Zaw

Was vom Feuer bleibt

Wo Asche liegt, hat zuvor Leidenschaft gebrannt. Foto: Getty Images/iStockphoto

Das erste Sederfest feierten die Juden noch in Ägypten, in der Nacht vor dem 15. Nissan, bevor sie das Land der Knechtschaft verließen. Mosche wies sie an, das Pessachopfer – gebratenes Lamm oder Ziege – zusammen mit Mazza und Maror, bitteren Kräutern, zu essen. Moment mal: Das erscheint befremdlich. Ich verstehe, dass wir heute Maror essen, um uns an die Bitterkeit der Sklaverei zu erinnern. Aber mussten jene, die das Exil selbst durchlitten – deren Kinder in den Nil geworfen wurden, die geschlagen und erniedrigt wurden –, wirklich bittere Kräuter essen, um sich an den Schmerz zu erinnern? War ihr Alltag nicht bitter genug? Musste man Menschen, die in einem Sklavenlager gelebt hatten, ein bitteres Gemüse reichen, damit sie die Bitterkeit ihres Lebens begreifen? Die Frage ist ernst. Und sie zwingt uns, tiefer zu schauen.

Um sie zu verstehen, wenden wir uns einer bemerkenswerten Vorschrift zu Beginn des Wochenabschnitts Zaw zu. Den Priestern wird geboten, jeden Morgen eine Schaufel Asche vom Altar zu nehmen und neben ihm abzulegen – »Trumat Hadeschen«. In größeren Abständen wird die restliche Asche vollständig aus dem Lager der Israeliten gebracht – »Hoza’at Hadeschen«.

Warum zwei getrennte Mizwot? Und warum ist das Entfernen von Asche überhaupt ein eigenständiger Bestandteil des Tempeldienstes? Wenn sich auf einem Altar Asche ansammelt, muss man ihn selbstverständlich reinigen. Warum aber erhebt die Tora diese Handlung zu einer spirituellen Pflicht? Offensichtlich handelt es sich nicht um bloße Säuberung, sondern um eine geistige Lehre.

Das Feuer des Altars steht für Hingabe, für Liebe zu G’tt, für innere Inbrunst

Was ist Asche? Der dunkle, trockene Rückstand eines Feuers. Wo Asche liegt, hat zuvor Leidenschaft gebrannt. Das Feuer des Altars steht für Hingabe, für Liebe zu G’tt, für innere Inbrunst. Doch jedes Feuer hinterlässt Rückstände. Je stärker das Feuer, desto mehr Asche bleibt zurück.

Übertragen auf den Menschen bedeutet das: Wer kein inneres Feuer entfacht, bemerkt seine moralischen Mängel kaum. Man kann bequem mit Unzulänglichkeiten leben, solange kein Licht darauf fällt. Doch wer seine Seele erhitzt, wer ernsthaft wachsen will, entdeckt plötzlich die »Schlacke« in sich: grobe Fehler ebenso wie subtile Motive, Eitelkeiten, Selbsttäuschungen. Je stärker das spirituelle Feuer, desto deutlicher werden selbst feine Sedimente sichtbar.

Rabbi Schneur Salman von Liadi (1745–1812) veranschaulicht dies mit dem Bild einer Goldraffinerie. Wenn man Gold reinigen will, legt man es in einen Ofen. Die Hitze trennt die Schlacke vom Edelmetall. Doch selbst nach einer ersten Reinigung bleiben feine Rückstände. Erst intensivere Hitze bringt auch diese zum Vorschein. Dasselbe gilt für unser moralisches Leben: Wachstum bringt nicht nur Licht hervor, sondern auch ein neues Bewusstsein für Dunkelheit.

Wenn wir erkennen, wie weit wir vom Ideal entfernt sind, entsteht Bitterkeit

Dieses Bewusstsein erzeugt Melancholie. Wenn wir erkennen, wie weit wir vom Ideal entfernt sind, entsteht Bitterkeit. Und genau hier unterscheidet die Tora zwischen zwei Arten von »Asche«.

Die erste Art gleicht jener Schaufel Asche, die jeden Tag neben dem Altar abgelegt wird. Sie bleibt ganz in seiner Nähe. Diese Bitterkeit ist konstruktiv. Sie sagt: Jetzt erkenne ich meine Schwächen – also kann ich an ihnen arbeiten. Ja, sie schmerzt, aber sie motiviert. Die chassidische Tradition nennt sie Merirus – lebendige Frustration, die antreibt, nicht lähmt.

Die zweite Art Asche wird vollständig aus dem Lager der Israeliten entfernt. Sie darf nicht im Heiligtum bleiben. Diese Bitterkeit sagt: Ich bin wertlos. Alles ist sinnlos. Veränderung ist unmöglich. Das ist Atzvus – lähmende Depression, die das Feuer löscht, statt es zu reinigen.

Zwei scheinbar widersprüchliche chassidische Sprüche bringen es auf den Punkt: »Nichts ist so ganz wie ein gebrochenes Herz.« Und: »Depression ist keine Sünde; aber was sie bewirkt, kann keine Sünde bewirken.« Der Unterschied liegt nicht im Schmerz selbst, sondern in seiner Richtung. Führt er zur Tat – oder zur Resignation?

Darum beginnt der Tempeldienst jeden Morgen mit dem Anheben der Asche. Der Tag beginnt mit Selbstprüfung. Wir betrachten unsere Schwächen. Doch wir legen diese Asche neben den Altar – nicht auf ihn. Sie ist kein Idealzustand, aber sie kann uns näher zu G’tt führen. Die andere Asche jedoch – jene, die das Feuer erstickt – muss hinausgetragen werden. Und nun verstehen wir das Maror.

Es gilt ein bemerkenswertes Gesetz: Wer Mazza hinunterschluckt, erfüllt die Mizwa. Wer das mit Maror tut, erfüllt die Pflicht nicht. Maror muss geschmeckt werden, seine Bitterkeit muss empfunden werden. Würde man es nur herunterschlucken, hätte man das Wesentliche verpasst.

Warum? Weil Frustration lebt – sie hat Geschmack. Depression hingegen ist dumpf und taub. Sie nimmt dem Menschen die Empfindung. Sie macht alles grau.

Als die Juden in Ägypten Maror aßen, ging es nicht um historische Erinnerung

Als die Juden in Ägypten Maror aßen, ging es nicht um historische Erinnerung. Niemand musste ihnen erklären, dass Sklaverei bitter ist. Es war eine geistige Definition ihrer inneren Haltung. Ihre Bitterkeit war Merirus, nicht Atzvus. Sie haben geschrien. Sie haben gehofft. Sie haben sich nicht mit der Dunkelheit identifiziert. Selbst im Exil blieb das Feuer lebendig. Diese Lehre ist zeitlos.

Wir alle sehen »Asche« – im eigenen Leben und im Schicksal unseres Volkes. Ein Drittel unseres Volkes wurde vor nur acht Jahrzehnten zu Asche.

Kurz nach dem Jom-Kippur-Krieg fragte man Rabbiner Menachem Mendel Schneerson, den Lubawitscher Rebben, nach der Stimmung in Israel. Man sagte ihm, dass die Menschen fragen: »Was wird sein?« Er antwortete: »Juden fragen nicht: ›Was wird sein?‹ Sie fragen: ›Was werden wir tun?‹«

Wenn Asche uns motiviert zu reparieren, zu heilen, aufzubauen und zu stärken, dann hat sie ihren Platz neben dem Altar. Wenn sie uns jedoch mit Angst, Lähmung und Verzweiflung erfüllt, muss sie hinausgeworfen werden. Wir sind eine Nation des Lebens – nicht des Sterbens.

Der Autor ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Chabad in Berlin.

inhalt
Der letzte Schabbat vor Pessach wird »Schabbat Hagadol«, der erhabene Schabbat, genannt. An diesem Schabbat bereitet man sich auf das bevorstehende Fest der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens vor. In der Toralesung am vergangenen Schabbat sind die fünf Arten von Opfern eingeführt worden. Im Wochenabschnitt Zaw werden sie nun näher erläutert: das Brand-, das Friedens-, das Sünd- und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird.
3. Buch Mose 6,1 – 8,36

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