Chukat – Balak

»Zu seinem Volk versammelt«

Alexandre Cabanel: »Der Tod des Moses« (1850), Öl auf Leinwand, Musée Fabre Montpellier Foto: picture alliance / akg-images

Diese Woche werden die Tora-Abschnitte Chukat und Balak gelesen. Paraschat Chukat berichtet von Aharons Tod. Er wird mit folgenden Worten angekündigt: »Aharon soll versammelt werden zu seinem Volk; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Israeliten gegeben habe« (4. Buch Mose 20,24).

»Zum Volk versammelt werden« – so wird der Tod Aharons beschrieben. Das Volk Aharons ist das Volk Israel. Es wird bald weiterziehen und sein Grab hinter sich lassen. Inwiefern passt dieser Ausdruck, um seinen Tod zu beschreiben?

Mosches Tod wird ebenso beschrieben: »Gʼtt redete mit Mosche am selben Tag und sprach: Geh hinauf ins Gebirge Abarim, auf den Berg Nebo. (…) Dann stirb auf dem Berg, auf den du hinaufgestiegen bist, und lass dich zu deinem Volk versammeln« (5. Buch Mose 32,49). Auch in Mosches Fall scheint dieser Ausdruck unpassend. Niemand weiß, wo sein Grab ist, das Volk Israel zieht weiter in das verheißene Land, und Mosches Grab bleibt in der Wüste, ohne Besuch.

PARADIES Wenn man sagen mag, dass es nicht um die Körper, sondern um die Seelen von Mosche und Aharon geht, die sich mit den Seelen der anderen Kinder Israels im Paradies vereinigen, so muss bemerkt werden, dass auch Awrahams Tod mit dem oben genannten Ausdruck beschrieben wird.

»Awraham verschied und starb in einem guten Alter, als er alt und lebenssatt war, und wurde zu seinem Volk versammelt« (1. Buch Mose 25,8). Awraham war der erste Hebräer überhaupt und auch der erste verstorbene Hebräer. Zu welchem Volk wurde er versammelt? Ein Blick in die Kommentare der Tora gibt Aufschluss darüber, was diese Redewendung bedeutet und warum sie als Ausdruck für den Tod benutzt wird.

Awraham Ibn Ezra (1092–1164) zitiert die Meinung (ohne sich selbst zu dieser zu bekennen), dass sich nur ein Teil der Seele im Körper befindet, während sich die Quelle der Seele, die sogenannte Seele des Lebens, ein höheres Selbst sozusagen, in einer anderen Dimension befindet. Nach dem Tod findet eine Rückkehr zur eigenen Seelenquelle statt, und diese Rückkehr wird als »Versammlung zum Volk« beschrieben. Unklar bleibt allerdings, warum die Quelle der eigenen Seele als »Volk« beschrieben wird.

Diesen Widerspruch könnte man allerdings dank eines Kommentars (zu 1. Buch Mose 25,8) von Rabbiner Yaakov Tzvi Mecklenburg (1785–1865) auflösen. Rabbi Mecklenburg beweist eindrücklich, dass das im Vers verwendete Wort »Am«, das normalerweise mit »Volk« übersetzt wird, jegliche Einheit von Einzelteilen meinen kann und sich manchmal auch auf einen einzelnen Menschen bezieht. So wird Mosche im Buch Jeschajahu (63,11) als »Am« bezeichnet.

RÜCKKEHR Rabbiner Ovadija Sforno (1475–1550) sieht im Ausdruck des Verses ebenfalls eine Beschreibung von der Rückkehr der Seele in die spirituelle Welt, allerdings wird das Wort »Am« im herkömmlichen Sinn als »Nation« verstanden.

Laut Rabbi Sforno werden die Seelen nach dem Tod von anderen Seelen empfangen, mit denen sie spirituell verbunden sind, da sie eine ähnliche Lebensführung auf Erden hatten. Diese werden von der Tora als »Volk« bezeichnet. Auch wenn Awraham der erste Hebräer war, so gab es Seelen, die zu seinem geistigen Volk gehörten. Seelen von Menschen, die sich vom Götzendienst loslösten und Barmherzigkeit übten.

Rabbiner Mosche Alschech (1508–1593) und Rabbenu Bahya (1255–1340) kommentieren ähnlich. Auch Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) schließt sich ihnen an, er schreibt (in seinem Kommentar zu 1. Buch Mose 25,8) von einem »Hinaufgesammeltwerden (der Verstorbenen) zu den ihnen verwandten Geistern«.

Ich möchte eine neue Interpretation anbringen, die ich in dieser Form noch nicht bei den Kommentatoren gelesen habe, die sich aber im Gespräch mit meinem Vater ergeben hat: Vielleicht spricht der Vers von einer »Versammlung zum Volk«, da Mosche, Aharon und Awraham Awinu nach dem Tod mit uns (dem Volk Israel) noch mehr verbunden sind als zu Lebzeiten?

IDEE Diese Idee steht im Einklang mit vielen talmudischen Aussagen. So sagt der Talmud: »Die Zadikim (Gerechten) werden in ihrem Tod als lebendig bezeichnet« (Brachot 18a). Ähnlich im Traktat Chullin (7b): »Die Zadikim sind nach ihrem Tod noch größer (in ihrer Kraft) als zu ihren Lebzeiten.«

Diese talmudischen Stellen werden normalerweise wie folgt erklärt: Die Zadikim beschützen das jüdische Volk mit ihren Gebeten und guten Taten. Doch auch sie sind zu Lebzeiten an ihre Körper gebunden, müssen schlafen und essen und haben Versuchungen, wie alle anderen auch. Nach dem Tod trennt sich die Seele vom Körper und kann pausenlos und in voller Pracht Fürbitte für das Volk Israel halten.

Vielleicht meint der Vers mit »zum Volk versammeln« also Folgendes: Die Gerechten sind im Moment ihres Todes vollkommen mit uns versammelt, da sie nicht mehr an einen Körper und damit auch nicht mehr an die Grenzen von Zeit und Raum gebunden sind und jeden Einzelnen des Volkes Israel begleiten und sich pausenlos für die Kinder Israels (aus der geistigen Welt heraus) einsetzen können.

kleidung Der Talmud geht mit den folgenden Worten auf Aharons Tod ein: »Wieso steht der Abschnitt über Aharons Tod in unmittelbarer Nähe zum Abschnitt über die Kleidung der Kohanim? Um uns zu lehren, dass genauso wie die Kleidung der Kohanim Sühne bringt, auch der Tod der Zadikim Sühne mit sich bringt« (Moed Katan 28a).

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, wieso der Tod der Gerechten für die Vergebung der Sünden der gesamten Nation sorgt. Eine davon ist, dass die Gerechten nun ohne die Begrenzungen des Körpers für die Vergebung der Kinder Israels bitten können.

Wir sehen, dass die Tora im Vers über Aharons Tod eine Wortwahl benutzt, die eine Vielzahl von Interpretationen zulässt – über die seit Jahrtausenden gesprochen wird. Alle Interpretationen haben allerdings eine Gemeinsamkeit: Das Leben geht auch nach dem Tod weiter, und die spirituelle Größe, die im Diesseits erreicht wurde, kann die Hinterbliebenen schützen.

Der Autor hat am Rabbinerseminar zu Berlin studiert und ist Sozialarbeiter.

inhalt
Der Wochenabschnitt Chukat berichtet von der Asche der Roten Kuh. Sie beseitigt die Unreinheit bei Menschen, die mit Toten in Berührung gekommen sind. In der »Wildnis von Zin« stirbt Mirjam und wird begraben. Im Volk herrscht Unzufriedenheit, man wünscht sich Wasser. Mosche öffnet daraufhin eine Quelle aus einem Stein – aber nicht auf die Art und Weise, wie der Ewige es geboten hat. Mosche und Aharon erfahren, dass sie deshalb das verheißene Land nicht betreten dürfen. Erneut ist das Volk unzufrieden: Es ist des Mannas überdrüssig, und es fehlt wieder an Wasser. Doch nach der Bestrafung bereut das Volk, und es zieht gegen die Amoriter und die Bewohner Baschans in den Krieg und erobert das Land.
4. Buch Mose 19,1 – 22,1

Der Wochenabschnitt Balak hat seinen Namen von einem moabitischen König. Dieser fürchtet die Israeliten und beauftragt den Propheten Bileam, das Volk Israel zu verfluchen. Doch Bileam segnet es und prophezeit, dass dessen Feinde fallen werden.
4. Buch Mose 22,2 – 25,9

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