Pessach

Wer am meisten erzählt, verdient Lob

Sederabend zur Eröffnung des Pessachfestes in der Jüdischen Gemeinde Herford Foto: picture alliance / Robert B. Fishman

Pessach

Wer am meisten erzählt, verdient Lob

Warum die Geschichte vom Auszug aus Ägypten bis in alle Details wiedergegeben wird

von Rabbiner Raphael Evers  26.03.2021 08:50 Uhr

Die Sedernacht ist der feierlichste Moment von Pessach. Die Essenz des Seders ist »Sippur Jeziat Mizrajim« − man erzählt vom Auszug aus Ägypten, indem wir unsere Gefühle der Dankbarkeit für die großen Wunder ausdrücken, die G’tt beim Exodus aus Ägypten für uns vollbracht hat.

LEITFADEN Aber es gibt noch mehr: Der Text der Haggada ist ein Leitfaden für das Wieder­erleben des Exodus und wurde um 450 v. d.Z. von den Männern der Großen Versammlung erstellt.

Einige haben die Angewohnheit, zu Beginn des Abends das Stück Mazza des Afikomans (Nachspeise) in ein Tuch einzuwickeln, es über die Schulter zu schlagen und mit einem Stock in der Hand symbolisch den Beginn des Exodus nachzuahmen. Denn darum geht es: Der Seder ist nicht nur als Lernabend gedacht, an dem jeder seine eigenen Gedanken und Gefühle ausdrücken darf; es ist eine Nacht, in der der Exodus noch einmal erlebt werden muss.

In der Sedernacht muss der Exodus noch einmal erlebt werden.


Es handelt sich also nicht nur um ein intellektuelles, sondern vielmehr um ein emotionales Ereignis. So heißt es in so vielen Worten: »we afilu kulanu chachamim« –»auch wenn wir alle weise, alle vernünftig, erfahren und große Kenner der Tora waren – ist es dennoch obligatorisch, über den Exodus zu sprechen«. Also: Am Sederabend geht es »nicht um das Können und das Wissen«, sondern darum, diese wunderbare Befreiung noch einmal zu erleben.

BNEI BRAK Zur Veranschaulichung wird in der Haggada die Geschichte der fünf Rabbiner erwähnt, die die Nacht durchsaßen. Alle in Bnei Brak versammelten Persönlichkeiten hatten etwas Besonderes. Rabbi Akiwa stammte von Gerim, Proselyten, ab: Seine Vorfahren waren nie in Ägypten gewesen. Rabbiner Elazar ben Azarja, Rabbiner Elieser und Rabbiner Tarfon waren Kohanim, und Rabbiner Jehoschua war Levit.

Die Priester- und Levitenklasse war von Sklavenarbeit befreit, weil sie sich dem Studium der Tora widmete. Die Tatsache, dass selbst sie die ganze Nacht damit verbrachten, über den Exodus zu diskutieren, war in der Tat bemerkenswert.

Die Geschichte, dass ihre Schüler sie zum Morgengebet abholen kamen, kann auf verschiedenen Ebenen verstanden werden. Die traditionellen Kommentatoren weisen darauf hin, dass die fünf Rabbiner in Bnei Brak an diesem Abend in der Lage waren, den Exodus so anschaulich und klar darzustellen, dass ihre Schüler in Ekstase und Verzückung aufschrien und sie in ihren Gefühlen und Erfahrungen bereits die Morgendämmerung der Befreiung und Erlösung erlebten.

Ohne den bösen Sohn ist das jüdische Volk unvollständig.


Es wird manchmal vermutet, dass die fünf Rabbiner von Bnei Brak an diesem Abend einen Aufstand gegen Rom vorbereitet haben. Diese Interpretation ist sicherlich nicht unwahrscheinlich. Die römische Herrschaft war unterdrückend und erniedrigend. Diese Interpretation wird jedoch dem Wesen von Jeziat Mizrajim nicht gerecht.

BEFREIUNG Die Bedeutung des Exodus lag nicht nur in der physischen Befreiung, sondern auch im psychologischen Prozess der Lockerung der götzendienerischen Kultur und im Aufstieg zu einer höheren religiösen Ebene in unmittelbarer Nähe G’ttes, und schließlich auf den Berg Sinai.

Religiöse Ereignisse in politischen Diskussionen herabzusetzen, schadet der Erfahrung des Seders. Andererseits waren die Römer auch Götzendiener, und eine Befreiung von Rom wäre sicherlich ein gewaltiger geistiger Auftrieb gewesen.

Das Pessach, das jedes Jahr wiederkehrt, muss zu immer höheren geistigen Ebenen führen. So gesehen ist die übliche Übersetzung von »wekol hamarbe lesaper hare se meschubach« (»und je mehr man über den Exodus aus Ägypten erzählt, desto mehr wird er gepriesen«) etwas oberflächlich. »Meschubach« bedeutet auch veredelt, verbessert. Je mehr man über den Exodus erzählt, desto mehr kann man aufsteigen und eine höhere Ebene erreichen.

KABBALISTEN Kabbalisten erklären, dass es in einer Zeit der G’ttesverhüllung und -verfinsterung sowie der spirituellen Armut auch in der Diaspora möglich ist, die übernatürlichen Erfahrungen vergangener Zeiten wieder zu erleben. Die Zeit unseres Exils, der Galut, ist eine solche Periode tiefer geistiger Finsternis (obwohl viele sich dessen nicht bewusst sind).

Mit viel Aufopferung und Mühe können wir alle Arten von Hindernissen und Behinderungen überwinden und uns voll und ganz der Religion und dem G’ttesdienst widmen. Das ist möglich, aber der direkte Kontakt mit dem Allmächtigen ist immer noch ein unerreichbares Ideal. Dieser direkte Kontakt war während des Exodus möglich, als die Juden auf G’ttes geistige Präsenz zeigten und ausrufen konnten: »Das ist unser G’tt!«

CHARAKTER Wo in der Tora vom Erzählen die Rede ist, geschieht dies immer in der Form »wenn Ihr Sohn fragt«. Die Tora spricht von vier Arten von Kindern, vier Persönlichkeiten oder vier Charaktereigenschaften. In der Tora lesen wir zuerst die Antwort auf den Rascha, den Bösewicht, danach wird der einfache Sohn besprochen, danach folgt »der, der nicht zu fragen weiß«, und zuletzt wird der Chacham, der weise Sohn, besprochen.

Bemerkenswert ist, dass in der Haggada der Chacham zuerst erscheint. Darüber hinaus ist es seltsam, wie die Menschen auf den Bösewicht reagieren: »Wäre er dort gewesen, wäre er nicht befreit worden.«

Was macht ein böser Sohn denn in der Haggada, wenn er nicht befreit werden würde? Auffällig ist auch die hebräische Konstruktion bei der Aufzählung der vier Söhne: »echad chacham echad rascha, echad tam we’echad sche’eno jode’a lischol«. Wörtlich: »einer ist der weise Sohn, einer der böse Sohn, einer der einfache Sohn und einer das Kind, das noch nicht fragen kann.«

EINHEIT Die Antwort auf diese Probleme findet sich im Talmud (Sanhedrin 44a). Dort heißt es, dass ein Jude sich zwar weit von seinem G’ttesdienst entfernen kann, dies aber nicht bedeutet, dass sein jüdisches Wesen verloren geht. Dies wird durch die Worte »chad chacham echad rascha …« angezeigt. »Echad« bedeutet G’ttes Einheit. Auch der »Rascha« ist also Teil des jüdischen Volkes.

Es gibt eine Bestimmung, wonach eine Torarolle ungeeignet ist, sobald ein Buchstabe in der Tora fehlt. Dasselbe gilt für die Einheit des jüdischen Volkes: Wenn nur ein Sohn fehlt, fehlt er dem ganzen Volk. Der weise Sohn wird also nach vorne gerückt und neben den bösen Sohn gestellt, denn nur der Chacham ist in der Lage, den Rascha zurück zum Judentum zu bringen. Nur das Gute ist in der Lage, das Schlechte zu heilen.

LETHARGIE Mit der Aussage »wenn er dort gewesen wäre, wäre er nicht befreit worden« wollen wir den Bösewicht schockieren, ihn aus seiner lethargischen Haltung zum Judentum wachrütteln. Tatsächlich wurde er während des ursprünglichen Exodus nicht befreit. Der Midrasch sagt uns sogar, dass sich 80 Prozent des jüdischen Volkes in das Leben in Ägypten eingegliedert haben und dort geblieben sind!

Aber nachdem Haschem die Tora auf dem Berg Sinai gegeben hatte, in der Er jedem Juden versprach: »Ich bin Haschem, dein G’tt«, entstand die Idee, dass jeder für immer untrennbar mit dem G’tt Israels verbunden ist. In der Zeit des Maschiach werden ihm alle Juden folgen.

Der fünfte Becher ist für den Sohn, der nichts mehr von seiner Jüdischkeit weiß.

Man könnte sogar sagen, dass sich der Seder hauptsächlich auf diesen Sohn konzentriert, der nicht gut sein will. Die anderen Söhne werden früher oder später sowieso folgen. Aber am Bösewicht muss gearbeitet werden. Deshalb wird der wichtigste Teil des Seders über den zweiten Becher, den Becher des Rascha, gesagt.

ELIJAHU Es gibt übrigens einen fünften Becher auf dem Sedertisch. Dies ist der Becher des fünften Sohnes, der nichts mehr über Jüdischkeit weiß und deshalb nicht mit am Sedertisch sitzt. Dennoch wird er nicht vergessen, denn der fünfte Becher ist der Becher von Elijahu, dem Vorläufer des Maschiach.

Auch der Jude, der weit vom jüdischen Leben entfernt ist, wird schließlich seinen Weg zurückfinden. Deshalb singen wir am Ende des Seders »Lechana haba biruschalajim habenuja« – »Nächstes Jahr im wiedererbauten Jerusalem«. Pessach kascher we-sameach!

Der Autor ist Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dajan beim Europäischen Beit Din und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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