Waera

Wahre Größe

Körperliche Kraft und spirituelle Tiefe: Moses-Skulptur von Michelangelo, zwischen 1513 und 1515 in Rom entstanden Foto: picture-alliance / akg-images / Rabatti - Domingie

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026 12:42 Uhr

Im Wochenabschnitt Waera sendet der Ewige Mosche Rabbenu zum Pharao mit dem klaren Auftrag, das jüdische Volk aus der ägyptischen Knechtschaft zu entlassen. Mosche jedoch äußert Zweifel: »Wie wird Pharao auf mich hören, wenn selbst die Kinder Israels meinen Worten nicht glauben?« Zudem weist Mosche darauf hin, dass er »unbeschnittene Lippen« habe – mit anderen Worten: dass er nicht eloquent sei und Schwierigkeiten habe zu sprechen.

Daraufhin befiehlt der Ewige Mosche, seinen älteren Bruder Aharon an seine Seite zu nehmen. Aharon soll die Worte des Ewigen an den Pharao weitergeben und damit als Sprecher fungieren.

Zur Verwunderung aller verschlingt der Stab Mosches die Stäbe der ägyptischen Magier

Mosche und Aharon treten vor den Pharao. Dieser fordert ein Zeichen als Beweis für ihre g’ttliche Mission. Aharon wirft seinen Stab zu Boden, und dieser verwandelt sich in eine Schlange. Die Zauberer des Pharaos vollbringen scheinbar dasselbe Wunder, indem sie ebenfalls ihre Stäbe zu Schlangen machen. Doch zur Verwunderung aller verschlingt der Stab Mosches die Stäbe der ägyptischen Magier.

Trotz dieses klaren Zeichens verhärtet der Pharao sein Herz weiter und weigert sich, die Israeliten freizulassen. Daraufhin beginnt der Ewige, Ägypten mit den zehn Plagen zu strafen – ein Prozess, der schließlich zur Befreiung des jüdischen Volkes führen wird.

Im weiteren Verlauf der Parascha Waera werden die ersten sieben Plagen beschrieben, mit denen der Ewige Ägypten trifft: Blut, Frösche, Läuse, wilde Tiere, Viehpest, Geschwüre und Hagel mit Feuer.

Bemerkenswert ist, dass Mosche Rabbenu in dieser und den vorherigen Paraschiot mehrfach zögert, die Führung über das Volk Israel zu übernehmen. Im Midrasch (Schemot Rabba) heißt es sogar, dass der Ewige sieben Tage lang auf Mosche einredete, bis dieser den Auftrag annahm. Mosche antwortete: »Herr, ich bin kein Mann der Worte.«

»Der Mann Mosche war sehr bescheiden, mehr als alle Menschen auf Erden«

In der Tora lesen wir später über Mosche: »Der Mann Mosche war sehr bescheiden, mehr als alle Menschen auf Erden« (4. Buch Mose 12,3). Und zugleich heißt es: »Kein Prophet ist in Israel aufgestanden wie Mosche, den G’tt von Angesicht zu Angesicht kannte« (5. Buch Mose 34,10). Mosche war also zugleich der größte aller Propheten und der bescheidenste aller Menschen. Wie konnte er diese beiden Eigenschaften in sich vereinen?

Das erinnert an die berühmte Haltung des Petersburger Mathematikers Grigori Perelman, der nach dem Beweis der Poincaré-Vermutung sagte, er »verstehe eigentlich nichts von Mathematik«.

Der Maggid von Koschnitz (1733–1814) erklärt: Mosche Rabbenu war sich seiner einzigartigen Seele und seiner außergewöhnlichen Kräfte durchaus bewusst. Doch er war zutiefst überzeugt, dass jeder andere Mensch – hätte er dieselben Gaben und dieselbe g’ttliche Hilfe bekommen – noch mehr geistige Höhen hätte erreichen können als er selbst. Die Tora bestätigt dies ausdrücklich, indem sie sagt: »Und der Mann Mosche war äußerst bescheiden.« Seine Bescheidenheit war keine Pose, sondern völlige Aufrichtigkeit.

Einerseits sollen wir demnach unsere Talente erkennen, sie annehmen und sie mutig zum Dienst an Haschem nutzen. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass vieles davon ein Geschenk ist – von Geburt an, durch die Familie und die Umgebung, die uns der Ewige geschenkt hat.

Eine Braut hatte ihr Geld für die Mitgift verloren

Eine wunderschöne Geschichte über Bescheidenheit erzählt man über Rabbi Zusha von Anipoli. Auf einer seiner Reisen kam er in ein kleines jüdisches Städtchen, in dem alle festlich gekleidet waren. Auf seine Frage, was geschehen sei, erfuhr er: Eine Braut hatte ihr Geld für die Mitgift verloren; ohne das Geld konnte die Hochzeit nicht beginnen.

Rabbi Zusha erkundigte sich nach der Summe und den einzelnen Geldscheinen, die fehlten, und erklärte dann: Er habe sie gefunden – doch er verlange ein Drittel der Summe als Finderlohn. Die Menschen waren empört: Wie kann man von einer Braut in Not Geld verlangen? Sie schlugen Rabbi Zusha und jagten ihn fort.

Als sein Bruder, Rabbi Elimelech von Lizhensk, davon hörte – und da er wusste, dass Rabbi Zusha ein großer Zaddik war –, verlangte er eine Erklärung. Rabbi Zusha erzählte: »Ich hatte Geld für die Mitgift meiner eigenen Tochter gesammelt. Als ich hörte, dass diese Hochzeit nur stattfinden kann, wenn das verlorene Geld gefunden wird, entschied ich, mein Geld zu geben. Schließlich hatte ich noch einige Wochen Zeit, für meine Tochter zu sammeln. Doch auf dem Weg begann ein Gedanke in mir aufzusteigen: ›Zusha, du bist wirklich ein großer Gerechter, schau, was du tust!‹ Um mein Ego zu brechen, verlangte ich ein Drittel – weil ich wusste, dass man mich schlagen und verjagen würde. So habe ich meinen Hochmut zerstört.«

Diese Geschichte zeigt tiefste Bescheidenheit in Aktion: Wahre Größe besteht nicht darin, von anderen bewundert zu werden, sondern darin, die eigene Eitelkeit zu bekämpfen – selbst wenn es wehtut.

»Weg der Weisheit«

Maimonides, der Rambam (1138–1204), betonte, dass jede Form von Extremismus im Charakter oder im Verhalten unerwünscht ist und dass der »Weg der Weisheit« darin besteht, Maß und Ausgewogenheit zu halten. Doch derselbe Rambam erklärte, dass die Bescheidenheit eine Ausnahme von dieser Regel darstellt: »Wer vollkommene Demut erreicht, wird fromm genannt.«

Dafür gibt es einen gewichtigen Grund: Bescheidenheit ist das Gegengewicht zum Hochmut, und Hochmut muss im Menschen mit allen Mitteln beseitigt werden. Hochmut ist eine Sünde, die die Tora mit Götzendienst vergleicht. Ein Mensch, der von Stolz erfüllt ist, leugnet im Grunde den Ewigen.

Mögen wir aus all diesen Lehren der Parascha Waera Kraft schöpfen: Wahre Größe liegt nicht im Glanz, sondern in der Fähigkeit, bescheiden zu bleiben, unsere Talente dem Dienst des Ewigen zu widmen und unser Ego zu überwinden.

So wie Mosche Rabbenu, Rabbi Zusha und die großen Weisen vor uns, sollen auch wir bemüht sein, in Bescheidenheit zu wachsen und dadurch wahre Größe zu erreichen.

Der Autor studiert am Rabbiner­seminar zu Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Waera erzählt, wie die Kinder Israels Mosche und Aharon kein Gehör schenkten, obwohl G’ttes Name ihnen von Mosche offenbart worden war. Mosche verwandelt vor den Augen des Pharaos seinen Stab in ein Krokodil und fordert den Herrscher auf, die Kinder Israels ziehen zu lassen. Der Pharao aber bleibt hart, und so kommen die ersten sieben Plagen über Ägypten: Blut, Frösche, Ungeziefer, wilde Tiere, Viehseuche, Aussatz und Hagelschlag. Doch der Pharao bleibt hart und lässt die Israeliten nicht ziehen.
2. Buch Mose 6,2 – 9,35

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