Schabbat

Spirituelle Antidepressiva

Die Leiden in etwas Sinnhaftes oder in Triumph zu verwandeln, ist die größte Herausforderung, die der Mensch hat. Foto: Thinkstock

Am Anfang unseres Wochenabschnitts sorgt ein kleiner Buchstabe für großes Aufsehen. In dem Satz, in dem davon erzählt wird, dass Awraham über den Tod seiner Frau Sara weinte, wird der Buchstabe Kaf in dem Wort »Livkota« (deutsch: sie zu beweinen) bewusst klein geschrieben. Verschiedene Kommentatoren suchen die Begründung dafür im Kontext.

Der vorige Wochenabschnitt endete mit der zehnten und letzten Prüfung, die Awraham zu absolvieren hatte: Er bekam den g’ttlichen Befehl, seinen geliebten Sohn Jizchak zu opfern, von dem ihm G’tt doch viele Nachkommen versprochen hatte. Awraham berichtete seiner Frau Sara nicht von diesem Unterfangen. Und als sie dann doch davon erfuhr – aber nicht mitbekommen hatte, dass Jizchak überlebt hat –, starb sie.

Trauer Die Weisen sagen, Awraham versteckte seine Trauer, um nicht den Eindruck zu erwecken, er würde seine Entscheidung bereuen, dem g’ttlichen Befehl nachzukommen. Dies sei der Grund dafür, warum das Kaf in dem Wort »Livkota« klein geschrieben ist.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) vermutet, der kleine Buchstabe drücke aus, dass Awraham seine Trauer nicht zur Schau stellen wollte. Allerdings begründet Hirsch seine Ansicht nicht. Vielleicht lässt sich ergänzen, dass paradoxerweise dieser kleine Buchstabe auf Awrahams Größe hinweist. Sie liegt darin, dass er sich der Sinnhaftigkeit seines Lebens bewusst wird und dementsprechend agiert.

Der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl (1905–1997) postuliert in seinen diversen Werken die Wichtigkeit des Lebenssinns. Frankl überlebte Ausschwitz und schilderte die Zeit dort in dem zu einem Klassiker gewordenen Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.

Basierend auf seinen im Lager gemachten Erfahrungen begründete er die Logotherapie und die Existenzanalyse. Sein Ansatz beruht darauf, dass in jeder Lebenssituation ein Sinn entstehen kann und es am Menschen liegt, diesen Sinn anzunehmen und zu verwirklichen oder nicht.

Triebe Die Triebe Gier und Macht oder Folgekrankheiten wie Depression und Sucht würden aus einer Leere resultieren, die dann entsteht, wenn der Mensch keinen Sinn mehr erkennen kann. Das Leben aber ist mehr als nur Triebbefriedigung, inneres Gleichgewicht oder die Reaktionen auf Instinkte. Das unterscheidet den Menschen vom Tier.

Frankl beschreibt, dass es drei Arten gibt, den Lebenssinn zu entdecken: 1.) etwas erschaffen oder eine Handlung ausführen, 2.) irgendetwas oder -jemanden zu erleben und 3.) die Einstellung, die wir zum unvermeidlichen Leiden haben.

Der erste Punkt erklärt sich von selbst. Der zweite Punkt bedeutet, Güte, Wahrheit und Schönheit sowie die Einzigartigkeit einer anderen Person zu erleben – die Liebe.

Die höchste Form, sich des menschlichen Potenzials bewusst zu werden, ist es, im unvermeidlichen Leiden einen Sinn zu erkennen, ja, das Leiden in einen persönlichen Triumph zu transformieren.

Lähmung Man hört manchmal von Menschen, die eine Lähmung erlitten haben und trotzdem glücklich sind, weil sie anderen auf ihre ganz spezielle Weise helfen können.

Oder man hört von einem Witwer, der durch den Tod seiner Ehefrau in eine Depression stürzte. Frankl konfrontierte ihn mit der Frage, ob es ihm lieber gewesen wäre, vor seiner Frau zu sterben. Der Patient verneinte, denn seine Frau hätte unendlich gelitten.

Der Therapeut versuchte, dem Witwer zu vermitteln, dass er seiner Frau das Leiden abgenommen hat. Frankl beschreibt in seinem Buch, wie in den bestialischen Höllen von Auschwitz zwei Personen, die das gleiche Schicksal teilten, völlig unterschiedlich mit der hoffnungslosen Situation umgingen. Manche nutzten die bestialischen Bedingungen gar dazu, um das spirituelle Leben zu vertiefen.

Die Leiden in etwas Sinnhaftes oder in Triumph zu verwandeln, ist die größte Herausforderung, die der Mensch hat. Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844–1900) sagte einmal: »Wer ein Warum hat, dem ist kein Wie zu schwer«. Basierend auf dieser Theorie, erstellte Frankl folgende Formel: Verzweiflung = Leiden – Sinn. Je kleiner der Sinn, desto größer die Hoffnungslosigkeit, und umgekehrt.

Triumph
Doch zurück zu Awraham. Er bestand die zehn Prüfungen und besaß nach der letzten die Gabe, ein Leiden, das vollkommen sinnlos erschien, da G’tt ihm etwas anderes versprochen hatte, in seinen persönlichen Triumph zu verwandeln.

Seine geliebte Frau Sara war überraschenderweise gestorben. Anstatt Trost bei anderen zu suchen, war ihm der g’ttliche Trost wegen der Sinnhaftigkeit genug. Nicht, dass er nicht traurig war über ihren Tod – das Sterben darf nicht fanatisch verherrlicht werden –, aber Awraham erkannte die Herausforderung, die das Leben ihm zu diesem Zeitpunkt stellte: den Tod seiner Frau als etwas Sinnhaftes zu akzeptieren und sich nicht darüber zu beklagen. Er verstand und verinnerlichte die g’ttliche Sinnhaftigkeit des Moments.

Vielleicht ist folgende Erklärung dafür schlüssig, warum das Kaf in dem Wort »Livkota« klein geschrieben wird: Das Kaf ist der letzte Buchstabe des Wortstamms »Segen«. Wenn man den Punkt erreicht hat, dass man trotz Leidens eine Sinnhaftigkeit erkennt, eine religiöse Vertiefung erlebt und die Botschaft von G’tt wahrnimmt, hat man den Segen vollständig erworben. Wenn man so will, ist dies das Ende der Segenskette. Man hat das ultimative Ziel erreicht.

Der Autor hat in Jerusalem und in England an Jeschiwot studiert. Seit einigen Jahren arbeitet er als Psychologe in Osnabrück.


Paraschat Chaje Sara

Der Wochenabschnitt beginnt mit Saras Tod und dem Kauf der Grabstätte »Mearat Hamachpela« durch Awraham. Dieser Kauf wird sehr ausführlich geschildert. Später beauftragt Awraham den Knecht Elieser, für seinen Sohn eine passende Frau zu suchen. Er findet in Riwka die richtige Partnerin für Jizchak. Auch Awraham bleibt nicht allein: Er heiratet eine Frau namens Ketura. Schließlich stirbt er und wird in der Höhle begraben, in der auch Sara beigesetzt ist.
1. Buch Mose 23,1 – 25,18

Jom Kippur

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

Für die einen ist Fasten religiöses Gebot, für die anderen eine Prüfung von Körper und Willenskraft

von Nicole Dreyfus  18.09.2026

Versöhnung

Der Mensch ist kein Datensatz

Im Gegensatz zu modernen Algorithmen kennt das göttliche Gericht die Ambivalenzen

von Chajm Guski  18.09.2026

Vergebung

Wenn die Entschuldigung im Halse stecken bleibt

Eine talmudische Geschichte über Schuld, Groll und das Loslassen der Vergangenheit

von Sophie Goldblum  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge

Nach ersten Erkenntnissen handelte der polizeibekannte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit allein

 18.09.2026 Aktualisiert

Ha’asinu

Von der Einheit hinter allem

Die Tora lehrt, dass die Liebe zum Mitmenschen auch eine Form ist, den Ewigen zu ehren

von Daniela Rusowsky  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026