

Laut der Kabbala besteht das Universum aus zehn göttlichen Energien

Grammatikalisch und inhaltlich geht es offenkundig um eine Frau. Wieso behauptet der Talmud, dass Schlomo hier über David spricht, und nicht etwa über eine seiner 700 Ehe- oder 300 Nebenfrauen? Rabbi Schimon bar Jochai, auch als Vater der Kabbala bekannt, lässt sich hier nur durch ein tieferes Verständnis kabbalistischer Kosmologie verstehen. In ihr besteht das Universum – ebenso wie der Mensch als Mikrokosmos – aus zehn göttlichen Energien, den sogenannten Sefirot. Diese zehn Sefirot sind wiederum aufgeteilt in drei verborgene und sieben sichtbare Sefirot.

Vielleicht ist dies auch eine Möglichkeit für eine metaphorische Interpretation der 700 Frauen und 300 Nebenfrauen Schlomos – ein Zahlenspiel, das auf die sieben sichtbaren und drei verborgenen Sefirot anspielt. Schlomo gilt, genauso wie Rabbi Schimon, als einer der großen Mystiker. Die ersten drei Sefirot heißen Chochma (Weisheit), Bina (Verständnis) und Daat (Erkenntnis). Sie bilden die gedankliche Ebene, vergleichbar mit dem Gehirn.

Die nächsten sechs Sefirot repräsentieren emotionale und vermittelnde Kräfte, durch die schließlich alles in der zehnten (und siebten sichtbaren) Sefira, Malchut (Königreich), manifest wird. Malchut steht für das Handeln, das Sichtbarwerden, für die Umsetzung. Es ist das »Königreich«, das alles vorher Gewollte und Geplante in die Realität bringt.

Die Struktur ähnelt einem Regierungssystem

Diese Struktur ähnelt einem Regierungssystem: Die oberen drei Sefirot sind wie eine geheime Kabinettssitzung, die sechs mittleren wie die Behörden, die das Beschlossene weitergeben, und Malchut ist das Volk, in dem der Beschluss real wird. Oder wie das Hirn, das die Signale an die Hand überträgt, damit eine Handlung, also die Manifestation des ursprünglichen Gedankens, vollzogen werden kann. Malchut ist das Ziel des ganzen Systems.

Die unteren sieben Sefirot entsprechen auch den sieben Schöpfungstagen: Die ersten sechs sind Tage des Tuns, der siebte – der Schabbat – ist der Tag der Vollendung. In der Kabbala steht der Schabbat für Malchut: das Ziel, die Ruhe, die Fülle. Wie der Mond das Licht der Sonne empfängt, wie eine Frau neues Leben empfängt und gebiert, so nimmt Malchut die Kräfte der vorherigen Sefirot auf und verwirklicht sie. Daher werden sowohl der Schabbat als auch Malchut – als kosmische Frau – als Manifestation der Weiblichkeit gesehen.

Auch biblische Figuren werden den unteren sieben Sefirot zugeordnet: Awraham, Jizchak, Jakow, Mosche, Aharon und Josef sind die sechs Energien vor Malchut – und zuletzt David. David steht für Malchut (Königreich). Er empfängt das geistige und geschichtliche Erbe der großen Persönlichkeiten vor ihm und bringt es zur Entfaltung. Aus dem Geschlecht Davids kommt der Messias. Er ist der Empfänger und Vollender der Reise Awrahams.

Wenn Rabbi Schimon bar Jochai sagt, »Eschet Chajil« beziehe sich auf König David, meint er nicht die historische Person, sondern die Idee, die hinter David steht – das Prinzip der Vollendung und Verwirklichung. Auch wenn der historische David ein Mann war, ist die Idee hinter ihm weiblich, genauso wie der Schabbat oder das messianische Zeitalter. Deshalb ist es besonders stimmig, dieses Lied am Schabbat und für die Frauen zu singen.

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