Gier

Verfall einer Gesellschaft

Die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen Eliten und einfachen Bürgern gefährdet den gesellschaftlichen Frieden. Foto: colourbox

Die aktuellen Entwicklungen in Europa stellen uns vor ungeahnte Herausforderungen. Großbritannien löst sich von der EU. In Polen und Ungarn etablieren sich populistische, antiliberale Regierungen. Auch im Westen des Kontinents sehen wir einen solchen Trend: In Frankreich avanciert der Front National zur echten politischen Macht, und in Deutschland erstarkt die AfD.

Die Flüchtlingskrise (oder Migranten und Muslime ganz allgemein) sind allerdings nicht die Ursache der Unzufriedenheit mit dem herrschenden politischen und wirtschaftlichen System. Sie verstärkt lediglich das Gefühl, dass sich die Politik nicht um »die Bürger« kümmert und nur andere finanziell profitieren. Seit Jahrzehnten leben wir in Stabilität und Wohlstand, doch Einkommen und Vermögen werden immer ungleicher verteilt.

kapitalismus Der Grundkonsens vom Reichtum, der verpflichtet, besteht anscheinend nicht mehr. Die Finanz- und Eurokrisen sowie die »Panama Papers« offenbaren nicht nur die Anfälligkeit unserer Wirtschaft, sondern auch die Gier der Finanzeliten, die sich auf Haftung durch die Steuerzahler verlassen, wenn der Kasinokapitalismus schiefgeht.

Viele Menschen glauben, nicht »korrekt« sein zu müssen, weil es Politiker, Konzerne und Reiche auch nicht mehr sind. Diese Verrohung in Politik und Wirtschaft geht einher mit einem generellen Werteverfall. Beliebigkeit ersetzt ein lange tradiertes Wertesystem.

Doch viele Menschen sehnen sich nach einem verbindlichen Grundkonsens über Werte und Normen. Und so wenden sich Wähler den Populisten und Nationalisten zu, die Werte, Ordnung, Stabilität und soziale Gerechtigkeit vorgaukeln, in Wirklichkeit aber die Situation noch verschlimmern. Diese Entwicklungen haben definitiv das Potenzial, unser politisches System zu erodieren.

Interessanterweise ist das gar nicht neu. Verblüffend ähnlich war die gesellschaftliche Situation im 8. Jahrhundert v.d.Z. im Nordreich Israel. Auch diese Gesellschaft erlebte einschneidende sozialpolitische und religiöse Veränderungen und Herausforderungen.

Unter der Herrschaft Jerobeams II. blühte die Wirtschaft, und er sorgte mit militärischer Sicherheit für Stabilität und Frieden, wie man im 2. Buch der Könige 14, 23–29 nachlesen kann. Der wirtschaftliche Wohlstand schuf aber auch eine neue Elite und neue soziale Schichten innerhalb der Gesellschaft. Der Grundkonsens über soziale Gerechtigkeit, Schutz der Schwachen und einer auf Recht basierenden Königsherrschaft erodierte. Interne politische Konflikte, soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Unterdrückung sowie eine moralisch-religiöse Krise waren die Folge.

Der Prophet Amos (6, 1–6) beschreibt sehr eindrücklich die Selbstzufriedenheit, den Hochmut und die Genusssucht der Elite: »Wehe den Sorglosen in Zion … Sie liegen auf elfenbeinernen Betten und strecken sich auf ihren Ruhelagern aus und verzehren Fettschafe von der Herde weg und Kälber frisch aus dem Maststall … Sie trinken Wein aus Schalen und salben sich mit den besten Ölen; aber um den Schaden Josefs kümmern sie sich nicht!«

Korruption Die Frauen der Mächtigen verschärften diese Situation, anstatt ihre Möglichkeiten zu nutzen, um die Gesellschaft gerechter zu machen (Amos 4,1): »Höret dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr … den Dürftigen Unrecht tut und untertretet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringe her, lass uns saufen!«

Die Metapher der Kühe für die Frauen zeigt, dass diese offensichtlich einen opulenten und extravaganten Lebensstil pflegten. Mit ihren unersättlichen Forderungen an ihre Männer trugen sie aktiv zur Unterdrückung bei. Sie waren damit eine Quelle für Korruption, zunehmende Ausbeutung der Armen und die Verzerrung von Gerechtigkeit.

Der gesamte Amos-Text prangert die Perversion von Recht und Gerechtigkeit an und zeigt auf, dass die Gesellschaft untergehen wird, wenn die politischen und wirtschaftlichen Eliten ihr Verhalten nicht ändern und weiterhin die ethisch-moralischen Werte des Judentums mit Füßen treten (Amos 5,6): »Suchet den Ewigen, so werdet ihr leben, dass nicht ein Feuer im Hause Josefs überhand nehme, das da verzehre und das niemand löschen könne zu Beth-El.«

Das Ergebnis kennen wir: Tatsächlich wurde das Nordreich Israel kurze Zeit später von den Assyrern erobert, zerstört und die Bevölkerung zerstreut.

Luxus Gier, Korruption, übermäßige Besteuerung, die Sucht nach Luxus und der große Mangel an Empathie für die Schwachen und Sorge um die Not der Armen und Marginalisierten waren die Wurzel des Untergangs von Israel. Sie legten auch den Verfall der moralischen und ethischen Werte offen. Die Religion hatte kaum noch einen Einfluss auf das Handeln der Mächtigen (vgl. Amos 5, 21–27).

Dabei machte Amos (5, 14–15) auf die Lösung der Probleme aufmerksam: »Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr leben möget … Hasset das Böse und liebet das Gute; bestellt das Recht im Tor, so wird der Ewige … gnädig sein.«

Das gilt heute, fast drei Jahrtausende später, immer noch. Keine Gesellschaft, die sich auf Ungerechtigkeit und Ungleichheit gründet, kann auf Dauer existieren, selbst wenn die materielle Basis stimmt. Das zeigen auch viele andere Beispiele aus der Geschichte, wie etwa das Schicksal von Sodom und Gomorra. Unsere Gesellschaft muss ihren Wohlstand möglichst gleich verteilen, muss die Menschen teilhaben lassen und ihnen eine Stimme geben. Wir brauchen mehr Menschlichkeit sowie Werte und Normen, die das garantieren. Daran müssen sich alle halten, auch die Eliten.

Ich spreche nicht von Wertvorstellungen, die »von gestern oder vorgestern« sind. Doch eine grundlegende Ethik, basierend auf Werten, die nicht zuletzt aus der Tora abgeleitet werden, würde unseren westlichen Gesellschaften, die sich sonst so gerne auf die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes berufen, sicherlich gut anstehen.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg.

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