Wajelech

Wo ist Gott?

In seinem Abwarten eröffnet Gott uns die Chance, dass wir uns Ihm wieder zuwenden, Ihn suchen, im Sinne von Teschuwa. Foto: Getty Images/iStock

Vierzig Jahre lang waren die Israeliten in der Wüste unterwegs. Immer wieder hatte sich Gott ihnen offenbart. Nun, bevor sie das Land betreten, kündigt Mosche ihnen an, welche Reaktion des Ewigen sie erwartet, wenn sie anderen Göttern dienen: Er wird sein Angesicht im Zorn von ihnen abwenden.

Wie hinlänglich aus der jüdischen Geschichte bekannt, antwortet das Volk auf Gottes Rückzug mit der Frage »Wo ist Gott?« besonders dann, wenn es von Feinden angegriffen wird und leidet. Daraus ergibt sich bis heute die Frage: Warum geht es einem gerechten Menschen schlecht und einem bösen gut? Theologisch gesehen ist die Sache klar: Auch der verborgene Gott ist anwesend und existiert. Doch stellt sich die Frage, was Gott bewegt, sich zu verbergen?

Schoa Besondere Brisanz erhält die Frage nach der Schoa. Wo war Gott in den abgrundtiefen, bitteren Stunden des Volkes Israel?

In unserem Abschnitt ist die Begründung einfach. Gott wird sich verbergen, wenn das Volk sündigt. Es kann aber auch Ausdruck von Gottes Gleichgültigkeit sein. Der Ewige ist heilig und erhaben, er muss kein Interesse daran haben, was sich in unseren persönlichen Welten und auf Erden abspielt. Er scheint die Welt vergessen zu haben und enthält sich jeder Art Verantwortung gegenüber seiner Schöpfung.

»Um deinetwillen werden wir täglich getötet und sind geachtet wie Schlachtschafe. Wach auf, Herr! Warum schläfst Du? Werde wach und verstoße uns nicht für immer! Warum verbirgst Du Dein Antlitz, vergisst unser Elend und unsere Drangsal?«, heißt es in Psalm 44 (23–25). Und auch der Prophet Jeschajahu kann sich einen Begriff von der Abwesenheit Gottes machen, wenn er sagt: »Fürwahr, Du bist ein verborgener Gott, Du Gott Israels, der Heiland« (45,15).

Retter Daneben lässt der Prophet sich aber auch noch differenzierter über Gottes Verborgensein hören: »Und ich will hoffen auf den Ewigen, der Sein Antlitz verborgen hat vor dem Hause Jakow, und will auf ihn harren« (8,17). Die hier ausgesprochene Identifizierung des Gottes, der sich verbirgt, mit dem, der rettet und erlöst, ist eine revolutionäre Idee. Jesaja betont, dass unsere Erlösung und die Erfüllung unserer Sehnsucht nach Gott gerade von dem verborgenen Gott herrührt.

Ein grundlegender Gedanke des Judentums ist, dass Gott die Welt als eine unvollendete geschaffen hat. Der Mensch wurde als Gottes Partner erschaffen. Er hat die Aufgabe, die Welt zu vervollständigen, ganz zu machen (Tikkun Olam).

Dies geschieht immer dann, wenn Menschen sich entscheiden, nicht mehr dem bösen Trieb zu folgen, wenn sie lernen, die Würde und Freiheit des anderen zu respektieren. Es geschieht, wenn sie ihre Kräfte und Erkenntnisse dafür einsetzen, Krankheiten zu bekämpfen und Naturkatastrophen so weit wie möglich zu verhindern oder einzudämmen.

Gott hat die Welt deshalb unvollendet erschaffen, weil Er zuversichtlich war, dass sich Seine Geschöpfe Ihm zuwenden und mit Ihm die »Lücken« in der Welt schließen werden. So lange wird Sein Angesicht verborgen bleiben. Aber diese Erfahrung wird von der Hoffnung begleitet, dass Seine Güte und Herrlichkeit die Welt erfüllen werden.

Mit einer Spur göttlicher Ironie gedacht, könnte man auch sagen: In der Abwendung Gottes liegt auch Segen. In Seiner Abwendung hält Er seinen Zorn vom Sünder zurück. In seinem Abwarten eröffnet Er uns die Chance, dass wir uns Ihm wieder zuwenden, Ihn suchen wollen, im Sinne von Teschuwa. So bringt Er den Menschen gegenüber Seine Liebe, Seine Hoffnung und Sein Vertrauen zum Ausdruck. Er ist weder kaltblütig noch gleichgültig. Aber Er hofft darauf, dass wir uns selbst korrigieren. Er hat sich verborgen, damit wir Ihn finden.

Der Autor ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Im Wochenabschnitt Wajelech geht es um Mosches letzte Tage. Er erreicht sein 120. Lebensjahr und bereitet die Israeliten auf seinen baldigen Tod vor. Er verkündet, dass Jehoschua sein Nachfolger sein wird. Die Parascha erwähnt eine weitere Mizwa: In jedem siebten Jahr sollen sich alle Männer, Frauen und Kinder im Tempel in Jerusalem versammeln, um aus dem Mund des Königs Passagen aus der Tora zu hören. Mosche unterrichtet die Ältesten und die Priester von der Wichtigkeit der Toralesung und warnt sie erneut vor Götzendienst.
5. Buch Mose 31, 1–30

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