Konsequenz

Tun und lassen

Stiller Widerstand: Die Hebammen Schifra und Puah retteten viele Säuglinge. Foto: JA

Konsequenz

Tun und lassen

Die Tora lehrt, dass die Ehrfurcht vor Gott zu moralischem Handeln führt

von Chajm Guski  21.12.2010 10:26 Uhr

Alle Menschen tragen Namen. In Jewgeni Samjatins Roman Wir (1920) heißt die Hauptperson jedoch lediglich D-503. Die Bürger des Staates, in dem sie lebt, haben nur Nummern und sind eigentlich keine Bürger mehr. Was dahinter steckt, ist offensichtlich: Der Mensch soll sich seine Individualität abgewöhnen, damit der Staat reibungslos funktioniert. Gefühlsregungen, Fantasie und alles andere, was einen Menschen im Innersten ausmacht, sind verpönt.

Im politischen Diskurs kann es vorkommen, dass behauptet wird, ein bestimmter politischer Widersacher sei einem nicht einmal bekannt. Man wisse überhaupt nicht, wer das eigentlich sein sollte. Das ist dann Ausdruck vollkommener Missachtung. Auf diese beiden Ebenen führt uns gleich der Beginn unseres Wochenabschnitts. Dort heißt es: »Ein neuer König kam auf den Thron, der Josef nicht kannte« (2. Buch Moses 1,8). Nun wissen wir aber aus den vorangegangen Wochenabschnitten, welchen sozialen Rang Josef in Ägypten erlangte und wie weit sein Einfluss auf das Land am Nil reichte. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass er das Land gerettet hat. Nur wenige Generationen später war das sicherlich noch präsent – zumal Ägypten damals schon ein funktionierendes Staatswesen mit schriftlichen Aufzeichnungen hatte.

Ignoranz Der neue Pharao wollte Josefs Rang und Namen also einfach nicht zur Kenntnis nehmen und schon gar nichts von ihm wissen. Vermutlich auch, weil er andere politische Ziele verfolgte als seine Vorgänger. Dieser schlichten Feststellung schickt die Tora voraus: »Die Israeliten waren fruchtbar und hatten viele Kinder, sie vermehrten sich und wurden sehr stark, und das Land füllte sich mit ihnen« (1,7). Im Wort »vermehrten« klingt im hebräischen Originaltext das Wort »scheretz« an, was man verwendet, wenn es um die Vermehrung von Tieren geht, Insekten zum Beispiel. Dies ist ein Vorgriff auf die Sichtweise des Pharaos, der auf die namenlose Masse der »wimmelnden« Hebräer in seinem Land herabschaut. Ein Israelit, der einen Namen trägt und eine Geschichte hat, passt nicht in seine Vorstellung.

Das Schema ist uns heute wohlbekannt: Auf die sprachliche Entmenschlichung folgt die soziale und physische Unterdrückung. Beim Pharao ist es die harte Sklavenarbeit, die die Unterdrückten schwächen sollte. Das gleiche Ziel verfolgt auch das königliche Dekret, jedes männliche Neugeborene der Kinder Israels zu töten. Diese Anweisung ergeht an zwei Hebammen, Schifra und Puah. In der Regel werden die beiden Wörter »Mejaldot Ivrijot« mit »hebräische Hebammen« (1,15) übersetzt. Im Talmud (Sotah 11b) diskutieren die Rabbinen sogar, ob es sich nicht vielleicht um Jochewed und Mirjam handeln könnte.

Aber die beiden Wörter lassen sich auch so übersetzen, dass aus den beiden Frauen ägyptische Hebammen werden, die für die jüdischen Frauen verantwortlich sind: »Hebammen für die Hebräerinnen«. Der Name Schifra wird nämlich zum Beispiel in einem ägyptischen Papyrus aus der Zeit des Pharao Sobekhotep III. genannt, der etwa von 1745 bis 1742 v.d.Z. regierte.

Natürlich kann es sich trotzdem um die Wiedergabe eines hebräischen Namens handeln. Aber ein weiteres Indiz dafür, dass Schifra und Puah ägyptische Hebammen waren, die sich um die Kinder Israels kümmerten, finden wir in unserem Wochenabschnitt: Es ist die Begründung, die sie dem Pharao für ihre schlechte Erfüllung seiner Anweisung geben, denn sie töten die männlichen Neugeborenen ja nicht. Als der Pharao sie zur Rede stellt, antworten sie, die hebräischen Frauen würden ihre Kinder schneller gebären als ägyptische, so dass sie stets zu spät kämen. Wären es jüdische Hebammen, hätten sie wohl keine Vergleichsmöglichkeit gehabt. Was aber viel wichtiger ist: Sie hätten keinerlei Einkünfte. Denn wenn die Kinder Israels ihre Neugeborenen ohne fremde Hilfe zur Welt brachten, wovon hätten die Hebammen dann leben sollen? So leicht hätte sich der Herrscher Ägyptens gewiss nicht hinters Licht führen lassen, und schon gar nicht von zwei Sklavinnen.

Verdienst Was die beiden Hebammen von anderen Ägyptern unterscheidet, ist »Jirat Elohim«, Gottesfurcht. Sie zieht eine unmittelbare moralische Konsequenz nach sich: Wer Gott fürchtet, tut bestimmte Dinge nicht, auch angesichts eventueller Strafen. Wenn wir für einen Moment annehmen, die beiden seien Ägypterinnen, dann ist ihr Verdienst vielleicht noch viel höher einzuschätzen als das von Frauen, die versuchen, Mitglieder ihres eigenen Volkes zu retten.

Wenig später lesen wir dann erneut von der Rettung eines jüdischen Kindes. Diesmal handelt es sich um Mosche selbst. Er treibt im Nil in einem Weidenkorb. In der Tora heißt es: »Und als sie (die Tochter des Pharaos) ihn öffnete, erblickte sie das Kind, und siehe, der Junge weinte. Da hatte sie Mitleid mit ihm und sprach: ›Das ist eines von den Kindern der Hebräer‹« (2,6).

Selbst die Tochter des namenlosen Pharaos handelt also gegen dessen Willen! Denn sie weiß ganz genau, dass es sich um ein »hebräisches Kind« handelt. Woran sie das erkannte, wird allerdings nicht mitgeteilt. Wichtig ist jedoch die Abfolge der Ereignisse. Sie erblickt den Korb, öffnet ihn und sieht das Kind. Sofort hat sie Mitleid mit dem Jungen und nimmt erst dann zur Kenntnis, dass es ein »Kind der Hebräer« ist – im Gegensatz zum Pharao, der nur die Menschenmasse sieht und keinerlei Mitleid oder Regung in ihre Richtung zulässt.

Das zeigt uns, dass moralisches Handeln voraussetzt, dass man die Situation erkennt und dann direkt ein Handeln daraus ableitet. Die Hebammen wurden durch Gottesfurcht in die Lage versetzt, dies zu tun. Genau aus diesem Grund nennt die Tora an dieser Stelle ausdrücklich die Namen derjenigen, die moralisch handeln, während alle anderen zunächst namenlos bleiben. Ja, selbst Mosches Eltern werden nur als »ein Mann aus dem Hause Levi« und »eine Frau aus dem Hause Levi« (2,1) bezeichnet.

Gegen denjenigen, der den Namen Josefs nicht kennen will, setzt die Tora die Namen zweier Frauen, die sich mutig seinen Direktiven widersetzen. Das ist das Thema, das schon in den ersten Versen des Buches Schemot anklingt: Moral gegen Indifferenz, Individuum gegen Masse.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen und Begründer des egalitären Minjans Etz Ami im Ruhrgebiet.

Inhalt
Der Wochenabschnitt erzählt von einem neuen Pharao, der die Kinder Israels versklavt. Er ordnet an, alle männlichen Erstgeborenen der Hebräer zu töten. Eine Frau aus dem Stamm Levi will ihren Sohn retten und setzt ihn in einem Körbchen auf dem Nil aus. Pharaos Tochter findet das Kind, adoptiert es und gibt ihm den Namen Mosche. Der Junge wächst im Haus des Pharaos auf. Erwachsen geworden, erschlägt Mosche im Eifer einen Ägypter und muss fliehen. Er kommt nach Midian und heiratet dort die Tochter des Priesters Jithro. Der Ewige spricht zu Mosche aus einem brennenden Dornbusch und beauftragt ihn, zum Pharao zu gehen und die Kinder Israels aus Ägypten hinauszuführen.
2. Buch Moses 1,1 – 6,1

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026