Purim

Vom Tod zum Leben

Mit großer Hoffnung auf Veränderungen und Verbesserungen das Purimfest feiern Foto: Getty Images

Purim

Vom Tod zum Leben

Das fröhlichste aller jüdischen Feste gibt uns in schweren Zeiten Kraft und Hoffnung

von Rabbiner Avichai Apel  17.03.2022 08:35 Uhr

Kriegsdurst und Kriegsüberdruss: In seiner langen Geschichte erlebte das Volk Israel innerhalb von 70 Jahren eine Niederlage, die es immer wieder in seiner Geschichte zu erleiden hatte.

Die Babylonier erobern das Heilige Land, zerstören den Ersten Tempel in Jerusalem, vertreiben uns aus Israel. Wir kommen nach Babylon, wir sind schwach und verletzt, wir versuchen aufzustehen, Gemeinden aufzubauen und zu überleben. Die Antisemiten lassen uns aber nicht in Ruhe.

Macht »Endlösung der Judenfrage« ist für uns leider kein neuer Begriff. Im 20. Jahrhundert war das genauso wie damals bei Haman. Der Hass ist bei den Menschen verwurzelt, so werden manche behaupten. Menschen wachsen mit Hass aufeinander auf. Mit Neid und dem Willen, ihre Stärke zu zeigen und ihre Macht auszuüben.

Es geht dann schließlich so weit, dass sie bereit sind, einander das Leben zu nehmen. Mit Geld und Schätzen gelingt es Haman, den persischen König Achaschwerosch zu überzeugen, ein ganzes Volk, seine Bürger zu töten – nur, weil er das Gefühl hat, von ihnen missachtet zu werden. Sie sprechen eine andere Sprache und pflegten andere Traditionen.

Der Bösewicht Haman behauptete, Probleme durch Krieg und Mord lösen zu können.

Das alles weist leider sehr viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit auf. Bis dieser Artikel gedruckt ist und Purim begonnen hat, kann sich natürlich alles noch ändern. Es wäre allzu schön, wenn bis dahin Frieden herrschte. Doch bedauerlicherweise scheint aber der Kriegsdurst bestimmter Anführer immer noch so groß zu sein, dass die Leiden eines anderen Volkes für sie nicht zählen, dass die Sorge eines Kontinents und der gesamten Welt ihre Aggression immer noch nicht besänftigen und sie zur Vernunft bringen kann.

Berater Die Initiatoren des Krieges sind nicht unbesiegbar. Dieselben Berater, die Haman empfohlen haben (laut der talmudischen Interpretation der Esther-Megilla), seine Macht zu demonstrieren, erklären ihm auch seine Ohnmacht, als sich die Geschichte dreht und seine Niederlage beginnt: »Dieses Volk (das jüdische Volk) gleicht dem Sand der Erde und den Sternen des Himmels; wenn sie herunterfallen, fallen sie bis zur Erde, wenn sie aufsteigen, steigen sie bis zum Himmel auf« (Megilla 16a).

So erklären die Berater Haman seine Lage, nachdem der König ihm befohlen hat, Mordechai auf den Straßen der Hauptstadt königliche Ehre zu erweisen. Der Bösewicht Haman aber gibt nicht auf. Er ist fasziniert von seinem Plan. Er behauptet, die Probleme durch Krieg und Mord lösen zu können.

Purim ist die Zeit, da sich vieles zum Guten wendet. Alles dreht sich, alles ist im Fluss.

Heutzutage verwirren Fake News die Menschen und können das Volk spalten. Diktatoren vermitteln ihren Blick auf die Realität als einzige Wahrheit und lassen Informationen ausblenden, die einen anderen Blickwinkel auf die Realität geben und die Wahrnehmung des Kriegs beeinflussen können.

ROTER KNOPF Alle Menschen verbeugen sich vor Haman. Wer es nicht tut, wird bestraft. Haman hat im übertragenen Sinn das Recht, den »Roten Knopf« zu drücken. Dafür bekam er einen Ring vom König, um seine Entscheidungen und Wünsche mit dem Siegel des Königs zu bestätigen.

Doch laut unserer Tradition kann der sogenannte Rote Knopf auch etwas Positives bedeuten. Wenn damit gedroht wird, sammelt man Kraft, um dagegen vorzugehen. Auf paradoxe Weise erklärt der Talmud, die Gemara, wie einflussreich Haman war. »Rabbi Aba bar Kahana sagte: Das Abziehen des Siegelrings wirkte mehr als die 48 Propheten und sieben Prophetinnen, die Israel predigten: Sie alle bekehrten sie nicht zum Guten, während das Abziehen des Siegelrings sie zum Guten bekehrte« (Megilla 14a).

Gemeinsam ist man stärker. Haman glaubt, dass unser Volk durch einen schlechten Charakter gekennzeichnet ist. »Es gibt ein Volk, verteilt und zersplittert unter den Völkern …« (Esther 3,8) – so beschreibt er uns.

Unser Feind denkt: So kann man kein Ziel erreichen und sowieso niemanden besiegen.

Unser Feind denkt: So kann man kein Ziel erreichen und sowieso niemanden besiegen. Haman nutzt diese Schwäche zu seinen Gunsten. Er sieht darin eine Chance, durch diese Lücke das Volk zu brechen. Esther versteht das Problem, aber sie tut das Gegenteil, sie versammelt und einigt das Volk (Esther 4,16). Entscheidend ist aber, was danach bleibt. Die Lehre, die man aus der Geschichte mitnimmt und weiter praktiziert, stellt die gesamte Geschichte in ein anderes Licht.

Gebot Was ist das wichtigste Gebot an diesem Purimfest in so schwierigen Zeiten? Ich würde sagen: Matanot laEwionim. Gegenseitige Geschenke und Spenden für arme Leute schaffen eine starke Verbindung zwischen den Menschen. Wir brauchen einander! Wir freuen uns auf- und miteinander! Wir wissen, was es heißt, füreinander da zu sein und das Beste füreinander zu tun.

Haman und alle Feinde des jüdischen Volkes versuchen ständig, uns auseinanderzutreiben. Wir aber haben schon in guten Zeiten geübt, wie man zusammenbleibt, sodass unsere Feinde auch in Zeiten der schrecklichen Not keine Chance haben werden, uns zu besiegen.

Purim ist die Zeit, in der sich vieles zum Guten wendet. Alles dreht sich, alles ist im Fluss. Auch in diesem Jahr sollen wir mit großer Hoffnung auf Veränderungen und Verbesserungen das Purimfest feiern. Und wir müssen hoffen, dass wir von der Dunkelheit ins Helle kommen – und in den Kriegsgebieten vom Tod zum Leben! Frieden soll sein!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Mitglied im Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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