Nach dem biblischen Kalender, dessen Jahreslauf im Frühling beginnt, ist Sukkot das dritte der Wallfahrtsfeste (Regalim). Nach dem zeitgenössischen hebräischen Kalender, der in der Mischna-Zeit überliefert wurde, ist Sukkot jedoch das erste Wallfahrtsfest und der dritte Feiertag des Jahres – unmittelbar nach Rosch Haschana und Jom Kippur. Der Talmud (Rosch Haschana 10b) nennt diese beiden Zeitpunkte des Jahresbeginns – Frühling (Nissan) und Herbst (Tischri) – als Momente der Erschaffung der Welt.
Die Überlieferung, die die Schöpfung im Frühling verortet, verbindet die landwirtschaftlich-naturbezogene Dimension der drei Wallfahrtsfeste mit ihrer historischen Bedeutung, insbesondere mit der Idee der Freiheit, wie sie im Auszug aus Ägypten Gestalt annimmt. Die Überlieferung hingegen, die den Herbst als Zeitpunkt der Schöpfung versteht, stellt Sukkot in den Zusammenhang von Gericht (Rosch Haschana) und Barmherzigkeit (Jom Kippur). Beide verweisen auf die umfassende Verantwortung jedes Einzelnen und jeder Gesellschaft für unser Handeln und unsere Entscheidungen. Die Natur ist uns gegeben und bestimmt unser Leben – doch wir sind frei zu entscheiden, wie wir in ihr leben wollen. Und wir tragen Verantwortung für ihren Erhalt.
In der Natur des Landes Israel und seiner Landwirtschaft verankert
Der hebräische Kalender ist fest in der Natur des Landes Israel und seiner Landwirtschaft verankert. Die komplizierten astronomischen und halachischen Berechnungen, die dem hebräischen Kalender zugrunde liegen, gewährleisten, dass Sukkot stets zu Beginn des Herbstes und als Chag HaAsif (Erntefest) gefeiert wird. Damit fällt das Fest genau in die Zeit, bevor im Nahen Osten die winterliche Regensaison beginnt.
An Sukkot bringen wir Tische und Stühle nach draußen und Pflanzen in die Synagoge.
Anders als in Europa ist der Winter im Land Israel eine Zeit der Erneuerung, in der das Wachstum einsetzt. Gibt es genügend Regen, wird es ein gesegnetes Jahr. Die Natur wird uns freundlich gesinnt sein, und die Erde wird ihre Ernte schenken. Wenn nicht, wird es ein dürres Jahr. Wir werden keine ausreichende Ernte einbringen können, und es wird uns schwerfallen, im kommenden Jahr auszusäen.
Sukkot ist der Moment vor dem Winter. Die jüdische Liturgie nennt das Fest Zman Simchatenu (die Zeit unserer Freude), aber es steht auch für die Sorge – jenes beklemmende Hoffen auf ausreichend Wasser. Sukkot ruft uns dazu auf, symbolisch aus dem warmen Haus hinauszutreten – aus dem Sinnbild der technologischen Zivilisation – und in die Sukka draußen einzuziehen, in die unmittelbare Erfahrung der Natur.
Lulaw, Etrogfrucht, Myrten- und Bachweidenzweig
Auch den Lulaw, die Etrogfrucht, den Myrten- und den Bachweidenzweig beziehen wir in das Hallel-Gebet des Festes ein. Der Duft von Etrog und Myrte, der Anblick von Lulaw und Weide bringen die Natur in die Synagoge. Sie durchbrechen die Trennwand zwischen draußen und drinnen, zwischen der Zivilisation, die wir geschaffen haben, und der Natur, in der wir leben.
So ist es auch mit den Gebeten. An jedem Festtag sprechen wir ein besonderes Gebet, das »Hoscha-na« – »Rette doch« –, schwingen Lulaw und Etrog in den Händen und hoffen auf den kommenden Segen. Und am letzten Tag von Sukkot, an Schemini Azeret, beten wir das Gebet um Regen.
Im heißen Israel ist ausreichend Regen die Grundlage allen Lebens.
Für Europäerinnen und Europäer bedarf es großer Anstrengung, die Bedeutung dieses Gebets zu spüren. In ihrem Alltag fällt das ganze Jahr über Regen, und wenn es regnet, wird der Regen oft als lästig empfunden. Für Menschen, die im Klima des Landes Israel leben – in dem diese Überlieferung entstanden ist –, versteht sich seine Bedeutung von selbst. Der Regen, der kommen wird – ob reichlich oder zu spärlich, zur rechten Zeit oder zur Unzeit –, ist die Grundlage des Lebens, der Gesellschaft, der Kultur und allen schöpferischen Tuns. In unserer Generation erhält all dies eine neue und radikale Bedeutung, wie frühere Generationen sie nicht kannten. Der Mensch hat technologische und industrielle Fähigkeiten entwickelt, die groß genug sind, um die Existenz der Natur selbst zu gefährden.
Forderung nach Verantwortung und Befreiung aus der Abhängigkeit
Die Forderung nach Verantwortung und nach einer Befreiung aus der Abhängigkeit von der vermeintlichen Bequemlichkeit unserer technologischen Zivilisation wird zu einer akuten und unabweisbaren Notwendigkeit. Sukkot, das Fest der Natur, das immer große Freude mit tiefer Sorge verbunden hat, kann und muss für uns auch zu einem Fest der Ökologie werden – zu einem Fest, das uns lehrt, unser Leben zu bewahren und den kommenden Generationen eine Zukunft zu sichern.
Der symbolische Aufbruch in die Natur, das Hereintragen von Lulaw und Etrog in die Synagoge, das Gebet um Regen – all dies wird zu einem machtvollen Sinnbild für den großen Kampf der gesamten Menschheit und auch für unseren Kampf als jüdische Gemeinschaften: den Kampf um die Bewahrung der Schöpfung.
Der Autor ist der rabbinische Leiter des Regina Jonas Seminars für liberale Rabbinatsausbildung in Potsdam.