Rezension

Therapie durch Selbstbeschränkung

Meir Rotenberg Foto: Shira Ahren

Rezension

Therapie durch Selbstbeschränkung

Der israelische Psychologe Meir Rotenberg entwickelte das Konzept des »Zimzum«, das aus der Kabbala stammt

von Yizhak Ahren  22.10.2018 16:13 Uhr

Viele prominente Rabbiner, Intellektuelle und Wissenschaftler lassen sich über ihr Leben und Werk befragen. Dazu zählt auch Mordechai Rotenberg (Jahrgang 1932), der als »Vater einer jüdischen Psychologie« bezeichnet wird. Mit seinem Schüler und Mitarbeiter Baruch Kahana hat er sechs ausführliche Gespräche geführt, die nun vorliegen.

Besprochen wird Rotenbergs ungewöhnliche Lebensgeschichte, rekapituliert werden einige kühne Thesen, die der originelle Hochschullehrer in früheren Publikationen ausgebreitet hat. In der Neuerscheinung nimmt Rotenberg, der oft gegen den Strom geschwommen ist, auch zu aktuellen Problemen Stellung. Kahana ist kein devoter Stichwortgeber, sondern kenntnisreicher Diskussionspartner; manchmal stimmt er dem Meister nicht zu, und er bringt auch eigene Ideen vor. Lesenswert ist auch das Nachwort von Michal Fachler, einer Tochter und Schülerin von Rotenberg.

Praxis Gestützt auf seine Interpretation chassidischer Auffassungen hat Rotenberg ein Therapiekonzept vorgelegt, mit dem bereits viele Psychologen in ihrer klinischen Praxis arbeiten. Zentral ist in Rotenbergs Theorie der Schlüsselbegriff »Zimzum« (Selbsteinschränkung).

Nach Meinung des Kabbalisten Yitzhak Luria aus dem 16. Jahrhundert war der erste göttliche Akt bei der Schöpfung der Welt eine Handlung der Selbsteinschränkung. Rotenberg folgt chassidischen Autoren und spricht von Zimzum nicht nur im Bereich der Kosmologie, sondern ebenfalls auf dem Gebiet des menschlichen Verhaltens. Zimzum erweist sich als eine Voraussetzung für gut funktionierende Lebenseinheiten; man denke zum Beispiel an die Ehe oder an politische Bündnisse.

Überlegungen des deutschen Soziologen Max Weber folgend, unterstreicht Rotenberg die Tatsache, dass unsere Interpretation der sozialen Wirklichkeit von religiösen Auffassungen bestimmt ist. Solche Zusammenhänge aufzudecken, ist nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern auch von großer Bedeutung für die Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens der Menschen. Ausdrücklich warnt Rotenberg vor der Gefahr einer fundamentalistischen Diktatur, die von einem echten Dialog und von Zimzum nichts wissen will.

Osteuropa Das chassidische Denken schätzt Rotenberg deshalb besonders hoch ein, weil es ein prägnantes Beispiel für das bietet, was er ein »prognostisches Lernen« nennt. Der im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstandene Chassidismus habe sich nicht mit einem »diagnostischen Lernen« begnügt, das nur wissen will, was der Text besagt, sondern er habe sich bemüht, verborgene Bedeutungen aufzudecken, um das für die Zeitgenossen Nützliche abzuleiten.

Die Unterscheidung zwischen einer diagnostischen und einer prognostischen Analyse erinnert an eine berühmte These des kommunistischen Denkers Karl Marx: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.« Im Gegensatz zu Marx ist Rotenberg ein Theoretiker, der im Rahmen der jüdischen Tradition denkt; er interpretiert religiöse Quellen. Rotenberg regt an, das prognostische Lernen zu erneuern.

Ob diese geradezu revolutionäre Forderung im heutigen religiösen Judentum Gehör findet, bleibt abzuwarten. Laut Rotenberg kommt es darauf an, sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Wir leben in einer Hightech-Welt, die zahlreiche Hilfsmittel hervorgebracht hat, von denen alle Menschen profitieren.

Dem überaus erfolgreichen »High-Techismus« wurde jedoch keine geistige Dimension beigefügt. Dieses Versäumnis könnten, so fürchtet Rotenberg, fundamentalistische Kräfte ausnutzen, um ihre Ziele durchzusetzen. Im neuen Interview-Buch, das er als sein »geistiges Testament« bezeichnet, werden eine Reihe wichtiger Fragen angeschnitten, auf die eine Psychologie im Geiste des Chassidismus Antworten entwickeln könnte.

Mordechai Rotenberg and Baruch Kahana: »The Stiebel and The Start up. Six Conversations on Hasidism, Jewish Psychology and Today’s Challenges« (hebräisch). Miskal – Yedioth Ahronoth Books and Chemed Books, Rischon LeZion 2018, 221 S., 98 NIS

Rosch Haschana

Zwischen Angst und Wirklichkeit

In Krisen sehen wir oft nicht die Lösung − und merken erst später, dass die Realität viel freundlicher war als unsere Fantasie

von Rabbiner David Kraus  11.09.2026

Talmudisches

Die messianische Zeit

Was unsere Weisen über die kommende Welt lehren

von Vyacheslav Dobrovych  11.09.2026

Simanim

Äpfel, Erbsen, schwingende Hühner

Die Feiertage sind voller symbolischer Speisen und Rituale. Ist das Aberglaube? Nicht unbedingt, sagen die Weisen

von Rebbetzin Chana Baumel  10.09.2026

Hohe Feiertage

»Die Sterne neu berechnen«

Aster Taylor über Astrophysik, die Berechnung des Himmels und den Ausgang der Festtage

von Mascha Malburg  10.09.2026

9/11

Suche nach Gewissheit

Auch 25 Jahre nach dem Terror sind noch nicht alle Opfer eindeutig identifiziert. Das stellte jüdische Gelehrte vor halachische Fragen – neben dem großen Ringen um eine religiöse Erklärung für die Katastrophe

von Rabbiner Dovid Gernetz  08.09.2026

Talmudisches

Sitzen

Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten

von Detlef David Kauschke  04.09.2026

Nizawim–Wajelech

Geheimnis des Neubeginns

Die Rückkehr zum Ewigen ist ein tiefgreifender Prozess – für den Einzelnen und das ganze Volk

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  03.09.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  02.09.2026

Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026