Kashrut

Nicht ganz koscher – oder doch?

Wunder der Gentechnik: die »ReMilk« Foto: Getty Images

Kashrut

Nicht ganz koscher – oder doch?

Die israelische Erfindung »ReMilk« schmeckt nach Milch, kann aber ohne Bedenken mit Fleisch kombiniert werden

von Rabbiner Dovid Gernetz  26.03.2026 16:51 Uhr

Beim Stichwort »Milchersatzprodukte« denkt man in der Regel an Soja- oder Hafermilch. Zwar schmecken und riechen beide nicht gerade nach Kuhmilch und sehen auch nicht so aus, aber für den täglichen Kaffee reichen sie den meisten. Umso größer war die Erwartungshaltung, als das israelische Food-Tech-Start-up Remilk aus Ness Ziona im November 2025 verkündete, 2026 ein neues Produkt auf den israelischen Markt zu bringen, das all diese Mankos nicht mehr haben sollte. Und tatsächlich hat »Hechalav Hechadasch«, zu Deutsch: die neue Milch, vor Kurzem Einzug in die Supermarktregale in Israel gehalten. Doch stimmen die Versprechen wirklich?

Laut dem Hersteller handelt es sich dabei um keine tierische Milch, also um ein vollkommen veganes und laktosefreies Produkt, das genauso wie Kuhmilch schmeckt, aber eben nicht von Kühen stammt. Ori Cohavi, Mitbegründer und Technischer Direktor von Remilk, erklärt, dass die Proteine der Remilk-Milch mit konventionellen Milchproteinen identisch seien, sodass aus ihr Produkte hergestellt werden können, die sich vom Geschmack und der Konsistenz her nicht mehr von denen unterscheiden lassen, die aus Kuhmilch hergestellt werden. Ebenso vielfältig seien auch die Einsatzmöglichkeiten.

Am Ende erhält man ein Produkt, das in jeder Hinsicht der Kuhmilch entspricht.

Dabei dreht sich alles um das Milchprotein Beta-Lactoglobulin. Dieses wird durch Präzisionsfermentation produziert, wobei gentechnisch programmierte Hefe vervielfältigt wird. Anders formuliert: Das Gen, das für die Produktion von Milchproteinen bei Kühen verantwortlich ist, wird kopiert und in Hefe eingefügt. Es gibt der Hefe quasi »Befehle«, wie das betreffende Protein hergestellt werden soll.

Anschließend kommen noch Wasser, Fett, Zucker, Kalzium und ein paar Bakterienkulturen hinzu. Am Ende erhält man ein Produkt, das in jeder Hinsicht der Kuhmilch entspricht, aber keinerlei tierische Bestandteile enthält – nicht einmal auf zellulärer Ebene.

Es ähnelt deshalb auch nicht dem sogenannten In-vitro-Fleisch, also einem Steak oder Burger, der im Labor hergestellt wurde. Denn das Ausgangsprodukt ist hier eine tierische Zelle, die vervielfacht wird. Die »Neue Milch« hingegen wird ausschließlich aus modifizierter Hefe produziert. Dieser Unterschied ist auch der Grund, warum Produkte, die auf ReMilk basieren, vom britischen Badatz Igud Rabbonim, einer Vereinigung von Rabbinern aus England, sowie dem Oberrabbinat in Israel als »parve« zertifiziert werden. Sie sind weder milchig, noch fleischig wie das In-vitro-Fleisch, zu dem es durchaus kontroverse Einschätzungen seitens der halachischen Autoritäten gibt.

Der deutsche Käsehersteller Hochland hat sich bereits an ReMilk beteiligt.

Genau deshalb ist ReMilk für traditionell oder orthodox lebende Jüdinnen und Juden von besonders großem Interesse. Oder wie es der Geschäftsführer von Remilk, gegenüber der »Times of Israel« sagte: »Das sind gute Nachrichten für viele koscher lebende Verbraucher, die nun nach einer Fleischmahlzeit Kaffee mit parver Milch trinken können.« Aber auch für Personen mit einer Laktose-Intoleranz könnte ReMilk interessant werden – schließlich plant man in Kooperation mit dem Milchverarbeiter Gad Dairies eine ganze Palette von Produkten, angefangen mit Joghurt oder Frischkäse. Teurer als die »klassischen« Milchprodukte sollen sie nicht sein. Der deutsche Käsehersteller Hochland hat sich bereits an ReMilk beteiligt. Noch ist das Produkt aber nicht für den europäischen Markt zugelassen.

Eine halachische Einschränkung gibt es auch: Beim Konsum von ReMilk nach einer fleischigen Mahlzeit oder für die Verwendung der Produkte mit Fleisch, beispielsweise als Käse in einem Cheeseburger, muss die Verpackung während der Zubereitung sichtbar sein. Andernfalls wäre der Verzehr aufgrund des Konzepts von »Marit Ajin« verboten. Demnach ist es untersagt, etwas zu tun, das wie eine verbotene Handlung aussieht, und so zum Beispiel andere Juden auf die Idee bringen könnte, ein gewöhnlicher Cheeseburger sei koscher. Solange die »Neue Milch« noch nicht allgemein bekannt ist, muss man also bei der Verwendung darauf achten, dass sie als solche erkennbar ist.

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