Hohe Feiertage

Wir zählen nur als Gemeinschaft

Der Klang des Schofars ruft das Volk an Rosch Haschana zusammen. Und auch, wenn wir dieses Jahr im Kreis der Familien in unseren eigenen Wohnungen beten, bleiben wir Teil der Gemeinschaft. Foto: Benyamin Reich

Bestimmt hat sich manch einer im vergangenen Jahr nicht nur einmal gewünscht, 5780 solle schnellstmöglich vorübergehen. Gerade hatte das Jahr mit der Rosch-Haschana-Feier so gut angefangen, als am 10. Tag unseres Monats Tischri, an Jom Kippur, der antisemitische Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt wurde. G’tt sei Dank hat die Tür gehalten, und doch hat dieser Angriff uns alle erschüttert, verunsichert und viele Fragen aufgeworfen.

Und leider war das nicht alles. Seit der Mitte des jüdischen Jahres 5780 hält ein neuartiges Virus die ganze Welt in Atem. Unser gewohnter Alltag musste Einschränkungen, Bestimmungen und Vorschriften angepasst werden. Ängste und Panik vor dem Unbekannten führten zu Hamsterkäufen. Und die Absage von Events, auch in den jüdischen Gemeinden, das Social Distancing, Selbstisolierungen und Lockdowns in vielen Ländern haben die Welt fast völlig zum Stillstand gebracht.

PROGNOSEN Jetzt stehen wir vor optimistischen und weniger optimistischen Prognosen. Wie soll es weitergehen? Es ist unbestritten, dass diese Pandemie für uns alle eine Prüfung war und immer noch ist. Egal, ob jung oder alt, wir mussten auf vieles verzichten. Wenn wir aber die gesamte Menschheitsgeschichte und die Geschichte unseres Volkes im Speziellen betrachten, dann stellen wir fest, dass diese Prüfung im Vergleich zu anderen Pandemien und erdgeschichtlichen Katastrophen recht glimpflich verläuft.

Der Midrasch betont dies noch einmal bildhaft mit folgendem Beispiel. Es wird eine Zielscheibe aufgestellt. Diese wird mit einer Menge von Pfeilen beschossen, bis alle Pfeile aufgebraucht sind. Die Zielscheibe bleibt jedoch erhalten. Genauso wird das Volk Israel am Ende alles Leid überstanden haben.

Und mit jedem neuen Leid, das über uns kommt, wissen wir auch, dass im Köcher weniger Pfeile übrig sind. Irgendwann wird der Köcher komplett leer sein, das Volk Israel jedoch wird immer noch existieren. Wie König Schlomo in den Sprüchen sagt: »ubejt Zadikim ja’amod« – »doch der Gerechten Haus besteht« (Mischle 12,7).

schabbat Das ist der Grund, weshalb wir am Schabbat vor Rosch Haschana den Abschnitt Nizawim mit den Worten »Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem G’tt« lesen. Gerade dann, wenn wir auf kein leichtes Jahr zurückblicken, müssen wir zeigen, dass es uns gibt – und dass wir noch imstande sind, zu stehen.

Interessant ist die Tatsache, dass am ersten Tag von Rosch Haschana in unserer Liturgie sowohl in der Toralesung als auch in der Haftara, der zusätzlichen Lesung aus den Prophetenbüchern, kinderlose Frauen erwähnt werden.

Neben der bekannten Geschichte aus dem 1. Buch Mose, die davon erzählt, wie die Erzmutter Sara mit 90 Jahren ihren Sohn Jizchak gebar, wird in der Haftara Chana erwähnt, ihr Gebet im Mischkan, im Tempel, und die Geburt ihres Sohnes – des späteren Propheten Schmuel.

NIZAWIM Bekannterweise lesen wir immer unmittelbar vor Rosch Haschana den Toraabschnitt Nizawim, der auf den Abschnitt Ki Tawo folgt. Unsere Weisen folgern aus der Anordnung dieser Abschnitte, dass der Ewige Sein Volk, nachdem es im Abschnitt Ki Tawo 98 Flüche vernommen hatte, beruhigen und sich mit ihm versöhnen will. Denn der Abschnitt Nizawim beginnt mit den Worten: »Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem G’tt …«

Demjenigen, der die Worte der Beruhigung und Versöhnung nicht sofort erkennt, helfen die Weisen mit ihren Erklärungen weiter: Unsere Aufmerksamkeit wird auf das Wort »steht« gelenkt. »Ihr steht« bedeutet: Es wird euch geben, ihr werdet da sein vor dem Ewigen. Das hat zu bedeuten, dass das Volk Israel alles überstehen kann und überstehen wird – so, wie auch G’tt ewig ist.

Der Midrasch Tanchuma weist in dieselbe Richtung und bezieht sich auf 5. Buch Mose 32,23: »Verschwenden will ich Übel über sie, und meine Pfeile alle gegen sie verbrauchen.« Rabbi Chanina Bar Papa deutet diesen Vers und erklärt, dass Übel und Pfeile zu Ende gehen werden, das Volk Israel aber bleibt erhalten.

SOHAR Der Sohar (dieses Werk wird dem Raschbi, Rabbi Schimon Bar Jochai, zugeschrieben) schreibt in Abschnitt Bescha­lach, Seite 44b, dass an Rosch Haschana alle kinderlosen Frauen gezählt werden und ihr Schicksal von G’tt bestimmt wird. In diesem Zusammenhang erwähnt er die Geschichte einer weiteren kinderlosen Frau.

Es ist die Geschichte von der Frau aus der kleinen Stadt Schunem in der Nähe des Tabor-Bergs und Elischa, dem Propheten. Als diese Frau erkannte, dass Elischa ein Mann G’ttes war, bat sie ihren Mann, für Elischa einen Anbau zu errichten, wo er übernachten könnte. Der Vers im zweiten Buch der Könige (4,11) lautet: »Da war es eines Tages, dass er dort hinkam …«

Der Sohar erklärt, dass der besagte Tag Rosch Haschana war. Elischa ließ die Frau durch seinen Diener Gechasi fragen, was er für sie tun könnte, um sich für ihre Gastfreundschaft zu bedanken. Vielleicht hatte sie eine Angelegenheit, die man vor den König oder den obersten Heerführer bringen könnte?

Die Antwort der Frau »betoch ami anochi joschawet« – »inmitten meiner Sippe wohne ich« (2. Buch der Könige, 4,13) – ist zwar sehr berühmt, aber nicht ganz verständlich. Auch für den Sohar erscheint die Aussage erklärungsbedürftig.

Kein Antisemit und keine Pandemie werden uns daran hindern, unseren Glauben auszuleben.

Der Sohar erklärt zunächst, dass die Frau aus Schunem bestimmt kein Anliegen beim König oder dem obersten Heerführer vorbringen wollte. Elischas Angebot bezog sich vielmehr auf den himmlischen König, denn an Rosch Haschana sitzt er zu Gericht über die gesamte Schöpfung. Elischa war also bereit, bei G’tt für sie einzutreten und für sie zu beten.

URTEILSSPRUCH Demnach hatte die Frau Elischas Angebot richtig verstanden, doch warum sagte sie, dass sie »inmitten ihrer Sippe« wohnt? Die Antwort darauf gibt der Sohar. Wenn das Din, der Urteilsspruch, in der Zeit von Rosch Haschana über der Welt hängt, sollte man sich nicht vom Kollektiv lösen.

Derjenige, der sich vom Kollektiv getrennt hat, wird im Himmel nicht erwähnt, und er wird alleine auch nicht bekannt werden. Folglich darf man sich von den Menschen nie zurückziehen, weil die Gnade des Schöpfers immer auf allen Menschen gemeinsam ruht.

Darum sagte die Frau aus Schunem: »Inmitten meiner Sippe wohne ich«, deshalb wollte sie sich nicht von ihr lösen. Als Dank für ihre Gastfreundschaft versprach ihr der Prophet Elischa: »Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen« (2. Buch Könige 4,16).

Die Geschichte der Frau von Schunem lehrt uns, dass es mehr Kraft und Wirkung vor G’tt hat, Rosch Haschana in der Gemeinschaft zu verbringen, als wenn ein Mann G’ttes vor dem Ewigen Fürbitten spricht.

Dieses Prinzip erkennen wir auch in dem Anschlag auf die Synagoge in Halle. Bald jährt sich der Tag, an dem ein böswilliger Mensch sich anmaßte, ein Urteil über andere besiegeln zu wollen. Doch die Betenden verstanden, dass sie nur im Kollektiv überhaupt eine Chance hatten, um am Leben zu bleiben.

HAMAN Die Tatsache, dass man sich von der Gemeinschaft nicht trennen sollte, ist nicht neu. Wir kennen sie bereits aus der Esther-Rolle. Damals nahm sich Haman, der größte Judenhasser seiner Zeit, vor, alle Juden des großen Perserreiches zu vernichten. Es waren gerade die Synagogen, wo sich alle, von jung bis alt, Männer und Frauen auf Esthers Geheiß versammelten und die Wände der G’tteshäuser als schützender empfanden als Burgen oder Festungen.

Nach einer langen Pause gibt es jetzt wieder G’ttesdienste. Wir zeigen Präsenz und gehen – natürlich unter Einhaltung der Corona-Regeln – wieder in die Synagogen, denn die Herausforderung hat uns nur noch stärker gemacht, und das Ende des Leids rückt näher.

Keine Pandemie, kein Antisemit und keine Waffen werden es je schaffen, uns davon abzuhalten, unseren Glauben auszuleben und die Gebote zu befolgen – auch wenn es natürlich legitim ist, dass Menschen dieses Jahr aus gesundheitlichen Gründen oder Befürchtungen zu Hause bleiben. Doch auch, wenn wir dieses Jahr im Kreis der Familien in unseren eigenen Wohnungen beten, bleiben wir Teil der Gemeinschaft.

Der Klang des Schofars, des Widderhorns, hat uns bereits den ganzen Monat Elul aufgerufen, um an unsere Herzen zu rühren, aber auch, um das Volk zu Rosch Haschana zusammenzurufen, damit wir geschlossen auftreten – denn darin besteht unsere Stärke. Ich wünsche uns ein süßeres und gesünderes neues Jahr 5781!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Religion

Debatte über möglichen interreligiösen Feiertag geht weiter

Josef Schuster: »Wir stehen dem eher skeptisch gegenüber«

 18.09.2020

Sicherheit

Bundesregierung unterstützt den Schutz jüdischer Einrichtungen mit 22 Millionen Euro

Zentralratspräsident Josef Schuster: »Für jüdische Gemeinden stellen die Ausgaben für Sicherheit häufig eine erhebliche finanzielle Belastung dar«

 17.09.2020

Schabbat

Familiengeschichten

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es in den Geschichten von Jizchak und Jischmael gibt

von Chajm Guski  17.09.2020

Unetane Tokef

Das Urteil abändern

Wie ein 1000 Jahre altes Gebet in Zeiten der Pandemie eine neue Bedeutung bekommt

von Rabbinerin Yael Deusel  17.09.2020

Corona

Horn mit Maske

Was Wissenschaftler und Rabbiner zum Schofarblasen in Zeiten der Pandemie sagen

 17.09.2020

ARK

Zusammenwirken

Die Pandemie ist eine besondere Herausforderung, die man am besten gemeinsam meistert

 17.09.2020

ORD

»Der Beginn neuen Lebens«

In der Bedrohung durch Corona gilt es jetzt, das Potenzial der Krise zu nutzen

 17.09.2020

Rosch Haschana

Im Zweifel für den Angeklagten

Wie wir am Tag des Gerichts ein mildes Urteil erwirken können

von Rabbiner Avraham Radbil  17.09.2020

Taschlich

Den Neuanfang wagen

An Rosch Haschana ist es Tradition, die Sünden am Ufer eines Gewässers abzuschütteln

von Rabbiner Raphael Evers  17.09.2020