Jom Kippur

Zurück zum Sinai

In der Sinai-Wüste Foto: dpa

Als unsere Vorfahren am Fuß des Berges Sinai standen – und nach dem Midrasch waren dort alle unsere Seelen anwesend, auch diejenigen derer, die heute leben –, fand eine einzigartige historische Begegnung zwischen Mensch und G’tt statt. Die Tora ist die bekannteste Frucht dieser Begegnung, aber auch auf anderen Ebenen bleiben uns Aspekte jenes Zusammentreffens erhalten.

Wenn wir in der Synagoge die Tora wieder in die heilige Lade führen, singen wir am Schabbat den 29. Psalm. Das tun wir ebenfalls, wenn wir den Schabbat während des Freitagabendgebetes begrüßen.

Bundeslade Nach dem mittelalterlichen Bibelkommentator Nachmanides waren das Stiftszelt und der Tempel mit seinem ewigen Feuer auf dem Altar und der Bundeslade, wo G’tt zu Mosche sprach, nichts anderes als die Wiederherstellung des heiligen Begegnungsortes Sinai in der Mitte des jüdischen Volkes in Jerusalem.

Das ewige Licht, das nach dem Brauchtum in Synagogen brennt, erinnert an das ewige Feuer auf dem Altar im Tempel – und bildet so ebenfalls eine kleine, aber greifbare Verewigung des Sinai. Doch was hat das alles mit Jom Kippur zu tun?

Nur Mosche wurde regelmäßig von G’tt ins Allerheiligste gerufen, wo die Bundeslade war. Außerdem durfte keiner in das Allerheiligste. Keiner?

Hohepriester Nein, einer durfte und war dazu sogar beauftragt, einmal im Jahr dort hinzugehen: der Kohen Gadol (Hohepriester) an Jom Kippur. »Damit soll Aharon hineingehen in das Heiligtum … Danach nehme er die Pfanne voll Glut vom Altar, der vor dem Ewigen steht, und eine Handvoll wohlriechenden zerstoßenen Räucherwerks und bringe es hinein hinter den Vorhang, und er tue das Räucherwerk auf das Feuer vor dem Ewigen …« – so steht es im 3. Buch Mose, Kapitel 16.

Und für die Zukunft gibt es an derselben Stelle folgende Anweisung: »Das soll euch zur ewigen Gewohnheit werden, dass ihr für die Kinder Israel Sühne erwirkt wegen all ihrer Sünden, einmal im Jahr.«

Damit bildet auch Jom Kippur eine Wiederbelebung der Offenbarung vom Sinai. Das ganze Volk sah, was bei der Offenbarung zu sehen war – symbolisiert wird das durch den Schabbat und den Ehrenmarsch mit der Torarolle, wenn sie in die heilige Lade zurückgebracht wird. Der Besuch des Kohen Gadol im Allerheiligsten hingegen würde dann die besondere Begegnung Mosches mit G’tt symbolisieren.

Engel Jom Kippur wird heute nicht stellvertretend vom Kohen Gadol begangen, den es seit der Zerstörung des Zweiten Tempels nicht mehr gibt, sondern von allen Juden. Wir kleiden uns in Weiß und versagen uns Essen und Trinken, weil wir an jenem Tag den Engeln gleich sind, die auch weder essen noch trinken, dafür aber durch und durch geistig und rein sind.

Und wenn wir schon keine Engel sind, probieren wir es wenigstens für 25 Stunden und hoffen, dass uns diese Erfahrung für das kommende Jahr inspiriert und erhebt, damit wir Engeln wenigstens ein bisschen gleichen.

Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik beschrieb 1955 im jiddischen »Tog‐Morgen Journal« in den USA auf Anfrage einiger Leser den höchsten Feiertag Jom Kippur und seine Gebete – und zeigte, dass sie auch aus Sicht von Juden sinnvoll sein können, deren Glaube nicht sehr stark ist.

Wenn ein Jude an die himmlischen Tore klopft, um in diesen Herbsttagen vor der Morgendämmerung mit den Slichot‐Gebeten um Verzeihung zu bitten, oder wenn er das in der geheimnisvollen Heiligkeit der durch liebevolle Wohltätigkeit umhüllten Nacht des Kol Nidre tut, verkündet er damit seinen festen Glauben an die Einheit des Namens G’ttes, schrieb der Rabbiner.

Kosmos Nach Soloveitchiks Auffassung finden wir im Gebet die Einheit der Natur und der Geistigkeit, der Wissenschaft und der Frömmigkeit. Die Natur, die Umwelt, der Kosmos sind wie ein Allerheiligstes, in dem jeder Mensch G’tt begegnen, jeder Jude die Offenbarung am Sinai neu beleben kann.

»Schaut der Slichot‐Jude durch das Fenster, dann sieht er, wie langsam der Osten aufleuchtet, wie blutrote Flammen von der aufsteigenden Sonne sich am Himmel entzünden, wie die ganze Landschaft mit Purpur und Gold überzogen wird.

Schaut der Jom‐Kippur‐Jude aus dem Fenster in die Dunkelheit des heiligen Abends, dann sieht er, wie ein zunehmender Mond auf dem Synagogenhof die Bäume mit blassem Licht begießt, die sich bereits so viele Jahre mit den Betenden beim Gebet mitschütteln, und wie er ein silbernes Netz über Häuser und Gärten webt, die am ›Schabbat Schabbaton‹, dem allerhöchsten Schabbat, ruhen«, so Soloveitchik.

Strahlen Die Eindrücke der Gebete zu verschiedenen Tages‐ und Nachtzeiten verfehlen ihre Wirkung nicht: »Der Jude … überlege sich also: Die Lichtstrahlen, sowohl die goldenen der Sonne als auch die silbernen des Mondes, erfüllen den gleichen Willen, den ich mit allen anderen Juden verwirkliche – den Willen des Unendlichen, der in uns allen siedet und stürmt.

Dann fängt er mit tiefer Konzentration und lauter Stimme an, zu verkünden: ›Kommt, lasst uns dem Ewigen lobsingen und jauchzen dem Felsen unseres Heils! Recht und Gerechtigkeit sind deines Thrones Feste, Gnade und Treue gehen vor deinem Angesicht her. Zusammen pflegen wir süßen Umgang, gehen ins G’tteshaus unter der Menge.‹«

An Jom Kippur bekommen so jedes Detail und jeder Lichtstrahl ihre eigene Symbolik. Sie sind wie Straßenschilder, die uns den Weg zum Sinai zeigen können.

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