Vorsorge

Noch nicht reif

Reif für die Freiheit – oder noch nicht? Foto: Thinkstock

Wer Kinder beim Spielen beobachtet, der sieht, was es heißt, sich zu konzentrieren: Sie versinken für Stunden in ihrer Welt, und nichts scheint sie zu stören. Das Gegenteil erleben manchmal wir Erwachsene. Jeder kennt das aus seinem Privat- oder Berufsleben: Eine neue Aufgabe steht an, sie bedarf vieler Überlegungen und Planungen. Aber ihre Herausforderung liegt eher darin, dass man weiß, wie viele andere Aufgaben man noch nicht bewältigt und erledigt hat.

Die Zeit drängt, die Telefonate, die man nebenbei noch zu führen hat, halten auf – und trotzdem muss die Arbeit, die vor einem liegt, geschafft werden. Manche Aufgaben sind so gewaltig, dass man mitunter nicht weiß, wie sie zu bewältigen sind.

Wo fängt man an? Welcher Weg führt direkt und am besten zur Erledigung einer Arbeit? Man sucht nach einem Ansatzpunkt. Dazu muss im Kopf muss eine gewisse Klarheit entstehen, die einem den nötigen Überblick verschafft – manchmal ist das eine größere Herausforderung als die Arbeit selbst.

Wille In den vergangenen Wochenabschnitten haben wir viel über die Freiheit und den freien Willen gehört sowie über die Möglichkeiten und Folgen einer solchen Freiheit. Man kann mit ihr Gutes tun, sei es für einen selbst oder für andere. Man kann damit aber auch Schaden anrichten.

Dass großer Schaden entstehen kann, sehen wir am Beispiel des Pharao, der seinen freien Willen nutzte, um den Kindern Israels Böses anzutun. Und wir haben auch gehört und verstanden, dass Freiheit dem Menschen erlaubt, seinen eigenen Weg zu gehen. Deshalb hat uns der Ewige Werkzeuge in die Hand gegeben, damit wir unsere Freiheit bewahren.

In der Parascha Beschalach nimmt der Ewige den Kindern Israels die Freiheit, die sie im letzten Abschnitt erworben haben, zum Teil wieder weg: »Als nun Pharao das Volk fortziehen ließ, führte Gott sie nicht den Weg durch das Land der Philister, weil dieses nahe ist. Denn Gott sprach: Es könnte das Volk anderen Sinnes werden, wenn sie Krieg vor sich sehen und nach Mizrajim zurückkehren« (2. Buch Mose 13, 17–18).

Umweg Der Ewige ließ die Kinder Israels also einen Umweg gehen. Er wusste, wenn sie sehen würden, dass es Auseinandersetzungen mit den Philistern gibt, dann kehrten sie vielleicht um. Indem der Ewige den Weg vorgab, nahm er den Kindern Israels gewissermaßen erneut einen Teil ihrer Freiheit.

Wir wissen, dass der Pharao den Auszug der Israeliten letztlich doch nicht duldete. Das fliehende Volk, das zwar bewaffnet war, aber doch seine Alten und Kinder bei sich hatte, schien erneut einer mehr oder weniger enormen Bedrohung ausgesetzt zu sein.

Und obwohl es der Überlieferung nach 600.000 Männer im Volk gab, die kämpften, sahen sie die Ägypter, die laut Rabbiner Ibn Esra (um 1092–1167) eine viel kleinere Armee hatten, als schlagkräftiger an. Raschi (1040–1105) schreibt, das ägyptische Heer stand den Israeliten »mit einem Herzen wie ein Mann« gegenüber. Das heißt, die Ägypter bildeten in ihrer Ideologie und in ihrem Auftreten eine Einheit, die Israel gefährlich werden konnte, da es gedanklich noch nicht so weit war.

Loslösung Wir sehen, wie schwer die Loslösung Israels von den Ägyptern war. Zwar schafften sie es, aus der Sklaverei zu fliehen, doch waren die meisten noch nicht bereit, das volle Ausmaß ihrer neu gewonnenen Freiheit wirklich zu begreifen. Ägypten war immer noch in ihren Köpfen.

Darum hat der Ewige in seiner unendlichen Voraussicht die Freiheit ein wenig beschränken müssen: Er hat die Israeliten nicht einfach wild drauflos gehen lassen, sondern ihnen bewusst einen Weg gewiesen, der es erlaubte, Ägypten für einen kurzen Augenblick zu vergessen und dadurch einen Neuanfang zu beginnen.

Auch heute tut es mitunter not, Ägypten aus unseren Köpfen zu verbannen, um einen Neuanfang zu wagen. Manchmal stehen wir an einem Scheideweg, haben eine neue Aufgabe zu bewältigen, für die es einen klaren Kopf braucht und einen guten Überblick. Wenn uns Tausende anderer Aufgaben daran hindern, unseren Weg zu finden, dann sollten wir uns an die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erinnern: Hier haben wir vor langer Zeit gelernt, dass man, wenn man einen neuen Weg gehen will, den alten auch gedanklich hinter sich lassen muss. So schafft man sich einen geistigen Freiraum, kann sich auf das Wesentliche konzentrieren und störende Faktoren ausblenden.

paraschat bESCHALACH

Der Wochenabschnitt erzählt, wie die Kinder Israels auf der Flucht vor dem Pharao und seinen Truppen trockenen Fußes das Schilfmeer durchquerten. Es öffnete sich vor ihnen und schloss sich hinter ihnen wieder, sodass die Männer des Pharao in den Fluten ertranken. Danach beginnt der eigentliche Weg Israels durch die Wüste. Es wird berichtet, wie der Ewige die Menschen mit Manna und Wachteln versorgt und sie auffordert, Speise für den Schabbat beiseitezulegen. Dennoch fehlt es an Wasser, und die Kinder Israels beschweren sich bei Mosche. Der lässt daraufhin Wasser aus einem Felsen hervorquellen. Schließlich werden die Israeliten von Amalek angegriffen, aber sie schlagen ihn.
2. Buch Mose 13,17 – 17,16

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