Talmudisches

Von Wein und Hexen

Erst der Wein, dann der Kater Foto: Getty Images / istock

So ist der Talmud: In der einen Sekunde folgt man noch dem Protokoll einer Diskussion um den Sederabend und stößt auf Fragen, die auch heute nicht nur von akademischem Interesse sind. Alle seien verpflichtet, die vorgeschriebenen vier Becher Wein des Abends zu trinken. Auch die Kinder. Doch wie hält man sie wach? Diese Frage wird kurz angerissen. Aber dann auch die naheliegende Frage, warum es ausgerechnet vier Becher sein müssen. Das sei doch gefährlich.

An dieser Stelle blicken wir auf Überzeugungen, die zur Zeit des Talmuds offenbar verbreitet waren: Der Weingenuss sei nicht gefährlich, weil man betrunken werden könnte, sondern weil es gefährlich sei, »Dinge in Paaren zu tun«. Vier Becher seien ja zwei Paare.

»Man isst nicht in Paaren (also zwei Dinge), man trinkt nicht in Paaren, und man wäscht sich nicht in Paaren – und man geht auch seinen sexuellen Bedürfnissen nicht in Paaren nach« (Pessachim 109a).

Dämonen Offenbar fürchtete man sich vor Zauberei oder Dämonen. Schnell erklärt man, dass zum einen der Pessachabend besonders sei und zum anderen, wie Rabbi Ravina erklärt, jeder Becher eine eigene Mizwa erfülle. Keine Gefahr also. Aber kehren wir zurück zum Trinken in Paaren. Das eröffnet eine eigene Diskussion im Talmud.

Rabbi Josef erzählte: »Josef, der Dämon, hat mir gesagt, dass Aschmodaj, der König der Dämonen, über jeden gesetzt ist, der Dinge in Paaren tut. Und ein König ist niemand, der Böses tut« (Pessachim 110a). Andere sagten daraufhin, ein König könne tun und lassen, was er will. Raw Pappa entgegnete: »Josef, der Dämon, hat mir gesagt, dass die Dämonen jeden töten, der zwei Becher trinkt. Und bei vier Bechern tun sie das nicht, aber sie schaden ihm.«

Wozu also dieses theoretische Wissen? Das könnte man doch auch praktisch nutzen. Das wird sich jedenfalls die Frau gedacht haben, von der uns der Talmud im weiteren Verlauf berichtet. Sie wurde von ihrem Mann geschieden und heiratete anschließend den Besitzer eines Ladens.

Offenbar war das ein Weinladen, denn der Ex‐Mann kam nun jeden Tag in den Laden und trank Wein. Die Frau wollte den Mann verhexen, aber er trank nie eine gerade Anzahl von Bechern, denn er wusste, dass es gefährlich war.

Aber dann, so berichtet der Talmud weiter, hat er doch eines Tages die Übersicht verloren, und nach dem 16. Becher Wein konnte er nicht mehr klar denken. Bis Becher Nummer 16, so der Talmud, war er klar und vorsichtig. Doch dann konnte er nicht mehr zählen.

Darauf hatte die Ex‐Frau gewartet und verhexte ihn, nachdem er wieder eine gerade Zahl erreicht hatte, und bat ihn, den Laden zu verlassen. Auf der Straße begegnete ihm ein Araber, und der erkannte wohl, dass es ein Problem gab.

»Da geht ein toter Mann«, sagte er, und der Betrunkene verstand, dass er in Gefahr war. Er torkelte zu einer nahe gelegenen Palme und hielt sich an ihr fest. Die Palme trocknete sofort aus, und er zerbarst. (Offen gesagt, ist nicht ganz klar, ob der Mann zerbarst oder die Palme. Jedenfalls scheint der Zauber auf den Baum übergegangen zu sein.)

Tipp Man mag nun fragen: Was sollte man tun, wenn man einer Hexe begegnet? Rabbi Amejmar, einer der größten Gelehrten aus Nehardea, weiß es, denn er hat den Tipp von der »Oberhexe«.

Dann soll man sagen: »Heiße Fäkalien in zerrissenen Dattelkörben in den Mund. Mögen die Haare ausfallen, die ihr für Hexerei verwendet, die Krümel, die ihr für Hexerei verwendet, sollen sich im Wind verteilen. Die Gewürze, die ihr für Hexerei verwendet, sollen sich zerstreuen; der Wind soll den frischen Safran, den ihr für Hexerei verwendet, wegtragen.«

Fragt sich, ob man das nach 16 Bechern noch fehlerfrei hinbekommt. Also aufgepasst beim Weingenuss!

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