Der Wochenabschnitt Schemot ist mehr als der Auftakt eines neuen biblischen Buches. Im Übergang vom friedlichen Leben der Kinder Jakows zum drückenden Joch der ägyptischen Sklaverei vollzieht sich ein innerer Wandel.
Die Tora betont, dass »ein neuer König aufstand, der Josef nicht kannte«. Die Rabbinen im Talmud diskutieren: Konnte er Josef wirklich nicht kennen? Oder wollte er ihn nicht kennen?
Hier liegt eine tiefe menschliche Wahrheit. Manchmal ist das Vergessen nicht ein Mangel an Erinnerungsvermögen, sondern ein bewusster Akt moralischer Verdrängung. Wer Wohltaten leugnet, entledigt sich der Verpflichtung zur Dankbarkeit. Und wer Dankbarkeit ablegt, setzt den ersten Schritt in Richtung Unterdrückung.
Wo Ängste geschürt werden, entstehen Feindbilder
So entstand eine Atmosphäre, in der die Israeliten nicht mehr als Menschen wahrgenommen wurden, sondern als anonyme Fremde, deren Zahl angeblich eine Bedrohung darstellte. Die Tora hält uns so einen Spiegel unserer Gegenwart vor: Wo Ängste geschürt werden, entstehen Feindbilder. Wo Feindbilder entstehen, ist der Weg zur Entrechtung bereits geebnet.
Im Mittelpunkt der Parascha stehen die beiden Hebammen Schifra und Pua – zwei Frauen, die nicht mit Waffen, nicht durch politische Macht, sondern allein durch ihr Gewissen die erste Rettung der israelitischen Kinder bewirken. Manche Quellen identifizieren sie mit einfachen Frauen, die dem Pharao in nichts verpflichtet waren.
Der Pharao befahl den israelitischen Hebammen, die jüdischen Knaben nach der Geburt zu töten. Die Mädchen werden wir als Sklavinnen verkaufen, dachte der Herrscher, und damit wäre das Problem auch schon gelöst. Dieser Plan scheiterte unerwartet am Widerstand der Hebammen. In einer Welt, in der Befehl und Gehorsam herrschten, wagten sie es, nicht zu gehorchen.
So lehrt uns die Tora: Zivilcourage beginnt oft im Verborgenen – bei Menschen, die keine Chronik nennt, aber deren Mut die Geschichte verändert.
Mosches Mutter Jochewed konnte ihr Neugeborenes drei Monate lang verstecken, aber dann ging es nicht mehr. Sie fasste einen Entschluss, der für jede Mutter grenzenlos schmerzhaft ist – und doch voller Vertrauen. Sie nahm ein kleines Körbchen aus Schilf, bestrich es sorgfältig mit Teer und Pech, damit kein Tropfen Wasser eindringen konnte, legte das Kind hinein und hüllte es in ein Tuch. Am Ufer des Nils setzte sie das Körbchen ins Wasser.
Die Tochter des Pharaos handelt nicht nach Staatsräson, sondern nach Mitgefühl
Doch inmitten des Schreckens lässt G’tt einen Ausweg entstehen: Das Kind fällt nicht den Schergen in die Hände, sondern wird von der Tochter des Pharaos gefunden. Hier entfaltet sich eine g’ttliche Ironie: Nicht die Palastbeamten, nicht die Herrscher, nicht die Krieger – sondern eine junge ägyptische Frau wird zur Retterin des Kindes, welches das Reich ihres Vaters herausfordern wird. Die Tochter des Pharaos handelt nicht nach Staatsräson, sondern nach Mitgefühl. In einer Zeit, in der alle gegen die Israeliten aufgehetzt wurden, hatte sie den Mut, ein israelitisches Kind als eigenes anzunehmen – und wird damit zum Werkzeug g’ttlicher Vorsehung.
Mosche wächst an einem Ort auf, der seine Identität zugleich nährt und verfremdet. Er gehört nicht zu den Sklaven – aber auch nicht zu den Herrschenden. Er ist ein Prinz ohne Thron und ein Israelit ohne Heimat.
Vielleicht war es gerade diese doppelte Zugehörigkeit, die ihn befähigte, die Ungerechtigkeit zu erkennen, als er den ägyptischen Sklaventreiber sah, der einen Hebräer schlug. Seine Reaktion – der Mord an dem Schergen – markiert einen Wendepunkt: Mosche begreift, dass er weder im Palast noch unter seinem Volk Sicherheit findet.
Die Flucht nach Midjan ist nicht nur ein geografischer Rückzug, sondern eine innere Reise. Er wird Hirte – ein Beruf, der Geduld, Stille und Aufmerksamkeit erfordert. In der Einsamkeit der Wüste schärft sich sein Blick für die verlorenen, verletzten und müden Schafe. Vielleicht hat ihn gerade dies auf seine künftige Aufgabe vorbereitet.
Ein Feuer, das brennt und doch nicht verzehrt
Als Mosche den brennenden Dornbusch sieht, begegnet ihm etwas völlig Neues: ein Feuer, das brennt und doch nicht verzehrt. Dies ist das Symbol des jüdischen Volkes – leidend und bedrängt, doch nie ausgelöscht. Der Ort der Offenbarung ist bemerkenswert: kein Berg, kein Tempel, keine heilige Stätte. Ein einfacher Dornbusch. Damit setzt die Tora ein Zeichen: G’tt ist nicht der G’tt der Paläste, sondern der G’tt der Unterdrückten.
Mosche lehnt die g’ttliche Berufung ab, das Volk zu befreien – nicht aus Trotz, sondern aus Demut. Er fragt sich: Wer bin ich? Bin ich würdig? Höre ich richtig? Bin ich ein Anführer?
Unsere Rabbinen erinnern daran: Auch Jona floh, auch Jirmejahu weinte, auch Jeschajahu sagte: »Ich bin ein Mann unreiner Lippen.« Nur die falschen Propheten folgten sofort.
Mosches Einwand, er sei »kein Mann der Rede«, erinnert daran, dass wahre Führung nicht aus Eloquenz entsteht, sondern aus Charakter. G’tt weist Mosches Einwände zurück, nicht indem er die Fehler beseitigt, sondern indem er ihm seinen Bruder an die Seite stellt: Aharon.
Erste Begegnung zwischen Mosche und dem Pharao
Die erste Begegnung zwischen Mosche und dem Pharao ist kein politisches Gespräch, sondern ein Konflikt der Weltanschauungen. Der Pharao verkörpert die Vorstellung, dass Macht g’ttlich ist. Israel verkörpert die Idee, dass G’tt Freiheit will. Die Frage des Pharaos – »Wer ist G’tt, auf dessen Stimme ich hören soll?« – ist nicht intellektuell gemeint, sondern ideologisch. Ein Herrscher, der unterdrückt, kann sich einen G’tt der Freiheit nicht vorstellen.
Sefer Schemot, das 2. Buch Mose, ist nicht nur die Geschichte eines Volkes. Es ist ein Lehrstück über Moral, Identität und Verantwortung.
Es zeigt: Unterdrückung beginnt mit Vergessen, Rettung beginnt mit Mut, Offenbarung beginnt in der Stille, Führung beginnt mit Demut, Freiheit beginnt mit der Stimme des Gewissens.
Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.
inhalt
Der Wochenabschnitt Schemot erzählt von einem neuen Pharao, der die Kinder Israels versklavt. Er ordnet an, alle männlichen Erstgeborenen der Hebräer zu töten. Eine Frau aus dem Stamm Levi will ihren Sohn retten und setzt ihn in einem Körbchen auf dem Nil aus. Pharaos Tochter findet das Kind, adoptiert es und gibt ihm den Namen Mosche. Der Junge wächst im Haus des Pharaos auf. Erwachsen geworden, erschlägt Mosche im Eifer einen Ägypter und muss fliehen. Er kommt nach Midjan und heiratet dort die Tochter des Priesters Jitro. Der Ewige spricht zu Mosche aus einem brennenden Dornbusch und beauftragt ihn, zum Pharao zu gehen und die Kinder Israels aus Ägypten hinauszuführen.
2. Buch Mose 1,1 – 6,1