Emanzipation

Starkes Geschlecht

Die Tora zeigt, dass es sich lohnt, wenn Frauen für ihr Recht kämpfen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  28.06.2010 17:58 Uhr

Soldatinnen: Vor allem in Bereichen, die von Männern dominiert werden, müssen Frauen Tag für Tag um ihr Recht kämpfen. Foto: dpa

Die Tora zeigt, dass es sich lohnt, wenn Frauen für ihr Recht kämpfen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  28.06.2010 17:58 Uhr

Die Paraschat Pinchas berichtet von fünf Schwestern, die um den Nachlass ihres Vaters gekämpft haben und dadurch in die Schriften eingegangen sind. Bekannt sind sie als »Die Töchter von Zelofchad«. Im 4. Buch Moses 27,1 lesen wir: »Und es traten hin die Töchter Zelofchads, des Sohnes Chephers, des Sohnes Gileads, des Sohnes Machirs, des Sohnes Menasses, aus den Familien Menasses, des Sohnes Josefs, und dies sind die Namen seiner Töchter: Machla, Noah, Choglah, Milkah und Tmirzah.«

Was also trug sich seinerzeit zu? Mosche ließ alle jungen Männer ab dem Alter von 20 Jahren durch Zählung erfassen. Nach G’ttes Befehl hatten nur die Gezählten das Recht auf Besitz bei der Aufteilung des Landes Israel. Das Land Israel war noch nicht erobert.

militärdienst Den Mädchen war nicht bekannt, ob nur den zum Krieg einberufenen Soldaten das Recht auf einen Besitzteil zusteht, oder ob auch die nicht zum Militärdienst zugelassenen Frauen ein solches Recht beanspruchen können. Der Fall schien klar zu sein: »Sie haben kein Recht auf Erhalt von Besitz, ohne dafür eine Leistung im Krieg zu erbringen«, antwortete Mosche den männlichen Kindern von den Stämmen Gad und Reuwen, die vor der Überquerung des Jordans um einen Nachlass gebeten hatten. Es wäre nicht gerecht, die Kriegsdienst leistenden Brüder der anderen Stämme denen von Gad und Reuwen gleichzustellen, die nicht in den Krieg ziehen.

Deshalb mussten die Töchter zunächst annehmen, dass ihnen als Frauen keinerlei Recht auf Besitz zuerkannt wird, zumal ihr Vater Zelofchad keinen Sohn hatte. Doch es sollte anders kommen.

Sie traten vor das Bet Din von Mosche und dem Priester Elazar und sprachen: »Unser Vater ist in der Wüste gestorben, er gehörte nicht zu dem Anhang, der sich gegen den Ewigen zusammenrottete, zu den Anhängern von Korach, sondern starb wegen seiner eigenen Sünde, und er hatte keine Söhne. Warum soll der Name unseres Vaters aus seiner Familie schwinden, weil er keinen Sohn hat? Gib uns einen Besitzanteil unseres Vaters« (27, 3-4).

Die Töchter Zelofchads betonten ausdrücklich, dass ihr Vater zu jenen gehörte, die aus Ägypten ausgezogen waren und in der Zukunft einen Besitzanteil am Lande bekommen hätten. Sie unterstrichen, dass er nicht der Gemeinschaft Korachs angehörte, die gegen Mosche rebelliert hatten, sondern wegen der eigenen Sünde starb. Ein Recht auf Erbe dürfe nicht davon abhängig sein, ob der Vater ein guter oder schlechter Mensch war, argumentierten die Schwestern.

Zur Todesursache von Zelofchad gibt es verschiedene Erklärungen: Er könnte am Schabbat Holz gesammelt haben und dafür gesteinigt worden sein (4. Buch Moses 15, 32-36). Oder er gehörte zu jenen, die ins Gebirge hinaufzogen, obwohl G’tt das Besteigen des Berges verboten hatte (14, 39-42). Oder es könnte sein, »dass er üble Nachrede über G’tt und Mosche gesprochen und deshalb die Schlangen ihn getötet hatten« (21, 5-6).

In der beschriebenen Geschichte wurde Mosche das erste Mal mit der Frage »Erben und Nachlass« konfrontiert. Da er keine Antwort darauf wusste, wandte er sich um Rat an G’tt. Dessen Antwort lautete: »Die Töchter Zelofchads haben recht; du sollst ihnen Erbbesitz unter den Brüdern ihres Vaters geben und das Erbe ihres Vaters auf sie übergehen lassen« (27, 6-7 ). Raschi kommentiert G’ttes Antwort: »Gelobt sei der Mensch, dessen Wünsche G’tt bestätigt.«

Weitblick Unsere Weisen haben das Auftreten der Frauen so beurteilt: »Dank dem Gerechtigkeitssinn der Frauen wurden unsere Vorfahren aus Ägypten erlöst und dank ihres Verhaltens wird die Erlösung kommen« (Schemot Raba 1,16). Sie heben hervor, dass die Frauen sich auch nicht an dem Vergehen mit dem Goldenen Kalb beteiligt haben, indem sie sich weigerten, ihren Schmuck herauszugeben, denn sie erkannten den Götzendienst in diesen Handlungen.

Auch der Midrasch (Yalkut Schim’oni) schreibt dazu: »Als die Wüstengeneration um Rückkehr nach Ägypten bat, erhoben sich die Frauen und forderten einen Besitz und Nachlass im Lande. Mosche hat sie deshalb sehr geschätzt. Und noch etwas: Der Abschnitt beginnt damit, dass ihre Zugehörigkeit bis hin zur Generation Josefs zurückverfolgt wird. Das heißt, so wie Josef das Land Israel geliebt hat und verlangte, dass sein Leichnam einst nach Israel zurückgebracht werden solle, so ist auch der Wunsch der Töchter nach Besitz am Land zu verstehen, den sie erbaten, um dort leben zu können.«

Besonnenheit Die Klugheit der Töchter ist sprichwörtlich. Mit Besonnenheit schilderten sie vor den Richtern ihr Problem: »Warum soll der Name unseres Vaters aus der Familie schwinden? Weil er keinen Sohn hatte? Soll dies der Grund sein, dass der Name ausgelöscht wird? Warum können die Töchter nicht die gleichen Rechte wie ein Sohn verlangen? Weil die Töchter keine Nachkommen zeugen können, muss deshalb unsere Mutter Levirat werden?« (Baba Batra 119b).

Hier wird klar, dass sie nicht vorrangig an Vermögen interessiert waren, sondern es ihnen darum ging, dass der Name ihres Vaters nicht in Vergessenheit gerate. Hätte Zelofchad einen Sohn gehabt, hätten die Töchter diese Frage nicht gestellt. Gibt es ein überzeugenderes Argument?

Letztendlich haben Zelofchads Töchter nicht nur für sich selbst, sondern auch für die nachfolgenden Generationen von Frauen die Möglichkeit erkämpft, eine Erbschaft anzutreten. Und daher wurde der Abschnitt nach ihnen und nicht nach Mosche benannt. Alle diejenigen, die heute die feministische Welt innerhalb des progressiven Judentums unterstützen, können mit Stolz auf diese fünf Schwestern blicken.

Der Autor ist Landesrabbiner von Sachsen.

Wajera

Kraft der Liebe

Warum das gute Verhältnis zwischen Ehepartnern in der Tora eine große Rolle spielt

von Vyacheslav Dobrovych  15.11.2019

Talmudisches

Die Verdienste eines Kerkermeisters

Von der Wirksamkeit des Gebets

von Yizhak Ahren  15.11.2019

Perspektive

Das Schöne ist kein Selbstzweck

Jahrhundertelang schien sich das Judentum kaum mit Ästhetik beschäftigt zu haben

von Rabbiner Raphael Evers  14.11.2019

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019