Erzählung

Weibliche Hauptrolle

Simeon Solomon: »Isaac and Rebekah« (1863), Aquarell auf Papier, Victoria and Albert Museum London Foto: dpa

Erzählung

Weibliche Hauptrolle

Die Tora schildert ungewöhnlich detailliert, wie Riwka Jizchaks Frau wird

von Rabbiner Nils Ederberg  11.11.2014 08:43 Uhr

Paraschat Chaje Sara beginnt mit dem Tod Saras, und kurz vor ihrem Ende steht der Tod Awrahams. Es geht in diesem Wochenabschnitt um den Übergang von einer Generation zur nächsten. Awraham und Sara sind die erste Generation eines Neuanfangs. Die zweite Generation – Jizchak und Riwka – setzt das von anderen begonnene fort. Sie hat es einerseits einfacher, denn sie kann auf den Leistungen der Vorgänger aufbauen. Andererseits hat sie es aber auch schwerer, denn sie hat viel weniger Freiheit, Neues zu beginnen. Die dritte Generation hingegen – hier Jakow, Lea und Rachel – kann rebellieren und wieder etwas Neues beginnen.

In der Familiensaga, die am Anfang der jüdischen Geschichte steht, ist die männliche Hauptrolle der zweiten Generation schon vergeben. Von Awrahams zwei Söhnen ist Jizchak der Alleinerbe geworden, da seine Mutter Sara Awrahams ältesten Sohn Jischmael samt seiner Mutter Hagar hatte vertreiben lassen. Die große Frage ist nun, wer die weibliche Hauptrolle in dieser Generation übernehmen wird.

Passivität Zu Saras Lebzeiten ist für den längst erwachsenen Sohn offenkundig noch nicht die Zeit gekommen, sich an eine Frau zu binden. Erst nach Saras Tod ändert sich dies. Jizchak bleibt dabei allerdings völlig passiv, und nicht einmal bei der Beerdigung seiner Mutter ist von ihm die Rede. Awraham ist es, der um Sara trauert und sie beerdigt. Danach aber macht er sich sofort daran, eine Frau für seinen Sohn und Erben zu finden.

Er schickt seinen obersten Knecht mit Geschenken in die alte Heimat nach Mesopotamien, denn Jizchak soll keine Frau von den Kanaanäern heiraten, die damals das von Gott verheißene Land bewohnten. Auch darf Jizchak keinesfalls das Land Kanaan – also Israel – verlassen. Dies sind dann aber auch alle Informationen, die der Knecht bekommt.

Awraham ist sich darüber im Klaren, was er nicht will. Doch scheint er sich keine großen Gedanken zu machen, welche Eigenschaften diese Frau haben soll. Schon gar nicht kommt es ihm in den Sinn, seinen erwachsenen Sohn nach dessen eigenen Wünschen zu fragen. Und wenn die auf diese Weise ausgesuchte Frau ihre Heimat nicht verlassen will, dann muss der Knecht nicht weitersuchen, sondern kann ohne Frau zurückkommen.

vorbereitungen Nach diesen nicht sehr vielversprechenden Vorbereitungen ist die gefundene Frau – Riwka – umso bemerkenswerter. Dies zeigt sich allerdings nur, wenn man ihr Verhalten innerhalb der ihr in ihrer Zeit und Umwelt vorgegebenen Freiräume und Beschränkungen sieht. So ist es sinnvoll, erst zu betrachten, was der Text uns an Geschehen schildert und in einem zweiten Schritt dann zu schauen, welche Entscheidungen Riwka trifft.

Als sich der Knecht seinem Ziel, der Heimat Awrahams, näherte, hatte er sich einen Test überlegt und Gott um Hilfe angerufen. Wenn ihm eine Frau, die er um etwas Wasser bittet, anbietet, auch seine zehn Kamele zu tränken, wäre sie die richtige. So erscheinen er, die Kamele und seine Begleiter gegen Abend am Brunnen, zu der Zeit, da die Frauen Wasser schöpfen. Die erste junge Frau, die er anspricht, gibt ihm auf seine Bitte nicht nur sofort Wasser, sondern bietet auch von sich aus an, alle Kamele zu tränken. Danach gibt er ihr wertvolle Geschenke und fragt sie nach ihrer Familie.

Im weiteren Verlauf der Brautwerbung erscheint Riwka, deren Großvater ein Bruder Awrahams ist, dann nicht mehr als aktive Teilnehmerin. Ihr Bruder und ihr Vater akzeptieren das Heiratsprojekt noch am selben Abend. Erst am nächsten Morgen wird sie nach ihrer Meinung gefragt, als Awrahams Knecht schnell nach Hause zurück möchte, Riwkas Bruder und ihre Mutter aber noch mehr Zeit mit ihr verbringen wollen. Ihre sofortige Antwort ist: »Ich will gehen.« Als sie dann am Ziel der Reise angekommen ist und Jizchak aus der Ferne sieht, springt sie vom Kamel und verhüllt ihr Gesicht. Jizchak nimmt sie in sein Zelt und vollzieht die Ehe mit ihr. Von ihm heißt es, er liebte sie und war durch sie über den Tod der Mutter getröstet.

Initiative Auf den ersten Blick erscheint Riwkas Rolle sehr beschränkt. Sie willigt nicht einmal ausdrücklich in die Ehe ein, was spätere jüdische Kommentatoren sehr irritierte, denn ohne ausdrückliche Zustimmung der Braut kann es keine jüdische Ehe geben. Auf den zweiten Blick aber wird klar, dass sie selbst in den entscheidenden Momenten die Initiative ergriffen hat. Als eine Gruppe fremder Männer an ihrem Brunnen auftaucht, hätte sie den Kontakt vermeiden können. Sie reagiert aber nicht nur freundlich, sondern sogar extrem hilfsbereit und tränkt alle Kamele.

Als ihr Sohn Jakow Jahre später in einer ähnlichen Brunnenszene mit Rachel erscheint, ist er es, der Rachels Schafe tränkt. Indem Riwka die Geschenke von Awrahams Knecht annimmt, ohne ihre Familie zu fragen, macht sie überaus deutlich, dass sie zu einer Ehe bereit ist.

Da in diesem Moment weder ausdrücklich von Ehe noch gar von einem bestimmten Mann die Rede ist, muss man gar vermuten, dass ihr Wunsch nach Neuem, nach Aufbruch, oder anders formuliert, nach einer Trennung von ihrer Familie, sehr groß war. In dem Moment, in dem sie nach ihrer Meinung gefragt wird, plädiert sie dann auch für einen sofortigen Aufbruch. Ihre erste Begegnung mit Jizchak erscheint auf den ersten Blick eher passiv. Indem sie aber von sich aus die Initiative ergreift und vom Kamel springt, legt sie den Ort des Treffens fest. Indem sie ihr Gesicht verschleiert, gibt sie der Situation einen formellen Charakter.

motive Warum ist uns von Riwka eine so intensive Schilderung überliefert, wenn im Allgemeinen in der Tora und dem ganzen Tanach die handelnden Personen und ihre Motive gegenüber den geschilderten Ereignissen im Schatten bleiben? Eine der wenigen Ausnahmen ist König David, dessen Aufstieg aus kleinen Verhältnissen Israel ja erst auf die politische Landkarte seiner Zeit brachte.

Riwka und ihre Familie, die drei Generationen der Stammeltern Awraham und Sara, Jizchak und Riwka sowie Jakow mit Lea und Rachel stehen für den Beginn der jüdischen Geschichte. Daher werden uns die Ereignisse ihres Lebens genau geschildert. Dass sie dabei in all ihren menschlichen Stärken und Schwächen gezeigt werden, liegt daran, dass Gott der eigentliche Held dieser Erzählungen ist. Er zeigt seine Güte und Treue darin, dass er die menschlichen Fehler immer wieder ausbügelt, damit es zu einem guten Ende kommt.

Der Autor lehrt am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Chaje Sara beginnt mit Saras Tod und dem Kauf der Grabstätte »Mearat Hamachpela« durch Awraham. Dieser Kauf wird sehr ausführlich geschildert. Später
beauftragt Awraham den Knecht Elieser, für seinen Sohn eine passende Frau zu suchen. Er findet in Riwka die richtige Partnerin für Jizchak. Auch Awraham bleibt nicht allein: Er heiratet eine Frau namens Ketura. Schließlich stirbt er und wird in der Höhle begraben, in der auch Sara beigesetzt ist.
1. Buch Mose 23,1 – 25,18

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