Talmudisches

Mit Andacht

»Man stelle sich weder traurig hin zum Beten noch träge, noch im Scherzen, noch im Geplauder ...« (Baba Batra 116a). Foto: Marco Limberg

Talmudisches

Mit Andacht

Was unsere Weisen über das richtige Beten lehrten

von Yizhak Ahren  20.07.2023 09:49 Uhr

Im Talmud lesen wir (Baba Batra 116a): »Rabbi Pinchas Bar Chama trug vor: Wer einen Kranken in seinem Haus hat, gehe zu einem Weisen, dass er für ihn um Er­barmen flehe, denn es heißt: ›Des Königs Grimm gleicht Todesboten, doch ein weiser Mann besänftigt ihn‹« (Mischle 16,14).

Dass man für die Genesung von Erkrankten beten kann, wissen wir bereits aus der Tora: »Awraham betete zu Gott; da heilte Gott Awimelech, seine Frau und seine Mägde, dass sie gebären konnten« (1. Buch Mose 20,17). Und als Mirjam aussätzig wurde, betete Mosche für seine Schwester: »Gott, oh heile sie doch!« (4. Buch Mose 12,13).

Pinchas Bar Chama lehrt nun darüber hinaus, dass man zu einem Weisen gehen soll. Warum? Nach der eingangs zitierten Übersetzung ist die Antwort: damit der Gelehrte für den Kranken um Erbarmen flehe.

Chassidismus Der Talner Rebbe, Rabbiner Yitzhak (Isadore) Twersky (1930–1997), bemerkte allerdings, dass diese Lesart dem Talmud eine chassidische Orientierung zuschreibe. Denn im modernen Chassidismus pflegen Anhänger eines Rebben diesen frommen Mann um ein Gebet für erkrankte Personen zu bitten.

Rabbi Twersky wies darauf hin, dass der mittelalterliche Rabbiner Menachem Hameïri (1249–1315) den Talmud anders verstanden hat. Jener meinte, man solle den Weisen aufsuchen, um von ihm zu lernen, wie man richtig betet! Demnach soll nicht der Weise beten, sondern diejenige Person, die zu ihm kommt.

Nach Meïris Kommentar ist die oben zitierte Talmudstelle folglich so zu übersetzen: »Rabbi Pinchas Bar Chama trug vor: Wer einen Kranken im Haus hat, gehe zu einem Weisen, und dann flehe er für ihn um Erbarmen.« Man müsse also lernen, wie man richtig betet.

Im Talmud findet man Hinweise, wie, wann und wo man beten soll. So haben die Weisen aus dem Gebet der Prophetin Channa, die ein Kind haben wollte, mehrere Anweisungen abgeleitet, so zum Beispiel, dass der Betende mit seinen Lippen deutlich spreche und dass man beim Beten die Stimme nicht erheben darf (Berachot 31a).

Auf derselben Seite der Gemara steht: »Die Rabbanan lehrten: Man stelle sich weder traurig hin zum Beten noch träge, noch im Scherzen, noch im Geplauder, noch in leichtfertigem Treiben, noch in eitlem Geschwätz, sondern in Fröhlichkeit wegen einer gottgefälligen Handlung.«

Konzentration Die Wichtigkeit von Konzentration und Andacht hat Rabbi Schimon in der folgenden Mischna hervorgehoben: »Sei achtsam beim Lesen des Schma und des Gebets. Wenn du betest, dann behandle dein Gebet nicht als eine feststehende Aufgabe, sondern als Ausdruck der Empfindung und der Bitten vor dem Allgegenwärtigen!« (Sprüche der Väter 2,18).

Beten ist keine leichte Aufgabe. In seinem Werk Die Welt der Gebete stellte Rabbiner Elie Munk (1900–1981) fest: »Unser Zeitalter ist der Gnade des Betenkönnens verlustig gegangen. Nur Vereinzelte sind es noch, die ihre Seele aus der qualvollen Resignation unserer Tage, aus der drückenden Last der täglichen Sorgen, aus dem verhängnisvollen Bann des rationalistischen und materialistischen Denkens zu befreien vermögen, um mit der tiefen Inbrunst ihres Herzens die Erfüllung ihres Daseins von ihrem Schöpfer zu erflehen. Der Masse unseres Volkes hat das Gebet nichts mehr zu sagen.«

Gerade in einer solchen historischen Situation verdient Rabbi Pinchas Bar Chamas Lehrsatz große Beachtung! Einige jüdische Pädagogen haben Vorschläge gemacht, wie eine erfolgreiche Erziehung zum Beten aussehen könnte. Religiöse Erzieher empfehlen, dass Elternhaus, Religionsunterricht und Synagoge eng zusammenarbeiten, um das jüdische Gebetsleben in der Gegenwart aufzubauen und zu stärken.

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