Wajeze

Verbindung mit dem Höchsten

Himmelsleiter: Laut der Tora erblickt Jakow im Traum einen Auf- und Abstieg zwischen Erde und Himmel (1. Buch Mose 28,11). Foto: Getty Images

Wajeze

Verbindung mit dem Höchsten

Warum Juden des 21. Jahrhunderts sich gut mit Jakow identifizieren können

von Rabbiner Shaul Friberg  24.11.2023 09:47 Uhr

Awraham gilt als der erste Jude. Mit ihm haben wir einen Bund mit Gott geschlossen, und mit ihm können wir zum ersten Mal über ein jüdisches Volk sprechen. Awraham wuchs in einer Welt des Götzendienstes auf, aber er verspürte das Bedürfnis, nach einer höheren Wahrheit zu suchen. Durch diese Suche fand er Gott und trat in einen Dialog mit Ihm.

Bei Jizchak verhält es sich anders. Er empfängt Gott von seinem Vater Awraham und akzeptiert es. Jizchak wird oft als passiver angesehen. Das mag wahr sein, aber er hat auch einiges an Prüfungen und Schwierigkeiten erlebt. Wenn wir über Awrahams abgebrochene Opferung seines Sohnes Jizchak lesen, diskutieren die meisten Kommentatoren die Tatsache, dass ein Vater bereit ist, seinen Sohn zu opfern, und ob Awrahams Entscheidung, Gottes Gebot zu befolgen, richtig war. Doch fast niemand erwähnt Jizchak. Der Überlieferung zufolge war er damals 47 Jahre alt. Er hätte gegen seinen Vater kämpfen können. Aber nein – er akzeptierte das Schicksal, tat, was sein Vater sagte, und war bereit, sich opfern zu lassen – Zeichen eines enormen Glaubens an Gott.

Dann kommen wir zu Jakow, dem Helden unseres Wochenabschnitts. Er ist ganz anders als Awraham und Jizchak. Wenn wir beschließen, Awraham den ersten Juden zu nennen, sollten wir Jakow die Ehre erweisen, ihn den ersten modernen Juden zu nennen.

Wenn wir Awraham den ersten Juden nennen, sollten wir Jakow den ersten modernen Juden nennen

In Jakow treffen wir erstmals einen Menschen, mit dem wir uns leichter identifizieren können. Im Gegensatz zu seinem Vater und Großvater, bei denen wir nur von der Entstehung einer jüdischen Familie sprechen können, wird mit Jakow das jüdische Volk geboren.

Sowohl Awraham als auch Jizchak hatten nur zwei Söhne: Der jeweils ältere verließ die Herde seines Vaters, der jüngere führte die Verbindung mit Gott fort – Jizchak gegen Jischmael, Jakow gegen Esaw. Erst in Jakows Familie führen alle Kinder die Aufgabe ihres Vaters fort. Ein wahres jüdisches Volk ist geboren!

Doch es gibt auch eine kompliziertere Seite von Jakow, die wir in diesem Wochenabschnitt kennenlernen. Lesen wir, was passiert, als er vor seinem Bruder Esaw zu seinem Onkel Lawan flieht.

Unterwegs schläft er ein, und dann sieht er eine Leiter, die aus der Erde ragt und zum Himmel führt, auf der Engel hinauf- und herabklettern. Als er aufwacht, betet er: »Wenn Gott mit mir ist und mich auf diesem Weg, den ich eingeschlagen habe, behütet, wenn er mir Brot zu essen und Kleider zum Anziehen gibt, wenn ich wohlbehalten heimkehre in das Haus meines Vaters und der Ewige sich mir als Gott erweist, dann soll der Stein, den ich als Steinmal aufgestellt habe, ein Gotteshaus werden, und von allem, was Du mir schenkst, will ich Dir den zehnten Teil geben.«

Doch ist das die Art und Weise, wie man mit Gott reden sollte? Jakow stellt Bedingungen! »Wenn Gott mit mir ist (…), dann soll der Stein, den ich als Steinmal aufgestellt habe, ein Gotteshaus werden, und von allem, was Du mir schenkst, will ich Dir den zehnten Teil geben.«

Dies erinnert ein wenig daran, wie die Römer zu ihren Göttern sprachen: »Do, ut des.« Ich gebe den Göttern etwas unter der Bedingung, dass ich dafür etwas zurückbekomme. Doch so sollte ein guter Jude nicht mit Gott reden!

Nach dem Mord an Hewel musste Kajin gehen, Jischmael musste zu Jizchaks Gunsten gehen

Aber ich denke, wir können Jakow verstehen. Wenn es einen Konflikt zwischen zwei Brüdern gab, wurde der »böse« Bruder immer weggeschickt: Nach dem Mord an Hewel musste Kajin gehen, Jischmael musste zu Jizchaks Gunsten gehen. Aber hier wird Esaw nicht weggeschickt. Im Gegenteil, Jakow muss von zu Hause weglaufen, um sein Leben zu retten. Keine väterliche Fürsorge. Und wohin musste er gehen? Zu Lawan, seinem Onkel, einem Mann von zweifelhaftem Ruf.

Jakow ist allein, er hat Angst um sein Leben, es ist mitten in der Nacht. Und dann taucht plötzlich Gott auf. Ich denke, seine Reaktion ist leicht zu verstehen. Er wurde bisher nicht wirklich bevorzugt. Alles läuft gegen ihn. Ist es ein Wunder, dass er Garantien verlangt?

Vergleichen wir ihn noch einmal mit seinen Vorfahren. Awraham ist der Schöpfer des Schacharit, des Morgengebets. So wie der Morgen der Beginn eines neuen Tages ist, so war Awrahams Beziehung der Beginn von etwas Neuem, er suchte und fand Gott.

Jizchak soll das Mincha, das Nachmittagsgebet, eingeführt haben. Er hat nichts Neues geschaffen. Er übernahm von seinem Vater die Leitung des Erbes. Mincha ist also mitten am Tag, eine Fortsetzung des Morgens, noch nicht des Abends.

Dann kommt Jakow, der auf der Flucht ist und nicht nach Gott sucht. Doch plötzlich ist Gott da. Spontan beginnt Jakow, mit Gott zu kommunizieren. Dies ist der Ursprung des Abendgebets, Maariw. Und dieser improvisierte, unsichere Status von Jakows Gebet spiegelt sich auch im jüdischen Gesetz wider. Das Schacharit-Gebet und das Mincha-Gebet sind strenge und wichtige Pflichten für jeden traditionellen Juden. Aber Maariw? Die Rabbiner diskutierten darüber, ob es eine Verpflichtung sei, Maariw zu beten. Die endgültige Entscheidung ist zwar, dass wir Maariw beten müssen, aber die ganze Angelegenheit ist von Zweifeln umgeben, die den Status der Abendgebete infrage stellen.

Wir können uns mit Jakow identifizieren. Wir leben in einer Welt der Dunkelheit, in einer Welt des reinen Materialismus

Wir Juden des 21. Jahrhunderts können uns mit Jakow identifizieren. Wir leben in einer Welt der Dunkelheit, in einer Welt des reinen Materialismus. Es fühlt sich an, als hätte Spiritualität in der Gesellschaft keinen Platz. Gott fühlt sich so weit weg an. Wir laufen vor etwas davon, ohne zu wissen, wohin. Aber plötzlich, vielleicht in dem Moment, in dem die Not am größten ist, zeigt sich Gott, er ist bereit, uns zu helfen.
Doch wir modernen Menschen haben keine Ahnung, wie wir reagieren und mit ihm kommunizieren sollen. »Wie spreche ich mit Gott? Wie spreche ich Ihn an?« Es ist ein bisschen so, als würden Sie König Charles treffen, und Sie sind besorgt, das Richtige zu sagen, weil Sie sich nicht lächerlich machen wollen.

Ich behaupte nicht, ein großer Experte dafür zu sein, was Gott ist, aber ich denke, dass ich durchaus behaupten kann, dass Gott viel »cooler« ist als King Charles. Machen Sie es wie Jakow: Reden Sie einfach mit Gott! Vielleicht ist Ihr Gebet nicht perfekt, aber es ist ein Gebet! Und das ist alles, was zählt.

Um es zusammenzufassen: Fangen Sie wie Jakow einfach an, mit Gott zu sprechen, in Ihrer Sprache, mit Ihren Worten. Dann werden Sie spüren, dass in der Dunkelheit Licht ist. Jemand hört zu.

Der Autor ist Rabbiner an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajeze erzählt von einem Traum Jakows. Darin sieht er eine Leiter, auf der Engel hinauf- und heruntersteigen. In diesem Traum segnet der Ewige Jakow. Nachdem er erwacht ist, nennt Jakow den Ort Beit El. Um Rachel zu heiraten, muss er sieben Jahre für ihren Vater Lawan arbeiten. Doch der führt Jakow hinters Licht und gibt ihm Rachels Schwester Lea zur Frau. So muss Jakow weitere sieben Jahre arbeiten, bis er endlich Rachel bekommt.
1. Buch Mose 28,10 – 32,2

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