Talmudisches

Schutz und Schatten

Foto: Getty Images

»Schimon der Gerechte sagt: ›Ich lege Meine Worte in deinen Mund‹ – dies ist das Torastudium. ›Und im Schatten Meiner Hand berge ich dich‹ – dies sind die Taten der Nächstenliebe. So lehrt dich die Schrift, dass jeder, der sich mit der Tora und der Nächstenliebe befasst, würdig befunden wird, im Schatten des Heiligen, gelobt sei Er, zu sitzen, wie es heißt: ›Wie köstlich ist deine Güte, Gott, die Menschen nehmen unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht‹« (Jeruschalmi, Megilla 26a).

Zwei der wichtigsten Gebote der Tora, das ewige Lernen und die Wohltaten gegenüber den Mitmenschen, werden nach dem Hohepriester Schimon (3. Jahrhundert v.d.Z.) also dadurch belohnt, dass man in dieser und der kommenden Welt im »Schatten Gottes« sitzen darf.

Für unser europäisches Verständnis mag dieses Bild zunächst einen negativen Beigeschmack hervorrufen, denn im westlichen Kulturkreis ist das Symbol des Schattens doch überwiegend mit Finsternis und Kälte aufgeladen. Wie wir aus anderen talmudischen Quellen wissen, steht der genannte Schatten hier aber gerade für die schützende und wohltuende Nähe Gottes (Berachot 17a).

»Der Mensch ähnelt dem unbeständigen Hauch, seine Tage sind wie ein vorüber­eilender Schatten.«

Wie ist das also zu verstehen? Zwar finden wir auch im Tanach düstere existenzialistische Überlegungen, etwa wenn wir in Tehilim 144,4 lesen: »Der Mensch ähnelt dem unbeständigen Hauch, seine Tage sind wie ein vorüber­eilender Schatten.«

Doch ist der Schatten in den biblischen Texten vor allem ein positiv konnotierter Schutzort vor der sengenden Sommerhitze, die in Israel und dem Nahen Osten die Erde und ihre Bewohner heftiger plagt als in Europa.

So baut sich der Prophet Jona eine Sukka, außerhalb von Ninive in Assyrien, um den Strahlen der Sonne zu entfliehen, wobei seine Laubhütte dann durch einen wunderlichen wachsenden Kikajon, einen Rizinus, noch verstärkt wird (Jona 4, 5–6).

Auf ähnliche Weise findet sich im Tanach einige Male die Beschreibung des idyllischen Zustands, in dem jeder Jude sorglos-beschaulich im Schatten seines Weinstocks und seines Feigenbaumes sitzt und in der Welt Frieden herrscht (1. Buch der Könige 5,5; Micha 4,4).

Folgerichtig deuten unsere talmudischen Weisen auch den Sinn der »Wolken der Herrlichkeit«, die das Volk Israel während der 40-jährigen Wüstenwanderung begleitet haben, derart, dass es sich bei diesen primär um Schattenspender gehandelt habe, die das umherziehende Lager vor der Glut der Wüstensonne geschützt haben (Tanna Dewej Elijahu Rabba 12). Dieser himmlische Schutz werde dann von Jahr zu Jahr durch den Bau der Laubhütten am Sukkot-Fest reinszeniert (Sukka 11b).

Diese Verbindung von Schatten und göttlichem Schutz wird in den poetischen Teilen des Tanach mitunter explizit gemacht: »Der Ewige ist dein Hüter, der Ewige ist dein Schatten zu deiner rechten Hand, dass am Tage dich die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.« (Tehilim 121, 5–6). Darum ist der Entzug des Schattens auch ein Bild für Vernichtung (4. Buch Mose 14,9): »Fallet nur nicht vom Ewigen ab, so habt ihr das Volk des Landes (Kenaan) nicht zu fürchten. (…) Gewichen ist ihr Schatten von ihnen.«

Nach der talmudischen Tradition wird die endzeitliche Sukka aus der Haut des urzeitlichen Tiers Leviathan hergestellt werden

Die in den Worten des Hohepriesters Schimon in der obigen Gemara mitschwingende eschatologische Dimension eines ultimativen Schattens, also einer höchsten Form der Gottesnähe in der künftigen messianischen Zeit, findet sich in ihren Grundzügen bereits in Jeschajahu 4, 5–6: »Dann wird der Ewige über die ganze Wohnstätte des Berges Zion und über seine Versammlungsorte eine Wolke für den Tag und Rauch und Glanz von Feuerflammen für die Nacht schaffen; denn über all der Herrlichkeit wird eine Chuppa sein. Und eine Sukka wird sein zur Beschattung am Tage vor der Glut, zum Schutz und zur Zuflucht vor Güssen und vor Regen.«

Nach der talmudischen Tradition wird diese endzeitliche Sukka aus der Haut des urzeitlichen Tiers Leviathan hergestellt werden – dadurch kommen Schöpfung und Abschluss des Weltganzen in elysischer Harmonie zusammen.

9/11

Suche nach Gewissheit

Auch 25 Jahre nach dem Terror sind noch nicht alle Opfer eindeutig identifiziert. Das stellte jüdische Gelehrte vor halachische Fragen – neben dem großen Ringen um eine religiöse Erklärung für die Katastrophe

von Rabbiner Dovid Gernetz  08.09.2026

Talmudisches

Sitzen

Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten

von Detlef David Kauschke  04.09.2026

Nizawim–Wajelech

Geheimnis des Neubeginns

Die Rückkehr zum Ewigen ist ein tiefgreifender Prozess – für den Einzelnen und das ganze Volk

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  03.09.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  02.09.2026

Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026

Rezension

»Eine ziemlich dramatische Zeit«

Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben

von Detlef David Kauschke  28.08.2026

Talmudisches

Die Folgen des Hasses

Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten

von Chajm Guski  27.08.2026

Schule

Jüdisch alphabetisiert

Zum ersten Mal seit der Schoa entstehen in Deutschland Arbeitsbücher für den jüdischen Religionsunterricht. Der erste Band widmet sich der Tora und ist nun erschienen

von Mascha Malburg  25.08.2026

Einspruch

Jeden Tag neu

Rabbinerin Ulrike Offenberg erinnert daran, dass im Elul alle Verantwortung tragen, sich selbst zu verändern

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  25.08.2026