Chanukka

Nach draußen

Selbstbewusst und selbstverständlich in der Öffentlichkeit: Lichtzünden im Jerusalemer Stadtteil Nachlaot Foto: Flash 90

Chanukka wird von allen sehr geliebt. Weniger wegen des berühmten Brauchs, Chanukkageld zu verschenken, und auch nicht wegen der alten Tradition, Leckereien mit reichlich Öl zuzubereiten, sondern wegen der Sehnsucht.

Denn mehr als zwei Monate sind bereit seit dem letzten Feiertag vergangen. Dazwischen liegt der Monat Cheschwan. Er ist der einzige Monat im Judentum ohne einen Feiertag. Hinzu kommt, dass Chanukka erst am Ende des Monats Kislew gefeiert wird, das steigert die Sehnsucht nach Chanukka noch mehr.

Hintergrund Aus der Überlieferung ist bekannt, dass nach dem Sieg über die Griechen nur ein einziger Krug mit reinem Öl für die Menora gefunden wurde. Und obwohl diese Menge nur für einen Tag reichte, entschlossen sich die Sieger dennoch, die Lichter zu zünden.

Diesen Eifer der Makkabäer haben auch deren Nachkommen geerbt. Und gerade weil bei der Einweihung des Tempels keine Kompromisse gemacht und nur das reine Öl verwendet wurde, zünden auch wir die Lichter der Chanukkia mit besonderer Pracht. Wir nehmen nicht nur die besten Öle und die schönsten Leuchter, sondern suchen auch immer nach einem passenden Platz für die Chanukkia.

Schon der Text der Amida, des stillen Gebets, hebt dies hervor. Dort wird bei der Danksagung Folgendes erwähnt: »… zündeten Lichter in den Höfen Deines Heiligtums an …« Allerdings ist bekannt, dass die Menora ihren festen Platz im Heiligtum hatte und ihre Lichter auch dort gezündet wurden.

Wir lesen im Talmud (Schabbat 21b) und auch im Schulchan Aruch, dass das Wunder von Chanukka bekannt gemacht werden soll. Deshalb soll der Chanukkaleuchter draußen vor der Tür platziert werden, damit alle ihn sehen können.

Fenster Heute ist es auch üblich, die Lichter zu Hause zu zünden. Dabei wird die Chanukkia entweder im Fenster oder auf dem Tisch platziert. Die Fensteroption gilt für diejenigen, die im Obergeschoss wohnen. Und die Variante, die Chanukkia auf den Tisch zu stellen, ist für Zeiten der Gefahr vorgesehen, so der Talmud.

Raschi (1040–1105) berichtet in seinem Kommentar von Feueranbetern im antiken Persien, die kein Feuer auf der Straße duldeten, denn das durfte nur in ihrem Heiligtum brennen. Weil es unter diesen Umständen lebensgefährlich war, die Lichter von Chanukka draußen zu zünden, wurde es in die Häuser verlagert.

Aber auch heute, da eigentlich keine wirkliche Gefahr besteht, zünden die meisten ihre Lichter zu Hause. Diese Tatsache versuchen die Weisen auf verschiedene Weise zu erklären. So nannte zum Beispiel Abba Mari ben Itzchak aus Saint-Gilles (1122–1193) die Gewöhnung als Ursache: In den Zeiten der Gefahr haben sich die Menschen daran gewöhnt, die Lichter zu Hause zu zünden.

Rabbiner Jechiel Michel Epstein (1829–1908) argumentiert mit dem Wetter zu dieser Jahreszeit. Wegen der Kälte, dem Wind und Regen oder Schnee wollten die Weisen dem Volk nicht die Bürde auferlegen, die Lichter draußen zu zünden. Anderer Ansicht sind die meisten Weisen in Israel. Sie schreiben vor, die Chanukkalichter draußen zu zünden, und empfehlen, zum Schutz gegen Wind und Regen Glasbehälter zu benutzen.

Zwischen den Zeilen dieser rabbinischen Ausführungen kann man lesen, dass Juden heute selbstbewusst sind. Die Zeiten, da die Ausübung der Religion verboten war, kennen die meisten nur noch aus Büchern oder Erzählungen. Dieses Selbstbewusstsein hat seine Geburtsstunde mit dem Teilungsplan für Palästina vor 70 Jahren, nur wenige Tage vor dem Chanukkafest. Und dennoch steht heute das jüdische Volk weltweit vor neuen Herausforderungen: Da ist der wachsende Antisemitismus, der oft getarnt als Israelkritik sowohl von rechts als auch von links daherkommt. Da sind immer mehr Populisten, Holocaustleugner und Geschichtsverdreher, die Dunkelheit in die Welt bringen, sowie religiöser Fanatismus und Gewalt.

Dunkelheit Nach dem Sieg der Makkabäer und der Einführung des Gebots, die Chanukkalichter draußen zu zünden, wollten die Weisen allen nachkommenden Generationen eine Botschaft senden: Der Dunkelheit begegnet man mit Licht, und für die Rechte und Frieden muss gekämpft werden. Dafür muss man seine Wohlfühlzone, sein Haus, verlassen.

Genau das taten die Makkabäer. Sie hatten erkannt, dass sich zu verstecken oder zu Hause zu bleiben die falsche Strategie ist, ja sogar gefährlich sein kann. Umso wichtiger ist es, heute jegliche Versuche zu bekämpfen, das Existenzrecht Israels infrage zu stellen und unter dem Deckmantel des Antizionismus antisemitisch zu agieren. So wie die Chanukkalichter erst bei Anbruch der Dunkelheit angezündet werden – denn dann braucht man das Licht am meisten –, so muss auch der Ort für die Chanukkia der sein, wo das Licht am meisten fehlt.

In diesem jüdischen Jahr werden alle Juden weltweit den 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel feiern. Es war die Generation der Überlebenden, die für sein Existenzrecht gekämpft hatte und sofort nach der Staatsgründung die Menora zum Wappen des Staates Israel erklärte. So wurde es für die Juden – von den Makkabäern bis zu den Zionisten – zur Natur, der Dunkelheit mit Licht zu begegnen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

Wajera

Kraft der Liebe

Warum das gute Verhältnis zwischen Ehepartnern in der Tora eine große Rolle spielt

von Vyacheslav Dobrovych  15.11.2019

Talmudisches

Die Verdienste eines Kerkermeisters

Von der Wirksamkeit des Gebets

von Yizhak Ahren  15.11.2019

Perspektive

Das Schöne ist kein Selbstzweck

Jahrhundertelang schien sich das Judentum kaum mit Ästhetik beschäftigt zu haben

von Rabbiner Raphael Evers  14.11.2019

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019