Schalom Bajit

Respekt und Verständnis

Endlich lange Gespräche bei den Mahlzeiten: Die erzwungene Zeit zu Hause birgt Streit, Stress und Ungeduld in sich − kann aber auch eine Chance sein. Foto: Getty Images / istock

Es scheint, dass diese jetzt über uns hereingebrochene Zeit der uns alle gefährdenden Corona-Pandemie in unserer Suche nach Ausweg und Lösung aus der Krise alte, oft vergessene klassische jüdische Lehren und Tugenden wieder sichtbar macht.

Dies verdeutlicht eine Erzählung über Rabbi Israel Meir HaKohen Kagan (1838−1933), der nach dem Titel seines ersten Werkes Chafetz Chajim genannt wurde. Er war ein Gelehrter, Ethiker und eine rabbinische Autorität des gesetzestreuen Judentums in Osteuropa. Im Alter von 35 Jahren veröffentlichte er sein erstes Werk, in dem er klare religiöse Vorschriften gegen üble Nachrede, Verleumdung und Klatsch (hebräisch: Laschon Hara) ausarbeitete.

Der Titel des Werkes, Chafetz Chajim, kann mit »Der das Leben begehrt« übersetzt werden und stammt aus Psalm 34 (13−14): »Wer ist der Mann, der Leben begehrt, der sich Tage wünscht, an denen er Gutes schaut? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht betrügen.«

chafetz CHAJIM Einmal wurde der Chafetz Chajim gefragt, wie er die jüdische Welt so stark beeinflussen könne. Seine Antwort war: »Ich wollte die Welt verändern, aber ich habe versagt. Also beschloss ich, meine Bemühungen zurückzufahren und nur die jüdische Gemeinde Polens zu beeinflussen. Aber auch dort scheiterte ich. So habe ich mich an die Gemeinde meiner Heimatstadt Radin gewandt, aber auch dort keinen größeren Erfolg erzielt. Dann habe ich alle Anstrengungen unternommen, um meine eigene Familie zu verändern. Aber auch das ist mir nicht gelungen. Da habe ich schließlich beschlossen, mich selbst zu ändern.«

Was können wir dieser Episode entnehmen? Dass wir es sind, die mit uns selbst beginnen müssen, wenn wir die große Welt und unser kleines Heim zu einem besseren Ort machen wollen. Der erste Schritt zu dieser Verbesserung besteht darin, uns selbst zu verbessern.

Sicherlich können wir die Welt und die Menschen um uns herum beeinflussen, doch wir können sie nicht ändern. Ändern können wir nur uns selbst. Wir sind es, die unser Verhalten und unsere Einstellungen bestimmen und zum Besseren wenden können.

Beschränkungen Diese Zeiten der Pandemie erlegen uns Beschränkungen und Einschränkungen auf. Schon in unseren eigenen vier Wänden. Der Ehepartner muss vom Wohnzimmer digital seine Arbeit erledigen, die er sonst außer Haus, im Büro, verrichtet. Dies betrifft aber auch die Ehefrau, direkt und indirekt.

Auch die Kinder haben zurzeit keine tägliche zeitgebundene Beschäftigung in der Schule, und die Begegnung und Kommunikation mit ihren Schulkameraden und Freunden fehlt ihnen sehr. Sogar ihre gewohnten Spielplätze sind für sie gesperrt. All das zusammen ist eine nicht leicht zu bewältigende Lage und Herausforderung.

Jetzt merken wir, dass wir es nicht gewohnt sind, uns ständig miteinander aufzuhalten, und was es bedeutet, nicht nach draußen gehen zu dürfen, wenn wir Lust haben. Wir dürfen keine Besuche bei Freunden machen oder Freunde zu Hause empfangen. All das war bisher völlig unproblematisch und mit Leichtigkeit zu bewältigen. Die zusätzlichen Verordnungen schließen sogar Großeltern und andere Familienmitglieder aus unserem Alltag aus.

streit Die Zeit im Homeoffice zwingt uns dazu, miteinander auszukommen. Dieser Zwang birgt Streit, Stress und Ungeduld in sich. Unbemerkt kann das Gefühl zunehmen, dass wir unsere Vorstellungen um jeden Preis durchsetzen wollen. Immer schwieriger kann es werden, der Anspannung und dem Druck nachzugeben. Doch wie oft hatten wir insgeheim die Sehnsucht, viel mehr Zeit für die Familie, für unsere Kinder zu haben − und das nicht nur in der Ferienzeit. Jetzt haben wir Gelegenheit dazu.

Hier kommt der jüdische Grundsatz von »Schalom Bajit« ins Spiel. Wenn die meisten Menschen an das hebräische Wort »Schalom« denken, fällt ihnen das deutsche Wort »Frieden« ein − das Gegenteil von Krieg, ein Ende der Feindseligkeiten. Der Begriff »Schalom« beinhaltet aber weit mehr als nur Frieden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt von »Schalom« ist, dass es sich nicht um einen passiven Grundsatz handelt. Schalom heißt, aktiv zu sein, gemäß Hillels Wort: »Sei von den Schülern Aharons, liebe den Frieden und verfolge ihn« (Sprüche der Väter 1,12).

Das Homeoffice zwingt uns dazu, miteinander auszukommen.

Und wie verstehen wir den Begriff »Bajit«? Wörtlich bedeutet er »Haus«. »Schalom Bajit« ist also die Schaffung einer Umgebung von »Schalom«, von Frieden und Harmonie, in unseren Häusern, in unserer Familie. Schalom Bajit ist ein Grundbegriff in der traditionellen jüdischen Ehe und Ethik. Er bedeutet gegenseitigen Respekt, sich umeinander zu kümmern, einander zu unterstützen, ein echtes Gefühl der Verbindung mit unserer Familie zu schaffen.

In jeder familiären Situation gibt es viele Ursachen für mögliche Meinungsverschiedenheiten. Aber ein Teil der »Kunst« von »Schalom Bajit« besteht darin, sich zu vergegenwärtigen, über welche Themen es sich lohnt zu streiten und über welche nicht. Manchmal fordert uns Schalom Bajit auf, uns zu mäßigen, um der Harmonie willen. Es liegt an uns selbst, »Schalom Bajit« auch aktiv zu leben.

familie Wir dürfen niemals vergessen, dass wir einander brauchen, dass es immer noch weit, weit mehr gibt, das uns zusammenhält als uns trennt, und dass ein Zusammen einfach besser ist. Wir sollen eine Familie sein, und als solche sollte unsere Hauptaufgabe darin bestehen, uns umeinander zu kümmern, einander zu unterstützen, füreinander da zu sein in Zeiten der Freude und in Zeiten der Trauer.

Meinungsverschiedenheiten können gelöst, Differenzen überwunden werden, solange wir der Vision von »Schalom Bajit« folgen − einer Maxime, die uns auffordert, einander zu schätzen, zu respektieren und zu unterstützen. Nur gemeinsam können wir die Ziele und Ideale erreichen, die uns G’tt und unser Judentum vorgelegt haben.

In der Zeit, in der viele von uns vielleicht angstvoll in die Zukunft blicken, sind uns unsere Psalmen Trost und Hilfe. Der Vers »Du bist mein Schirm; Du wirst mich vor Angst behüten, dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann« (Psalm 32,7) lässt uns hoffen, dass, »wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr und errettet sie aus all ihrer Not. Der Herr ist nahe bei denen, die zerbrochenen Herzens sind …« (Psalm 34, 18−19). »Denn Er hat Seinen Boten befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen« (Psalm 91,11).

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026

Talmudisches

Der jüdische Sindbad

Wenn Wale zu Inseln werden: Was unsere Weisen über die Abenteuer des Rabba bar bar Hana erzählen

von Detlef David Kauschke  29.03.2026

Essay

Wahre Freiheit gibt es nicht geschenkt

Warum Sicherheit ohne Freiheit weder für Israel noch für den Iran eine Zukunft bietet. Gedanken zu Pessach von Rabbinerin Elisa Klapheck

 29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026

Kashrut

Nicht ganz koscher – oder doch?

Die israelische Erfindung »ReMilk« schmeckt nach Milch, kann aber ohne Bedenken mit Fleisch kombiniert werden

von Rabbiner Dovid Gernetz  26.03.2026

Geschlechter

Mehr als nur Mütterlichkeit

Über die Stellung der Frau im Judentum finden sich zahlreiche, oftmals widersprüchliche Aussagen. Der richtige Kontext schafft da Orientierung

von Vyacheslav Dobrovych  26.03.2026