Zusammenhang

Tod und Sühne

Beides bewirkt Sühne für die Welt: die Rote Kuh und der Tod eines Gerechten Foto: Stephan Pramme

Warum ist mein Staubsauger nach zwei Jahren kaputt gegangen? Warum habe ich zum dritten Mal den Bus ganz knapp verpasst? Warum bekam der Kellner zittrige Hände, und das Steak landete auf meinem neuen Hemd?

Die Antwort auf die Frage könnte lauten, dass wir manchmal eine Sühne für unsere Missetaten brauchen, und der liebe G’tt in seinem Erbarmen lässt uns kleine Missgeschicke widerfahren, um für unsere Missetaten zu sühnen. Wir sollten weder böse noch nervös werden und die Pannen mit Humor nehmen.

Jedoch gibt es Fragen, die wir nicht beantworten können. Es gibt Gebote in der Tora, die Chukkim (auf Deutsch: Satzungen) genannt werden. G’tt hat sie uns gegeben, und wir sollen sie erfühlen als ein Zeichen unseres Glaubens an G’tt ohne irgendeine rationale Logik. Beispiele sind die Verbote, Milch und Fleisch zusammen zu essen oder ein Kleidungsstück, das Wolle und Leinen enthält, zu tragen. Wie wir in unserem aktuellen Wochenabschnitt lesen, ist es ein Chok, eine Satzung, sich bei einer Unreinheit mit der Asche der Roten Kuh besprenkeln zu lassen. Gerade diese Asche befreit eine Person von der Unreinheit.

parallele Unmittelbar nach dem Toraabschnitt über die Rote Kuh (Hebräisch: Para Aduma), berichtet uns die Tora von Mirjams Tod (4. Buch Moses 20,1). Die zwei Abschnitte stehen nebeneinander, um uns, wie der Talmud sagt, zu lehren: »Ebenso wie die Para Aduma sühnt auch der Tod eines Gerechten.«

Worin besteht die Gemeinsamkeit zwischen der Para Aduma und dem Tod des Gerechten? Wie bewirkt dies Sühne für die Welt? Die Kapara (Sühne) rührt von der Tatsache her, dass die Para Aduma unseren Glauben prüft. Unsere Weisen berichten, dass wir wegen der Para Aduma von den anderen Völkern verspottet und ausgelacht werden. Was soll das bewirken, diese Asche von der Roten Kuh? Wie funktioniert das Ganze?

Es ist eine auffallend merkwürdige Sache. Die ganze Gruppe von Gesetzen, die mit der Roten Kuh in Verbindung stehen, ist widersprüchlich und klingt ein bisschen unlogisch. Derjenige, den man mit in Wasser verdünnter Asche bespritzt, wird rein, aber derjenige der die Asche auf ihn spritzt, wird unrein. Dies ist so schwierig nachzuvollziehen, dass sogar der weiseste König aller Zeiten, König Salomon, das Gebot der Roten Kuh nicht richtig verstehen konnte.

Wenn das Volk Israel das Ritual der Para Aduma ausführt, macht es damit die Aussage: »Wir vertrauen auf G’tt, auch wenn wir diese Satzung nicht verstehen.« Es ist für uns nicht klar, was das Ganze soll, aber wir führen es trotzdem aus. Im Leben gibt es viele Dinge, die nicht zusammenpassen und keinen Sinn ergeben. Wir bewirken Sühne, indem wir trotz allem bereit sind, auch diesen Teil der g’ttlichen Lehre anzunehmen.

strafe Im Wochenabschnitt Chukkat hat das Volk Israel das Ende seiner langen Wüstenwanderung erreicht. In den vergangen 40 Jahren besaßen sie wegen der Verdienste Mirjams einen Wasserbrunnen. So weit uns bekannt ist, hat Mirjam nur einmal in ihrem Leben einen Fehler begangen. Einmal sprach sie schlecht über ihren Bruder Mosche (Hebräisch: Laschon Hara). Dafür wurde sie sogleich bestraft.

Man könnte sich also fragen, wieso Mirjam in der Wüste sterben musste und das Land Israel nicht betreten durfte. Sie war doch bereits bestraft worden für die eine Sünde, die sie begangen hatte. Und trotzdem: »Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben« (20,1).

Man könnte sagen, es sei ungerecht, dass sie Erez Israel nicht betreten durfte. Doch: Der Tod der Gerechten sühnt. Wenn ein Gerechter stirbt, fragen wir uns: »Wieso ist dies geschehen? Das können wir nicht verstehen. Er war doch so ein guter Mensch.« Im Grunde müssen wir jedoch den Tod der Gerechten mit demselben festen Glauben annehmen wie die Gesetze der Roten Kuh. Wir sollten bereit sein, unser Leben mit der gleichen Hingabe an G’tt und seine Tora weiterzuführen, trotz unserer unbeantworteten Fragen.

rechtmässig Bei einer Beerdigung sprechen wir das Gebet »Zidduk HaDin«. Damit fügen wir uns in die Rechtmäßigkeit des g’ttlichen Urteils. Trotz all unserer Fragen und schlummernden Zweifel sagen wir das Gebet, das mit den Worten beginnt: »Der Fels, vollkommen ist sein Tun, denn all Seine Wege sind gerecht. Er ist der G’tt der Treue, ohne Fehl gerecht ist Er.«

Dies ist eine mächtige Sühne für uns. Das Gebet lehrt uns, dass unser Leben ein Geschenk G’ttes ist. So heißt es auch in Jiob: »Hashem gab, Hashem nahm; der Name von Hashem sei gelobt für immer und ewig« (Jiob 1,21). Diese Gebetsliturgie, die wir bei einer Beerdigung aussprechen, lehrt uns, dass, wann immer wir G’ttes Urteil annehmen und nicht dagegen ankämpfen, wir Sühne bewirken für uns und für das ganze Volk Israel.

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