Schicksal

Trauer, die nicht endet

Die Eltern von Hallel Yaffa Ariel bei der Beerdigung der 13-Jährigen in Kiriat Arba Foto: Flash 90

Hallel Yaffa Ariel ist nur 13 Jahre alt geworden. Sie wurde vor zwei Wochen im Schlaf ermordet – von einem 17-jährigen Palästinenser, der in die Wohnung ihrer Eltern in Kiriat Arba bei Hebron eindrang. Ganz Israel nahm Anteil an der Trauer der Familie. Politiker hielten Reden, Nachbarn und Freunde versuchten, die Eltern zu trösten. Doch welchen Trost kann es für Eltern überhaupt geben, die ein Kind verlieren?

Normalerweise sterben Eltern vor ihren Kindern, das ist der natürliche Lauf der Dinge. Aber es gibt leider nicht wenige Ausnahmen von dieser Regel – wie eben den Terroranschlag in Kiriat Arba, den Tod junger Soldaten, die im Krieg oder während ihres Reservedienstes sterben, oder tödliche Verkehrsunfälle. Bei solchen Tragödien fällt der früheren Generation die Aufgabe zu, ihre Nachkommen zu betrauern – eine Aufgabe, die viele Eltern ein Leben lang beschäftigt.

In der Bibel finden wir mehrere Eltern, die um ihre Kinder trauern. Die Familie von Adam und Eva ist hierfür das erste Beispiel; die ersten Menschen verloren ihren Sohn Abel durch einen Mord! Jehuda, der vierte Sohn von Lea und Jakob, verlor hintereinander seine beiden Söhne Er und Onan.

Aharons Söhne, Nadaw und Awihu, starben gleichzeitig. Die Tora erwähnt, dass der Vater nach dem schrecklichen Ereignis schwieg; in vorbildlicher Weise ergab Aharon sich in das gerechte Urteil, das der Ewige über seine Söhne verhängt hatte.

Awschalom Auch König David verlor, wie im biblischen Buch Samuel nachzulesen ist, mehrere Kinder; sein Sohn Awschalom hatte eine Rebellion gegen seinen Vater, den König, angezettelt, und doch hat David Awschaloms Tod bitter beklagt.

Wer in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis den Trauerprozess um ein Kind beobachten konnte, weiß von den besonderen Schwierigkeiten bei der Bewältigung dieser Aufgabe. Sie belastet das Familienleben oft eine sehr lange Zeit.

Ich möchte hier auf einen außergewöhnlichen Fall hinweisen, bei dem der Prozess der Trauer um einen Sohn nun schon mehr als 60 Jahre andauert. Der auch in den deutschsprachigen Ländern bekannte amerikanisch-jüdische Schriftsteller Herman Wouk (Jahrgang 1915) hat seinen erstgeborenen Sohn Abe (1946–1951) auf tragische Weise im mexikanischen Cuernavaca verloren; der Junge war im Swimmingpool ertrunken.

Es ist anzunehmen, dass der observante Autor eines Buches über das Judentum (Er ist mein Gott) die jüdischen Trauerriten eingehalten hat. Die Eheleute Wouk haben 1954 eine wohltätige Stiftung zur Erinnerung an ihren Sohn Abe errichtet, die, wenn man den Angaben im Internet trauen darf, noch heute vielen Menschen hilft.

Widmung Jahrzehnte später hat Wouk eines seiner Hauptwerke, den Roman War and Remembrance (1978), Abe gewidmet. Aufmerksamen Lesern mag sich die Frage aufgedrängt haben: Warum hat Wouk gerade diesem Roman über den Zweiten Weltkrieg eine Erwähnung Abes vorangestellt? Mehr als 30 Jahre später hat der Autor zumindest einen der Gründe für die rätselhaft erscheinende Widmung verraten.

Im jüngst veröffentlichten Memoirenwerk Sailor and Fiddler. Reflections of a 100-Year-Old Author (New York 2016) kommt Wouk erneut auf den verlorenen Sohn Abe zu sprechen: »Über diese Katastrophe, von der wir uns nie ganz erholt haben, schrieb ich nicht – und werde es auch nicht tun.«

Dieser schlichte Satz bedarf eines Kommentars. Wouk zeigt im gesegneten Alter von 100 Jahren in seinem erklärtermaßen letzten Buch, wie seine eigenen Erfahrungen sowie das Leben seiner Familienangehörigen und Bekannten in verschlüsselter Form Eingang in seine Bücher fanden. In dem zitierten Satz deutet der Verfasser an, dass er über den Tod des Sohnes ebenfalls eine Geschichte hätte schreiben können; er hat dies aber in offener Form nicht getan.

Zurückhaltung Wouks Leser müssen diese Entscheidung akzeptieren. Wir wollen über die Gründe dieser untypischen Zurückhaltung nicht spekulieren. Auch ein offenherziger Schriftsteller darf bestimmte Erlebnisse und ihre Folgen für sich behalten. Dazu gehört im Falle Wouks die unabgeschlossene Trauergeschichte.

Im Epilog von Sailor and Fiddler kommt Wouk überraschenderweise ein weiteres Mal auf seinen 1951 verstorbenen Sohn zu sprechen: »Überall, wo ich in meinen Büchern über den Tod geschrieben habe, war es, in der einen oder anderen Weise, über Abe. Louis, der bedrohte Sohn von Natalie im Roman War and Remembrance ist beinahe ein Porträt von Abe; allerdings habe ich diesem kleinen Jungen gestattet zu überleben.« Im Abe gewidmeten Erzählwerk aus dem Jahr 1978 hat der Vater das tragische Geschehen in Mexiko (1951) zumindest literarisch zu korrigieren versucht.

Schon aus Wouks Buch The Lawgiver (New York 2012) wissen wir, dass Wouks 2011 verstorbene Frau, Betty Sarah Wouk, neben ihrem Sohn Abe beerdigt wurde. Der Autor fügte damals hinzu: »Mein Platz an Abes Seite erwartet mich in Gottes guter Stunde.« Genau diesen Wunsch wiederholt Wouk in seinem neuen Buch! Die wohldurchdachte Wahl der letzten Ruhestätte zeigt, dass erst mit seinem Tod der ungewöhnlich lange Trauerprozess enden wird.

hoffnungen Psychologen sprechen davon, dass nach jedem Todesfall die Angehörigen eine »Trauerarbeit« zu leisten haben. Wie lange dieser durchaus normale Prozess dauert, ist von kulturellen und individuellen Gegebenheiten abhängig. Es scheint so zu sein, dass Eltern meistens wesentlich länger um ein Kind trauern als ein Kind um seine Eltern. Der Unterschied in der Dauer der Trauer hängt mit der Stärke der Erwartungen und Hoffnungen zusammen, die der Tod zerstört hat.

Manchmal sind auch alte Geschichten, die mit Schuldgefühlen verbunden sein können, zu bearbeiten. So fragen sich einige Eltern unaufhörlich: Was haben wir falsch gemacht? Hätten wir den Tod irgendwie verhindern können?

Aus praktischen Gründen ist es wichtig zu wissen, dass die Trauerarbeit nicht immer ein Jahr nach der Beerdigung bereits abgeschlossen ist. Auf die besonderen Empfindsamkeiten von Eltern, die ein Kind verloren haben, Rücksicht zu nehmen, ist ein Akt der Nächstenliebe, den die Tora von uns verlangt.

Und das im Übrigen völlig unabhängig davon, aus welchen Gründen ein Kind gestorben ist oder welche politischen Ansichten die Eltern vertreten – und ob eine 13-Jährige in Tel Aviv ermordet wurde oder in Kiriat Arba bei Hebron im Westjordanland.

Der Autor ist Psychologe und hat an der Universität Köln gelehrt.

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