Brit Melach

Was ewig hält

»Es ist ein ewiger Bund des Salzes vor dem Allmächtigen, für dich und deine Nachkommen« (4. Buch Mose 18,19). Foto: getty

Wajikra, das dritte Buch Mose, beginnt ohne lange Einführung mit der Schilderung verschiedener Opfer. Wir begegnen Speiseopfern, Sündenopfern, Ganzopfern oder Schuldopfern. Die meisten beschriebenen Opfer haben Gemeinsamkeiten, etwa die Schlachtung und das Verbrennen der jeweiligen Opfer auf dem Altar des Stiftszeltes.

Die Beschreibungen sind sehr detailliert und für viele Leser abstrakt und aus heutiger Sicht zum Teil auch befremdlich. Zwischen all den Vorschriften, wie dieses oder jenes Opfer darzubringen ist, übersieht man vielleicht Satz 2,13, der sich zwar auf alle Opfer bezieht, aber nicht besonders herausgestellt wird: »Und all deine dargebrachten Opfer musst du mit Salz bestreuen, und lasse nicht fehlen das Salz des Bundes deines G’ttes bei deinem Speiseopfer; bei all deinen Opfern sollst du Salz darbringen.«

challot Im Text der Tora wird tatsächlich von einem »Brit Melach« (Bund des Salzes) berichtet. Dieser Bund kommt im gesamten Tanach dreimal vor: an unserer Stelle, im 4. Buch Mose (18,19) und in den Divrej HaJamim 2 (13,5).

An diesen Bund werden wir übrigens jede Woche erinnert, wenn wir die Challot mit Salz bestreuen. So jedenfalls lesen wir es bei Rabbi Mosche Isserles (1525–1572): Er schreibt, dass wir das Salz auf dem Tisch haben, weil unsere Tische dem Altar im Tempel glichen und die Opfer dort stets mit Salz dargebracht worden seien. Tatsächlich wird in den Pirkej Awot, den Sprüchen der Väter (3,3), der Tisch des Hauses mit dem Altar (Misbeach) im Tempel gleichgesetzt. Und damit spiegelt sich hier der Satz aus unserem Wochenabschnitt wider. Über das Wesen dieses Bundes sagt das natürlich noch nichts aus. Warum werden wir also immer wieder an diesen Bund erinnert?

Die großen Kommentatoren haben uns verschiedene Auslegungen angeboten. Raschi (1040–1105) etwa interpretiert den Bund nicht als Bund zwischen G’tt und Israel oder den Kohanim, sondern als Bund zwischen G’tt und dem Salz. Er zitiert dazu einen Midrasch, dessen Quelle uns heute unbekannt ist: Demnach habe es am zweiten Schöpfungstag einen Streit zwischen den Wassern des Himmels und denen der Erde gegeben, die ja an diesem Tag geschieden wurden. Wegen dieses Streits fehlt übrigens auch der Satz »und es war gut« nach dem zweiten Tag. Um die Wasser der Erde zufrieden zu stellen, sicherte ihnen G’tt zu, dass sie zum Ausgleich am Tempelritus teilnehmen dürften. Salz, das ja aus dem Wasser des Meeres gewonnen werden kann, fände deshalb Verwendung bei den Opfern.

Bachja ben Ascher (1263–1340), genannt Rabbejnu Bachja, sah Salz eher unmetaphorisch als Würze. Es würde eingesetzt, um die Opfer zu würzen und damit annehmbar zu machen.

metapher Bevor wir zu einem weiteren Kommentator kommen, schauen wir zunächst, wofür Salz als Metapher stehen könnte. Wir wissen heute, genauso gut wie zur Zeit von Mosche, dass Salz verwendet wurde, um Nahrungsmittel sehr lange haltbar zu machen. In einer Zeit ohne Kühlschränke war es die einzige Möglichkeit, Fleisch über einen längeren Zeitraum in essbarem Zustand zu halten.

Salz wurde auch zur Mumifizierung eingesetzt – allerdings nicht von den Kindern Israels. Der Grund war der gleiche wie beim Fleisch: Der Körper sollte sich möglichst lange unversehrt erhalten. Könnte das ein Hinweis darauf sein, dass der Bund des Salzes sehr lange hält? Ewig gar?

So heißt es auch im 4. Buch Mose 18,19: »Es ist ein ewiger Bund des Salzes vor dem Ewigen, für dich und deine Nachkommen.« Raschi kommentiert zu dieser Stelle, dass Salz ein Symbol für etwas Unzerstörbares sei, es könne niemals verderben. Genauso sei der Bund mit den Kohanim ewig.

Maimonides, dem Rambam (um 1135–1204), fiel ein interessanter Zusammenhang in unserem Wochenabschnitt auf. Wann immer von den Opfern die Rede ist, sagt die Tora, die Opfer seien für den Ewigen – also der Name G’ttes als Tetragrammaton geschrieben. Das ist durchgehend der Fall. Der andere Name G’ttes, also »Elohim«, taucht in Zusammenhang mit Opfern überhaupt nicht auf, nur in diesem einen Satz, im 3. Buch Mose 2,13. Es ist das einzige Mal, dass in der Beschreibung der Opfer dieser Name G’ttes verwendet wird!

Nun repräsentieren diese beiden Namen zwei verschiedene Aspekte der Macht G’ttes: »Elohim« steht für den Aspekt des »Din«, also für den gerechten G’tt, der uns für unser Handeln zur Verantwortung zieht. Der vierbuchstabige Name hingegen steht für die göttliche Eigenschaft von Rachamim, Barmherzigkeit und Vergebung.

maultier Im Talmud wird beides zusammengebracht. Es wird von Rabbi Jehoschua ben Chananja berichtet, der mit den »Weisen Athens« diskutiert haben soll (Bechorot 8b). Sie fragen ihn: »Wenn Salz verdirbt, womit kann man dann salzen?« Und Rabbi Jehoschua antwortete ihnen: »Mit der Nachgeburt eines Maultiers.« Das interessierte die Athener: »Hat denn ein Maultier eine Nachgeburt?« Worauf Rabbi Jehoschua antwortete: »Kann Salz etwa verderben?«

Vielleicht klingt diese Geschichte banal und einfach, tatsächlich aber steckt natürlich viel mehr dahinter: Die Athener erkundigen sich nach dem Zustand des Bundes mit G’tt. Es könnte sein, dass sich das jüdische Volk nicht so umfänglich an die Tora hält, wie ursprünglich gedacht. Doch das erschüttert den Bund nicht: Er kann – bleiben wir beim Bild – nicht »faulig« werden. Wir verlassen uns auf Barmherzigkeit und Vergebung und bemühen uns, unseren Teil einzuhalten. Salz bewahrt Nahrungsmittel vor Fäulnis – und uns metaphorisch vor innerer Fäulnis.

Zum anderen mahnt uns der Text zwischendurch, dass wir, auch wenn wir die Opfervorgaben heute nicht unmittelbar verstehen oder nachvollziehen können, diesen Teil der Tora nicht übergehen sollten, denn der Bund mit G’tt hält nicht nur vorübergehend, sondern ewig. Also ist es von ewigem Interesse und an uns, diesen Teil in die Gegenwart zu übertragen und heute daraus zu lernen. Das ist der Bund des Salzes.

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