Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

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Eines der 613 Gebote der Tora ist die Anweisung, das Glaubensbekenntnis Schma Israel morgens und abends zu sprechen: »Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden (…), wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst …« (5. Buch Mose 6,7).

Unsere Weisen haben eingeführt, dass man zur Vorbereitung auf die Erfüllung dieses wichtigen Gebotes sowie nach dessen Erfüllung bestimmte Segenssprüche sagt. Im Segen vor dem Schma Israel am Morgen heißt es: »Gelobt seist Du, Ewiger, unser G’tt, König der Welt, der das Licht bildet und die Finsternis erschafft.« Im Segen vor dem Schma Israel am Abend heißt es: »Du erschaffst Tag und Nacht, lässt das Licht weichen vor der Finsternis und die Finsternis vor dem Licht.«

Im talmudischen Traktat Brachot (11b) lehrt Rava, dass die Segenssprüche so formuliert wurden, damit sich der Mensch während des hellen Tages an die Dunkelheit der Nacht sowie in der Dunkelheit der Nacht an den hellen Tag erinnert. Die Kommentatoren stellen die offensichtliche Frage, was es uns bringen soll, sich bereits am Morgen daran zu erinnern, dass am Abend die Dunkelheit wieder anbricht, und sich nachts daran zu erinnern, dass am nächsten Morgen das Licht wieder scheinen wird?

Zustände, die jede Seele ständig durchläuft

Die chassidischen Rabbiner erklären, dass Licht und Dunkelheit nicht nur physische Phänomene sind, welche die Welt jeden Tag erlebt, sondern auch Zustände, die jede Seele ständig durchläuft. Während der Zeiten des inneren Lichts hat der Mensch Hoffnung, spürt, dass Gebete beantwortet werden, empfindet Glück und Zufriedenheit im Herzen und verspürt keine Angst vor der Zukunft.

Unsere Weisen lehren uns, dass keiner dieser Zustände ewig andauert: Auch der hellste Tag endet einmal, und die dunkelste Nacht wird vom Licht abgelöst.

Während der Zeiten der inneren Dunkelheit denkt der Mensch, dass G’tt ihn verlassen habe, verliert jede Hoffnung auf Veränderung und glaubt, die Nacht der Seele werde ewig andauern. Unsere Weisen lehren uns, dass keiner dieser Zustände ewig andauert: Auch der hellste Tag endet einmal, und die dunkelste Nacht wird vom Licht abgelöst. Ähnlich durchläuft auch der Mond verschiedene Zyklen: Beginnend mit dem Neumond über den zunehmenden Halbmond bis zum Vollmond in der Mitte des Zyklus und zurück zum Neumond.

Das erste Gebot, das wir im 2. Buch Mose erhalten, ist das Gebot der Heiligung des neuen Monats, das dann erfolgt, wenn der erste sichtbare Sichelmond gesichtet wird.

Die Kabbalisten erklären, dass die Energie des gesamten Monats in diesem ersten Moment auf die Erde kommt. Die chassidischen Rabbiner lehren, dass dies eine tiefe Botschaft enthält: Die Momente, in denen wir uns am kleinsten fühlen, sind die Momente, in denen wir die größte g’ttliche Energie empfangen können.

»Eine verkehrte Welt sah ich. Die Unteren waren oben, und die Oberen waren unten«

Der Talmud erzählt von einer Nahtoderfahrung: Josef, der Sohn von Rabbi Jehoschua, wurde so krank, dass er das Bewusstsein verlor. Als er wieder gesund wurde, fragte ihn sein Vater, was er auf der »anderen Seite« gesehen habe. Der Junge antwortete: »Eine verkehrte Welt sah ich. Die Unteren waren oben, und die Oberen waren unten.« Der Vater sagte: »Du hast die wahre Welt gesehen!«

Die chassidischen Meister erklären seine Worte so: Es gibt Tage des Lichts, die dem Vollmond gleichen und als die »Oberen« bezeichnet werden, und Tage der Dunkelheit, die dem Beginn des Monats gleichen und die »Unteren« genannt werden, an denen der Glaube zu schwinden scheint. Es liegt nahe zu denken, dass G’tt die guten Tage, an denen der Glaube stark ist, belohnen und die schlechten Tage bestrafen wird. In Wahrheit aber sind selbst die kleinsten guten Taten und sogar nur gute Gedanken an den dunklen Tagen viel mehr wert als ein Meer von guten Taten an den Tagen des Lichts.

Auch Rabbiner Chaim Vital (1543–1620) lehrte, dass selbst eine einzige kleine gute Tat, die in einer Zeit großer innerer oder äußerer Dunkelheit vollbracht wird, vielen großen Taten früherer Generationen gleichkommt, da das Trauma des Exils es so schwer macht, Gutes zu tun. Wenn dies schon vor Hunderten von Jahren galt, dann gilt es heute umso mehr: Jede noch so kleine gute Tat ist angesichts dessen, was das jüdische Volk bereits ertragen musste und immer noch erträgt, einer großen Tat in der Zeit der Propheten gleich.

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